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»Wie ein getroffenes U-Boot«

Im Wortlaut,

Herr Bello, die Weltbank hat dieser Tage kräftig Alarm geschlagen und vor einem Absturz der Weltwirtschaft gewarnt. Wie schätzen sie die Auswirkungen dieser Entwicklung auf den Süden ein?

Sie werden massiv sein. Am stärksten werden Volkswirtschaften leiden, die sich vollständig der Globalisierung geöffnet und ihr Wachstum etwa durch exportorientierte Industrialisierung an die Märkte im Ausland geknüpft haben. Weit weniger betroffen sind dagegen Länder mit geringerem Öffnungsgrad, zum Beispiel viele Staaten in Afrika.

Welche Effekte hat die Krise bereits?

Die Agrarexporte von Argentinien und Brasilien befinden sich im freien Fall. In Ostasien sind die Exporte ebenfalls steil abgestürzt. In China haben laut der Regierung 20 Millionen Arbeiter in den vergangenen Monaten ihre Jobs verloren. Der Wert des koreanischen Won ist um mehr als 30 Prozent gefallen. Die Überweisungen südostasiatischer Arbeitsmigranten in ihre Heimatländer sinken gewaltig, die arbeitslosen Arbeiter kehren zudem verstärkt nach Indonesien und auf die Philippinen zurück.

Wird sich die Situation weiter verschlimmern?

Ja, definitiv. Wir sind erst am Beginn des weltweiten Absturzes. Ich weiß nicht wann der Tiefpunkt erreicht sein wird - und wie lange die Weltwirtschaft dort dann verharrt. Die globale Ökonomie ist wie ein getroffenes U-Boot, das mit großer Geschwindigkeit zum Meeresboden sinkt. Wenn es dort aufgeschlagen hat: Niemand weiß, ob die Besatzung es jemals wieder flott bekommt und zum Aufsteigen bringt. Ebenso wenig wissen wir, ob keynesianische Wiederbelebungsversuche die Wirtschaft in Schwung bringen werden.

Erwarten Sie, dass die G20 die ökonomischen Turbulenzen in den Griff bekommen?

Nein. Die Voraussetzungen für ein neues Bretton-Woods-System sind nicht gegeben. Jeder ist sich immer noch selbst der Nächste. Es gibt wenig Unterstützung für eine Reform des IWF und eine stärkere Rolle der Weltbank. Zudem wird in der WTO der Abschluss der Doha-Runde nicht vorangetrieben, da viele Verhandler der Globalisierung misstrauen. Zudem ist im Basel-Prozess versäumt worden, den Banken den nötigen Regelungsrahmen zu geben. Es wird viele nette Worte über Multilateralismus geben - aber wenig Taten.

Wie beurteilen Sie das Programm der US-Administration unter Präsident Barack Obama im Hinblick auf die Weltwirtschaft?

In der Wirtschaftspolitik wendet sich die Administration nach innen und damit von Globalisierung und Freihandel ab. Sie spricht sich zwar für Multilateralität und gegen Protektionismus aus, aber das sind bislang nur Worthülsen. Obamas erste Priorität ist die Stabilität der US-Ökonomie. Das Ausland kann warten. Rhetorisch werden die USA beim G20-Treffen in London eine führende Rolle übernehmen, wenn es um die globale Finanzarchitektur und starke Regulation geht. Die tatsächliche Ausrichtung wird dann aber den einheimischen Interessen untergeordnet werden. Erst wenn der Absturz der US-Ökonomie gestoppt ist, wird sich Obama internationalen Wirtschaftsthemen zuwenden.

Wie sieht es mit Europa aus?

Die EU wird sich ähnlich den Vereinigten Staaten stärker auf die Binnenperspektive konzentrieren. Dabei bleibt abzuwarten, ob sie sich für brauchbare Stabilisierungskonzepte für die gesamte Region entscheidet oder aber in Nationalstaatsdenken zurückfällt. Ich befürchte, dass die Unterstützung für Multilateralismus und weltweite Politikansätze in Europa erodieren wird. Sorge bereitet mir zudem, was den Arbeitsmigranten aus dem Osten und dem Süden angesichts einer schrumpfenden Wirtschaft in der EU bevorsteht. Rassismus und ethnische Vorurteile könnten sich auszutoben beginnen.

Was müsste dringend getan werden, um ein weiteres Auseinanderdriften der Weltwirtschaft zu verhindern?

Angesichts der weltwirtschaftlichen Exzesse ist Deglobalisierung eine gute Sache. Sie muss begleitet sein von wirtschaftlicher Regionalisierung und gestärkten nationalen Ökonomien. Die Globalisierung hat nationale Volkswirtschaften ruiniert. Sie hat sie verletzlich bis hin zum Zusammenbruch gemacht, indem sie schützende Grenzen niederriss sowie Produktion und Handel dem Weltmarkt unterwarf. Die Herausforderung für uns ist, wie sich ein Weltsystem schaffen lässt, in dem die Teilnahme am globalen Kapital- und Güterverkehr die nationalen Ökonomien stärkt statt sie zu zerstören.

Wie schätzen Sie den Zustand der Linken und der sozialen Bewegungen derzeit ein?

Die Linke hat das theoretische Rüstzeug für das Verständnis der Krise. Besonders wichtig ist dabei die marxistische Analyse - einschließlich der Einsichten von Rosa Luxemburg - , dass der Kapitalismus zu Überakkumulation und Überproduktion tendiert. Die Herausforderung liegt darin, weltweit eine Massenbewegung aufzubauen und national eine antikapitalistische Antwort auf die Krise zu befürworten. Demokratie in der Wirtschaft, mehr Demokratie in der Politik müssen die Ziele sein. Wir müssen uns beeilen, denn wenn wir keine linken Angebote für die Leute haben, lassen sie sich vielleicht von Rechten überzeugen. Einen Rückfall von Staaten in ein Szenario wie in den 1930er-Jahren aber können wir nicht wollen.

Interview: Henning Heine

tageszeitung, 19. März 2009