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Schlange vor Berliner TafelFoto: Olaf Krostitz

Wenn die Tafel nicht wäre ...

Im Wortlaut,

Es sind die einfachen Leute, die unter der Krise am meisten leiden – Gastronomen, Arbeitslose, Rentnerinnen und Alleinerziehende. Wir sind nach Bernburg in Sachsen-Anhalt und zu einer Tafel in Berlin gefahren, um mit denen zu sprechen, die den Laden trotz allem am Laufen halten. 

So wie Vasili wünschen sich alle Gastronominnen und Wirte, dass die Leute kommen und es sich bei Wein, Kaffee, Kuchen oder einem duftenden Essen gut gehen lassen. Etwa 2 Millionen Menschen würden sich das auch gerne leisten – ausgehen und einmal nicht auf jeden Cent achten müssen. Für sie aber bleibt das ein unerreichbarer Luxus. Sie gehen zur Tafel.

Es ist einer der letzten sonnigen Spätsommertage im Berliner Bezirk Schöneweide. Etwas versteckt hinter hohen Hecken liegt ein Garten, mittendrin viele ausladende Bäume. Darunter sitzen oder stehen Frauen und Männer, Kinder laufen umher, spielen mit den ersten heruntergefallenen Kastanien. Es ist Donnerstag. Lebensmittelausgabe.

Irgendwann ging alles verloren

Gaby ist Rentnerin, hat immer gearbeitet, sich nach der Wende zur examinierten Pflegerin ausbilden lassen. Angeboten wurde ihr danach nur ein Job als Hilfspflegerin – Arbeit unter Wert, in einer ohnehin schlecht bezahlten Branche. Dann machte sie sich selbstständig, war 14 gute Jahre lang Gastwirtin. Damals ahnte sie nicht, dass sie aus der privaten Krankenversicherung nie mehr rauskommen würde. Von ihrer 1.100-Euro-Rente gehen allein dafür monatlich 400 Euro drauf. Und das, obwohl sie schon den niedrigsten Tarif hat. Ohne das wöchentliche Tafelangebot käme sie kaum über die Runden. Clarissa sitzt neben ihr. Sie selbst braucht die Tafel nicht, ihre alleinerziehende Tochter und die Enkelin aber schon.

Die Verteilung der Lebensmittel beginnt genau dann, wenn die Kitas schließen – nämlich um 16.00 Uhr und zieht sich je nach Kundenzahl bis in den frühen Abend. Und so geht Clarissa als Großmutter mit einer Vollmacht in die Tafelrunde. Es seien alles nette Leute hier, sagt sie, und es gehe herzlich zu. Und dann ist da noch Kalle, ein drahtiger junger Kerl von 36 Jahren. Früher hatte er alles: einen Beruf, ein Haus in Köpenick, eine Frau, zwei Kinder.

Irgendwann ging alles verloren. Kalle landete auf der Straße, war vier Jahre obdachlos. Eine Streetworkerin holte ihn zurück – ein Glück, sagt er. Heute ist er wieder im System, bekommt Hartz IV, darf sich Lebensmittel von der Tafel holen. Seinen Stolz hat er nicht verloren. Vom Jobcenter wünscht er sich Arbeitsmöglichkeiten mit einem Lohn, von dem er leben kann. Er ist gelernter Betriebsschlosser, bislang gab es nur Vermittlungen an Zeitarbeitsfirmen.

Alle arbeiten ehrenamtlich

Die Tafel von Laib und Seele gibt es seit 2004. Manchmal kommen 120 Kundinnen und Kunden, manchmal über 200, erzählt Andreas Bredereck, der die Tafel seit sieben Jahren leitet. In seinem Arbeitsleben war er bei der bekannten Firma Gillette angestellt. Jetzt, im Ruhestand, will er noch was Gutes tun. Das gilt für alle in seinem Team. Studierende sind dabei, Jungs im Schülerpraktikum, Frauen und Männer, die selbst zur Tafel gehen, Leute im Job, auch syrische Frauen, die vor Jahren im Stadtbezirk ein neues Zuhause gefunden haben. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Die Lebensmittelkisten werden je nach Familiengröße bestückt. Erwachsene zahlen 1,50 Euro, Kinder gar nichts. Eine muslimische Familie findet in ihrer Lebensmittelkiste natürlich nichts mit Schweinefleisch und selbst vegetarisch und vegan lebende Kundinnen und Kunden können gut versorgt werden. Bevor Steffi, Peggy, Güle und all die anderen mit dem Verteilen beginnen, gibt es erst einmal Kaffee und Kuchen für alle Großen und Kleinen. Unter den Bäumen auf den selbst gezimmerten Holzbänken kommt man gut ins Gespräch. Die Tafel stillt mehr als den möglichen Hunger. Hier in Schöneweide ist sie ein Ort der Begegnung.



Tafeln in Deutschland

• Es gibt etwa 960 Tafeln bundesweit
• Rund 2 Millionen Menschen brauchen die Lebensmittelspenden
• Etwa 60.000 Helferinnen und Helfer engagieren sich ehrenamtlich
• Seit Beginn der Preissteigerungen ist der Andrang bei den Tafeln drastisch gestiegen
• Aktuell sind besonders Rentnerinnen und Rentner, Menschen mit geringem Einkommen und Erwerbslose auf die Hilfe angewiesen
• Zu fast allen Tafeln kommen Geflüchtete aus der Ukraine
• 30 Prozent der Tafeln verhängten einen Aufnahmestopp
• Es gibt einen Rückgang der Spenden



 


Text: Paula Hansen 
Fotografie: Olaf Krostitz

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