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Wertschöpfung für wen?! Chancen und Risiken des Wertschöpfungskettenansatzes in der Entwicklungszusammenarbeit

Im Wortlaut von Niema Movassat,

Bericht zum Fachgespräch der Linksfraktion am 04.03.2015

 

 

Niema Movassat (2.v.l.) diskutiert mit den Gästen

Von Niema Movassat, Sprecher für Welternährung der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag


Um die Entwicklung ländlicher Räume zu fördern und Armut zu bekämpfen, erfreut sich ein Instrument in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) seit einigen Jahren zunehmender Beliebtheit: die Integration von Bäuerinnen und Bauern in Wertschöpfungsketten. Bäuerinnen und Bauern sollen dadurch stabile Absatzwege gewinnen, ihre Produktion modernisieren, an die Bedürfnisse des Marktes anpassen und dadurch insgesamt ihr Einkommen steigern. Allerdings weisen etliche wissenschaftliche Studien auch auf Probleme dieses marktbasierten Ansatzes hin: Bereits marginalisierte Bäuerinnen und Bauern bleiben aus den Wertschöpfungsketten meist ausgeschlossen, was eine ungleiche Entwicklung im ländlichen Raum und ungleiche Machtverhältnisse in der Wertschöpfungskette verstärkt. Nach Schätzungen betrifft dieser Ausschluss bis zu 90 Prozent der Bauern in den Entwicklungsländern.

Bauern stecken in Armutsfalle

Beim Fachgespräch "Wertschöpfung für wen?“, das mit 50 Teilnehmenden und fünf Referentinnen und Referenten überaus gut besucht war, wurde lebhaft über die Chancen und Risiken des Wertschöpfungsketten-Ansatzes sowie die Rolle der deutschen Entwicklungszusammenarbeit diskutiert.

Für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sprach Dr. Stefan Schmitz von der Sonderinitiative "Eine Welt ohne Hunger". Er erklärt, dass die Bäuerinnen und Bauern einen zu geringen Anteil an der Wertschöpfung haben und in der Armutsfalle stecken. Daher will das BMZ die Möglichkeit der lokalen Bauern, über den eigenen Verbrauch hinaus auch für lokale und nationale Märkte zu produzieren, stärken. Hierbei sollen beispielsweise Bildungs- und soziale Maßnahmen flankierend wirken. Ähnlich Dr. Gerd Fleischer von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Er beklagte, dass die Armut von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern auch deshalb so hoch sei, da sie oft von Märkten abgeschnitten seien, obwohl zur Stärkung der Potenziale der Kleinbauern der Markt essenziell sei. Dr. Fleischer stellte das Fallbeispiel "Competitive African Cotton Initiative2 (COMPACI) vor, bei der 700.000 Kleinbäuerinnen eingebunden sind. Der Fokus liege auf Bildung,  Erzeugergemeinschaften und Schulungen, bei denen die Landwirte lernen, was sich anzubauen lohnt (z.B. Kakao, Mais oder andere Produkte).

Anders sah es Dr. Ruth Sarah Sippel vom “Centre for Area Studies“ an der Universität Leipzig. Sie kritisierte, dass der Wertschöpfungskettenansatz blind sei für die staatlichen, institutionellen und globalen Rahmenbedingungen, die den Landwirtschaftssektor stark prägen. Zudem fehle die Beschäftigung mit den Machtstrukturen innerhalb der Wertschöpfungsketten, die meist vom Handel dominiert werden, z.B. durch die Setzung von Standards. Nach ihrer Einschätzung braucht es alternative Handelswege, auch jenseits des ökonomischen Profits und der großen Wertschöpfungsketten, damit auch Kleinbäuerinnen und Kleinbauern eine Chance haben und nicht nur auf Einnahmesteigerung großer Konzerne gesetzt wird.

Politische Position der Bauern stärken   Prof. Dr. Theo Rauch, Entwicklungsexperte von der FU Berlin, mahnt, dass der Wertschöpfungskettenansatz zwar unverzichtbar sei, um eine Welt ohne Hunger zu schaffen. Als alleiniger Fokus sei er aber unzureichend, da die Menschen der Logik der Märkte unterworfen würden. Der Ansatz führe im Globalen Süden dazu, dass die meisten Kleinbäuerinnen und -bauern aus der Wertschöpfung herausfallen, weil sie die Bedingungen nicht erfüllen. Der agrarische Strukturwandel, wie er in Europa vor sich gegangen sei, sei in den meisten Ländern des Südens nicht möglich, da es einerseits nicht genug Beschäftigung, um arbeitslose Bauern aufzunehmen, gebe und andererseits Kleinbauern, die aus Wertschöpfungsketten herausfallen, noch mehr verarmen. Er plädierte dafür, dass die Logik der Märkte und die Logik der Menschen zusammengeführt werden müsse, mit der Entwicklungszusammenarbeit als ehrlicher Makler. Wichtig sei bei den Projekten die Reihenfolge: zuerst müsse man die Menschen und ihre Potentiale kennen, die sie bei Nahrungsmittelproduktion haben, und dann geeignete Wertschöpfungsketten finden. Zudem müsse die politische Position der Bauern gestärkt werden, damit sie Unternehmen nicht schutzlos ausgeliefert sind.   Benjamin Luig, entwicklungspolitischer Referent von Misereor, zeigt am Beispiel eines Projekts in Uganda, wie die NGO mit dem Wertschöpfungskettenansatz arbeitet. Dabei geht es um die Kollektiv- und Individualvermarktung mit dem Ziel, diversifizierten Marktzugang zu schaffen durch Lerngruppen, den Aufbau neuer Absatzkanäle und bessere Infos über Vermarktung.  An erster Stelle müsse aber die Ernährungssicherheit der Menschen vor Ort stehen.   Macht der Konzerne brechen

In der anschließenden Diskussion bekräftigte Dr. Schmitz, dass es vor allem um die Stärkung nationaler Wertschöpfungsketten gehe. Benjamin Luig von Misereor forderte, dass informelle Märkte viel stärker berücksichtigt werden müssen. Und Prof. Theo Rauch konstatierte, dass die Trennung zwischen nationalen und internationalen Märkten nicht mehr aufrechtzuerhalten sei, weil Bedingungen und geforderten Standards oft die gleichen sind. Starke Kritik regte sich auch bei den Teilnehmenden an der Macht der Lebensmittelkonzerne, die zunehmend über private Standards vorgeben, wie die Produktion genau abzulaufen hat. Lokale Produzenten im Süden können diese Standards allerdings oft nicht erfüllen, weshalb dann europäische Produkte importiert werden. DIE LINKE plädiert für eine politische Diskussion darüber, wie diese Privatisierung gestoppt und die Macht der Konzerne gebrochen werden kann.

linksfraktion.de, 6. März 2015

 

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