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»Vorbildlich an Allendes Sieg war der demokratische Weg«

Interview der Woche von Roland Claus, Lukrezia Jochimsen,

Am 4. September jährt sich zum 40. Mal der Wahlsieg der Unidad Populär 1970 in Chile, unter der Führung von Salvador Allende. DIE LINKE im Bundestag lädt zum Festakt in Berlin, weil »die Hoffnungen und Ideen von damals heute ganz aktuell sind und es eine große Sehnsucht gibt, sie ließen sich endlich verwirklichen«, weiß Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion. Im Interview der Woche erinnert sie mit Ostkoordinator Roland Claus an die Bedeutung der Wahl und des Putsches.

Unter dem Titel »Ein Fest für Allende« lädt DIE LINKE am 4. September zu einem Festakt nach Berlin. Was gibt’s zu feiern?

Luc Jochimsen: Zu feiern gibt es, dass zum ersten Mal in der Geschichte sich in freien Wahlen die Mehrheit eines Landes für den Sozialismus entschieden hat - vor 40 Jahren und in Lateinamerika!

Wieso glauben Sie, dass ein 40 Jahre zurückliegender Wahlsieg in Chile die Menschen hier und heute noch sonderlich berühren könnte, außer dass er bei der einen oder dem anderen Erinnerungen weckt?

Luc Jochimsen: Weil die Hoffnungen und Ideen von damals heute ganz aktuell sind und es eine große Sehnsucht gibt, sie ließen sich endlich verwirklichen - zum Beispiel auch und gerade in Europa.

Roland Claus, Sie haben zu dieser Zeit an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg in der DDR studiert. Der Wahlsieg Allendes war doch sicher die Titelmeldung im „Neuen Deutschland“?

Roland Claus: Ja, das war er. Und in den folgenden Tagen und Wochen gab es auf der Außenpolitikseite täglich Meldungen, Reportagen, auch ein Interview mit Allende selbst und eines mit Luis Corvalan, dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, die ja ebenfalls zum Wahlbündnis Unidad Popular, das Allende trug, gehörte. Zu meinem großen Erstaunen habe ich jetzt im Rückblick aber festgestellt, dass die SED-Spitze sich mit offiziellen Äußerungen lange zurück hielt. Im dem Neuen, das da in Chile probiert wurde, steckte offenbar auch Verunsicherung. Dass da sozialistische Ideen und Demokratie zusammenkamen, wurde wohl als Bedrohung angesehen.

Allendes Regierung hat sehr zügig entscheidende Reformen durchgeführt - die Bodenschätze entschädigungslos verstaatlicht, ausländische Großunternehmen und Banken enteignet und Ackerland kollektiviert. Hinzu kamen kostenlose Schulbildung und Gesundheitsvorsorgung. Jedes Kind bekam täglich gratis einen halben Liter Milch. Das muss für Sie damals doch alles recht vertraut geklungen haben. Wie haben Sie die Entwicklungen in dem lateinamerikanischen Land 1970 wahrgenommen?

Roland Claus: Ich erinnere mich großer Begeisterung und Solidarität. Solidarität mit Vietnam, Solidarität mit Chile - das war etwas, wo du mit dem Herzen dabei sein konntest, und in meiner Generation war das etwas am Sozialismus, das auf besondere Weise identitätsstiftend wirkte. 1972/73, als die Attacken der USA auf Chile immer schärfer wurden, wuchs unsere Solidarität zu einer großen Bewegung. Zuvor aber habe ich mit Freude auch aufgenommen, dass Chile unter Allende die DDR völkerrechtlich anerkannt hat (am 16. März 1971).

Luc Jochimsen, welche Informationen aus Chile erhielt der politisch interessierte Bürger in der Bundesrepublik seinerzeit?

Luc Jochimsen: Die Bundesbürger erhielten so gut wie alle Informationen aus Chile. Das zeigen die vielen Zeitungsartikel von damals, die wir in unserer szenischen Lesung zitieren. Wie schrieb zum Beispiel die Aachener Volkszeitung damals, weiß Gott kein „linkes Blatt“: „Der Stimmzettel hat entschieden und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass auch der Lauf der Weltpolitik sich dem, was jetzt in Chile geschieht, nicht entziehen kann.“

Und wie haben die westdeutschen Linken über die Veränderungen in Chile diskutiert?

Luc Jochimsen: Allende war ein leuchtendes Vorbild, ein großer Hoffnungsträger - wir fürchteten allerdings von Anfang an um sein Leben und den Erfolg seiner Politik.

Sie wollen an den verheißungsvollen Anfang der Regierungszeit Allendes erinnern. Sie werden wohl aber das blutige Ende und die folgende jahrzehntelange Diktatur nicht vollends ausblenden können.

Luc Jochimsen: Das haben wir natürlich nicht vor - aber wir wollen an den Anfang des sozialistischen Chile erinnern - und Allendes Chile nicht vom Scheitern her sehen. Ähnlich wie an die Weimarer Republik wird an das sozialistische Chile ja stets als „gescheitertes Experiment“ gedacht - uns ist die unvergängliche Idee des sozialistischen Gesellschaftsentwurfs wichtig.

Mittlerweile gibt es in einer ganzen Reihe lateinamerikanischer Länder linksgerichtete Regierungen. Sind die in irgendeiner Form ein ideelles Vorbild für DIE LINKE?

Roland Claus: Die demokratische Wahl dieser linksorientierten Regierungen ist eine Mut machende Entwicklung. Die Linke in Europa kann da sicher Vieles lernen. Die heutige Situation in Lateinamerika hat auch mit dem Vermächtnis der Unidad Popular zu tun. An Allendes Sieg 1970 war vorbildlich der unbedingt demokratische Weg, der Versuch des demokratischen Sozialismus unter den konkreten chilenischen Bedingungen. Wie gefährlich der für die kapitalistische Welt war, sieht man an der Brutalität, mit der er am 11. September 1973 weggeputscht wurde. Vorbildlich ist mir, was Gerhard Schöne über die Revolution in Nikaragua Anfang der 1980er Jahre gesungen hat: „Mit dem Gesicht zum Volke.“

Was von dem, was aktuell in Bolivien, Ecuador oder Venezuela verändert wird, könnten Sie sich ähnlich auch in der Bundesrepublik vorstellen?

Roland Claus: Ich glaube nicht, dass wir vor der Aufgabe stehen, etwas „wie dort“ zu machen. Was wir tun können und müssen, ist, daran zu arbeiten, dass das internationale Umfeld für diese Versuche einer alternativen Gesellschaftsentwicklung günstiger wird, dass Putsche wie der in Chile 1973 keine Chance mehr haben und dass die lateinamerikanischen Erfahrungen für den gegenhegemonialen Diskurs der Linken an Bedeutung gewinnen.

Beobachtet die Fraktion das Geschehen in Lateinamerika ausschließlich? Oder gibt es konkrete Berührungspunkte und einen Erfahrungsaustausch?

Roland Claus: Da engagiert sich unsere Fraktion sehr konkret. Ich weiß zudem vom großen Engagement der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Lateinamerika, bin mir aber auch sicher, dass die Anstrengungen längst noch nicht ausreichen.

Festakt klingt so staatstragend. Wie viel Lateinamerika erwartet uns am 4. September in der WABE im Prenzlauer Berg?

Luc Jochimsen: Es ist kein Festakt zu erwarten. Es soll ein Fest werden: Berlin feiert Santiago von damals und damit auch Lateinamerika von heute.

www.linksfraktion.de, 24. August 2010

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