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Weltsozialforum: Kämpferisch und internationalistisch hat es eine Chance

Im Wortlaut von Niema Movassat,


Von Niema Movassat, Sprecher für Welternährung der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

 

Im kanadischen Montreal findet seit Dienstag das 13. Weltsozialforum statt. Zehntausende Aktivistinnen und Aktivisten kommen zusammen, um über progressive Ansätze für eine bessere Welt für alle Menschen zu diskutieren. Angesichts der fatalen Schäden, die das kapitalistische Weltwirtschaftssystems überall auf der Welt anrichtet, ist das heute nötiger denn je: Der Klimawandel trifft einmal mehr den benachteiligten globalen Süden am härtesten, die Umverteilung von Unten nach Oben nimmt rund um den Erdball immer krassere Formen an, Kriege und bewaffnete Konflikte – oftmals geführt aus reinem Profitinteresse – stürzen immer mehr Menschen in Elend und Flucht. Radikale Veränderungen sind überlebenswichtig geworden für die Menschheit, will sie nicht in Barbarei und Chaos versinken.

Gleichzeitig hat die Bedeutung des Weltsozialforums in den letzten Jahren abgenommen. Von der Ende der 90er Jahre entstandenen globalisierungskritischen Bewegung, aus der das Forum hervorging, ist heute nicht mehr viel übrig. Die Krise der Linken in Lateinamerika bietet heute auch viel weniger Projektionsfläche für realpolitische Alternativen. Zugenommen hat hingegen die Kritik. Die Wahl des diesjährigen Veranstaltungsortes in einem reichen Industriestaat sollte zwar ein Zeichen setzen gegen die Nord-Süd-Kategorisierungen, hat sich aber als völlig kontraproduktiv erwiesen. Denn viele AktivistInnen aus den Ländern des Südens konnten aus finanziellen oder visarechtlichen Gründen gar nicht erst nach Montreal reisen. Wenn Vertreterinnen und Vertreter westlicher Nichtregierungsorganisationen jetzt gemeinsam mit lokalen Gruppen aus Kanada das Weltsozialforum quasi unter sich ausmachen, läuft etwas grundsätzlich falsch.

Der breiten Masse der Weltbevölkerung wird es in den nächsten Jahren nicht besser gehen, wenn nicht auch soziale Kämpfe sich endlich internationalisieren. Das wird aber nur geschehen, wenn der am meisten von Ungerechtigkeit etwa durch neokoloniale Handelsbeziehungen globale Süden gleichberechtigt beteiligt ist.

In den letzten Jahren rückten viele neue Protestbewegungen nicht als Verjüngungskur in die WSF-Strukturen nach. Eine entscheidende Herausforderung für das Weltsozialforum wird es deshalb auch sein, ob es zukünftig auch jüngere Protestbewegungen wie Blockupy, die Empörten oder die Nuit Debout besser einbinden kann. Im globalen Süden ergaben sich in vielen Regionen existentielle politische Verteidigungskämpfe, die oftmals alle Energien auf lokaler Ebene bündelten.

Während die eine Hälfte der Welt Nahrungsmittel im Überfluss produziert, hungern auf der anderen Seite der Welt über 800 Millionen Menschen. 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Finanz- und Schuldenkrisen treiben Staaten an den Rand ihrer Existenzfähigkeit und Menschen in Armut. Die beim Weltsozialforum in den letzten Jahren immer weiter voranschreitende Öffnung gegenüber neuen Themen darf dabei nicht das grundlegende Problem aus dem Auge verlieren: die kapitalistische Weltwirtschaftsordnung – sie ist und bleibt die Ursache der größten globalen Probleme.

Das Weltsozialforum hat aber auch dazugelernt: Wenn dieses Mal auf einem „Marktplatz der Initiativen“ ein Forum geschaffen wird, um vom Nachdenken zum Handeln zu kommen, ist das ein wichtiger Fortschritt. Wer heute schon den Abgesang auf das Forum anstimmt, liegt deshalb falsch. Seine wichtigste Aufgabe war schon immer die Koordination zwischen Grasswurzel-Bewegungen aus allen Teilen der Welt. Wenn das größte Treffen der globalen Protestbewegungen sich wieder mehr darauf besinnt und ausreichend kämpferisch agiert, bleibt es unverzichtbar für progressive, linke Kräfte. Letztlich geht es am Ende um nichts weniger als die Rettung unseres Globus vor Elend, Krieg und Ausbeutung.

linksfraktion.de, 11. August2016

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