Skip to main content

Vor dem Staatsbankrott?

Im Wortlaut von Sahra Wagenknecht,

Die Beinahe-Pleite Griechenlands hat das Problem der Staatsverschuldung in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Auch Spanien, Portugal und andere Euro-Länder müssen seit einiger Zeit erheblich höhere Zinsen auf ihre Anleihen zahlen, die das angebliche Risiko einer Zahlungsunfähigkeit abdecken sollen. In internationalen Gremien wird laut über neue Regeln zur Ermöglichung von Staatsinsolvenzen nachgedacht. Deutschland hat zwar bisher keine Probleme, seine Anleihen auf den internationalen Märkten zu niedrigen Zinsen abzusetzen. Aber auch hierzulande hat die Neuverschuldung des Bundes mit annähernd 100 Milliarden Euro in diesem Jahr historisch einmalige Höhen erreicht. Daß ein wachsender Teil davon in Nebenhaushalten versteckt wird, macht die Lage nicht besser. Viele Kommunen leben mittlerweile mit Nothaushalten. Sie schließen Schwimmbäder, Theater und Schulen, während die Zinsverpflichtungen auf ihre Schulden sakrosankt sind. Die Frage drängt sich auf: Wie lange kann das noch so weitergehen? Kann der Staat seine Schulden unbegrenzt erhöhen? Und wenn nicht, wo ist die Grenze, und was passiert, wenn sie erreicht ist?

Zweifelhafte »Schuldenbremse«

Wie hältst du’s mit der Staatsverschuldung? Es gibt keinen Grund, diese Frage generell ablehnend zu beantworten. In einem konjunkturellen Abschwung ist eine kreditfinanzierte Ausweitung der Ausgaben für öffentliche Investitionen oder auch soziale Leistungen ein sinnvolles, kurzfristig wirksames Mittel, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu erhöhen und so dem wirtschaftlichen Abwärtstrend entgegenzuwirken. So unsinnig es wäre, Unternehmen dafür zu kritisieren, daß sie Investitionen mit Krediten finanzieren, so falsch ist die generelle Denunziation öffentlicher Kreditaufnahme als Ausdruck »schlechten Wirtschaftens«.

Tatsächlich ist es seit jeher ein Markenzeichen des Neoliberalismus, mittels eben dieser Denunziation eine Einschränkung öffentlicher Ausgaben zu erzwingen und so einerseits durch Sozialabbau auch das Lohnniveau abzusenken, andererseits durch Kaputtsparen des öffentlichen Dienstes, Einschränkung öffentlicher Investitionen und Privatisierungen dem privaten Kapital immer größere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zu überlassen. Dieses Geistes Kind ist auch das unsägliche Konstrukt der von der großen Koalition eingeführten »Schuldenbremse«. Sofern Linke Teil einer Regierung auf Länder ebene sind und die Einnahmen des Bundes zunächst nicht maßgeblich beeinflussen können, sollte es sich daher von selbst verstehen, daß die Vorgaben der »Schuldenbremse« mit allen erdenklichen Mitteln unterlaufen und gebrochen werden. Ohne dies ist eine sozial verantwortbare Politik unter heutigen Bedingungen überhaupt nicht mehr möglich.

Eine generelle Verteufelung öffentlicher Verschuldung und ein Kniefall vor dem Altar der Haushaltskonsolidierung sind daher ebenso unsinnig wie würdelos. Das bedeutet allerdings nicht, daß jede Ausweitung öffentlicher Kreditaufnahme mit fortschrittlicher Politik gleichgesetzt werden darf. Eine kreditfinanzierte Senkung von Steuern für Besserverdienende etwa hat nicht den geringsten positiven volkswirtschaftlichen Effekt, sondern führt lediglich zu verstärkter Vermögensbildung und erhöht den Druck in Richtung künftiger Ausgabenkürzungen. Genau das erleben wir zur Zeit in Deutschland: Die jahrelange Mästung der Reichen und der Konzerne durch immer neue Steuergeschenke haben weder die konsumtive noch die investive Nachfrage auf dem Binnenmarkt erhöht, die öffentlichen Einnahmen allerdings deutlich schrumpfen lassen. Mit Verweis darauf wird heute das rüde Sparpaket der Regierung gerechtfertigt, das den Konsum noch weiter strangulieren wird.

Verteilungsfrage entscheidend

Auch in umgekehrter Richtung ist die Gleichsetzung von »expansiv« und »kreditfinanziert« nicht zulässig. Die öffentliche Hand kann ohne zusätzliche Kreditaufnahme eine expansive (d.h. auf Nachfragesteigerung gerichtete) Politik betreiben: durch Umverteilung von oben nach unten. Wer 1000 Euro im Monat verdient, wird jeden zusätzlichen Euro, den er bekommt, dafür nutzen, sich ein etwas weniger beengtes Leben zu gönnen. Wer eine Million Euro im Jahr nach Hause trägt, merkt dagegen kaum, ob er noch mal 10000 Euro obendrauf bekommt; er wird das Geld zum großen Teil sparen, weil er sich auch so schon alles leisten kann, was er mag. Es ist eine für nahezu alle Volkswirtschaften und Zeiten bestätigte empirische Tatsache: Je höher das individuelle Einkommen, desto mehr davon wird gespart. Deshalb steigt die private Sparquote einer Gesellschaft mit wachsender Ungleichheit – es sei denn, das Kreditsystem ermöglicht den weniger Verdienenden, ihre stagnierenden oder sinkenden Einkommen durch wachsende Verschuldung aufzubessern. Aber dazu kommen wir noch.

Generell jedenfalls gilt: Je stärker sich Einkommen am oberen Ende konzentriert, desto weniger von diesem Einkommen fließt als Nachfrage nach Äpfeln, Lammfilets, iPhones, Turnschuhen oder Friseurdienstleistungen in den volkswirtschaftlichen Kreislauf zurück. Aus eben diesem Grunde würde beispielsweise das Einkommenssteuerkonzept der Linken die Konsumnachfrage im Binnenmarkt erhöhen, obwohl die staatlichen Einnahmen insgesamt nahezu gleich blieben. Die expansive Wirkung käme einfach daher, daß es Haushalte mit relativ hoher Konsumquote (unterhalb 60000 Euro Jahreseinkommen) entlastet, während es Haushalte mit niedrigerer Konsumquote (oberhalb 60000 Euro Jahreseinkommen) belastet. Noch wirkungsvoller zur Erhöhung der Konsumnachfrage wäre es, etwa die Besteuerung von Zinsen und Dividenden auf 70 Prozent zu erhöhen und damit eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze und der Renten zu finanzieren. Die letztlich entscheidende Frage für die Höhe der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ist also die Verteilungsfrage, nicht die öffentliche Kreditaufnahme.

Woher kommen die Schulden?

Die öffentliche Verschuldung ist in allen Industrie ländern seit Mitte der siebziger Jahre kontinuierlich angewachsen. Grafik 1 zeigt einen gewichteten Durchschnitt der Verschuldung von 21 OECD-Staaten und die Entwicklung ihres Primärdefizits (Neuverschuldung abzüglich Zinsdienst). Grafik 2 zeigt die Veränderung des BIP-Anteils der öffentlichen Verschuldung für Deutschland seit Beginn der neunziger Jahre.

Am Entwicklungspfad der öffentlichen Verschuldung läßt sich deutlich erkennen, daß die Staatsschulden nicht primär als Ergebnis eines klassisch keynesianischen Gegensteuerns in konjunkturellen Schwächephasen entstanden sind. Wie aus Graph 1 ersichtlich, war das Primärdefizit der Industrieländer vielmehr von 1975 bis 1997 (mit Ausnahme von zwei Jahren) konstant negativ. Erst für die Zeit danach läßt sich ein konjunkturelles Auf und Ab bei der staatlichen Kreditaufnahme beobachten, bei allerdings im Trend immer weiter ansteigender Gesamtverschuldung.

Tatsächlich erhielt die öffentliche Verschuldung seit Beginn der achtziger Jahre eine volkswirtschaftliche Funktion, die mit keynesianischer Wirtschaftspolitik wenig zu tun hatte. Die horrende Schuldenlast, die sich die öffentlichen Haushalte seither aufgeladen haben, ist vielmehr Ergebnis ausgerechnet jener neoliberalen Wende, die sich ausdrücklich durch die Verdrängung keynesianischer Ideen und deren Ersetzung durch eine Ideologie des Marktradikalismus und schwachen Staates à la Milton Friedman auszeichnete.

Zentrales Ziel der neoliberalen Wende, die in den meisten Ländern Anfang der achtziger Jahre einsetzte, war die Wiedererhöhung der Profitrate, – modern ausgedrückt: der Eigenkapitalrendite großer Unternehmen. Die Mittel zu diesem Zweck waren weltweit ähnlich: Deregulierung der Arbeitsmärkte, Schwächung der Gewerkschaften, radikale Senkung von Unternehmens- und Vermögenssteuern und Minimierung beziehungsweise Zerschlagung der sozialen Sicherungssysteme. Das alles vollzog sich in einem längeren Prozeß und in den verschiedenen Ländern mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Tendenziell aber hatte diese Politik überall die gleichen Folgen: die Löhne wurden von der Steigerung der Produktivität abgekoppelt, die sozialen Leistungen verschlechterten sich, und die staatlichen Einnahmen schrumpften. Im Ergebnis sank die Massenkaufkraft und damit eine zentrale Komponente der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Ohne ausreichenden Absatz allerdings auch keine steigenden Kapitalrenditen, ganz gleich wie generös die Unternehmen auf der Kostenseite entlastet werden. Das neoliberale Modell hatte daher von vornherein ein existentielles Problem zu lösen: Es mußte für volkswirtschaftliche Nachfrage sorgen, die nicht zugleich als Kostenfaktor in den Unternehmensbilanzen zu Buche schlug. Höhere Löhne oder steuerfinanzierte Sozialleistungen kamen dafür nicht in Frage, sehr wohl aber kreditfinanzierte Staatsausgaben.

Das Problem der öffentlichen Verschuldung besteht allerdings darin, daß sie nur so lange expansiv – also nachfragesteigernd – wirkt, solange das Primärdefizit negativ ist, die Neuverschuldung also die Zinsausgaben übersteigt. Denn aufgrund der Vermögensverteilung (nach den Zahlen von Merrill Lynch verfügt in den Industrieländern etwa ein Prozent der Haushalte über rund die Hälfte des gesamten Geldvermögens) fließen Zinszahlungen zum übergroßen Teil in die erneute Vermögensbildung und eben nicht als Kaufkraft auf die Gütermärkte. Die Steuern dagegen werden überwiegend von den Mittelschichten, mit dem wachsenden Gewicht von indirekten Steuern auch von Geringverdienern bezahlt. Wird daher auch nur ein Teil der Zinsen aus dem Steueraufkommen beglichen, reduziert das die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zusätzlich.

Ein dauerhaft negatives Primärdefizit bedeutet, daß sowohl Zinsen als auch Tilgungen durch immer neue Schulden finanziert werden und dann noch ein bestimmter Betrag an Neuverschuldung hinzukommt, der tatsächlich nachfragewirksam wird. Das Problem ist, daß sich eine solche Situation nicht unbegrenzt aufrechterhalten läßt. In der Ökonomie spricht man bei derartigen Finanzierungsformen von Ponzi-Finanzierungen: Im Kern sind das spekulative Schneeballsysteme, die auf einem exponentiellen Wachstum der Gesamtverschuldung basieren und eben deshalb irgendwann zusammenbrechen müssen. Denn je höher die Gesamtverschuldung, desto höher bei gleichem Zinssatz auch der Betrag an neuen Schulden, der allein zur Bedienung der Zinsen aufgenommen werden muß, desto größer also die notwendige Neuverschuldung, wenn zusätzlich auch noch eine nachfragewirksame Komponente erhalten bleiben soll. Sinken die Zinsen, entspannt sich die Situation, aber solange die Zinsen von den privaten Banken und nicht von einer öffentlichen Institution festgesetzt werden, hat der Staat auf diese entscheidende Komponente keinerlei Einfluß.

Schulden statt Löhne

Als Mitte der neunziger Jahre die staatlichen Spielräume zur Stabilisierung der Nachfrage wegen der anwachsenden Schuldenlast ausgeschöpft schienen, rückte insbesondere in den USA eine andere Strategie in den Vordergrund: die Verschuldung der privaten Haushalte. Passend zum Privatisierungstrend handelt es sich im Grunde um eine Art neoliberalen »Privat-Keynesianismus«: Nicht der Staat nimmt rote Zahlen in Kauf, um der Wirtschaft mehr Nachfrage zu verschaffen, sondern die Verbraucher selbst halsen sich einen wachsenden Berg Schulden auf, um ein Konsumniveau zu finanzieren, das sie sich mit ihren Löhnen und Gehältern bei weitem nicht leisten könnten. Darin lag letztlich der Kern des Hypothekenbooms in den USA, denn die Hauskredite dienten in Wahrheit nur zu geringen Teilen tatsächlich dem Bau und Kauf neuer Häuser. Mehrheitlich wurden vorhandene Häuser mit Blick auf ihre fiktiven Wertsteigerungen mit immer größeren Summen beliehen, die entweder der Refinanzierung alter Schulden (nicht zuletzt von höher verzinslichen Kreditkartenschulden) dienten oder direkt in den Konsum flossen. Ohne diesen Mechanismus sähe es auf dem US-Binnenmarkt schon seit vielen Jahren nicht besser aus als auf dem deutschen, denn der mittlere Stundenlohn etwa im amerikanischen verarbeitenden Gewerbe liegt mit 16,57 Dollar heute inflationsbereinigt auf dem Niveau der späten 60er Jahre.

Allerdings war der Trick, Löhne durch Schulden zu ersetzen, keine US-amerikanische Besonderheit, wenn er auch in den USA wahrscheinlich am exzessivsten ausgelebt wurde. Aber auch in Großbritannien, Irland oder Spanien (und mit Abstrichen in vielen anderen EU-Staaten) war die Verschuldung der privaten Haushalte in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren die wichtigste Stütze des Binnenmarktes und des privaten Konsums. Auch das Wachstum in den osteuropäischen Ländern beruhte zu erheblichen Teilen darauf. Ohne diesen »Konjunkturmotor« wäre das neoliberale Modell viel früher an seine Grenze gekommen, und die aktuelle Weltwirtschaftskrise hätte entsprechend eher begonnen.

Die private Schuldenblase hatte allerdings auch noch eine zweite Komponente, die oft übersehen wird. Nicht nur die Durchschnittsfamilien von Riga bis Chicago luden sich wachsende Schulden auf, sondern auch viele Wirtschaftsunternehmen, und zwar nicht zur Finanzierung von Investitionen, sondern zum Finanzieren teurer Übernahmen, Dividendensteigerungen und Aktien rückkaufprogramme, wobei es in allen Fällen darum ging, die Ausschüttungsquote an die Anteilseigner zu erhöhen. Von Firmenkäufen durch Private-Equity-Gesellschaften ist dieses Muster bekannt: Das Unternehmen wird mit massiven Schulden belastet, die sich die »Heuschrecke« dann als Sonderdividende ausschüttet. Dieses Finanzierungsmodell haben auch große Aktien gesellschaften in den vergangenen fünfzehn Jahren umfangreich praktiziert: Aktienrückkäufe und Dividendenerhöhungen wurden auf Pump finanziert, dadurch stieg der Aktienkurs, und die Manager kassierten Millionen aus ihren Aktien optionen. Auf diese Weise wurden auch die Vermögensbildung der oberen Zehntausend und deren Luxuskonsum zumindest teilweise kreditfinanziert, nur daß in diesem Fall die Schulden nicht auf denen lasten, die das Geld letztlich bekamen, sondern sie verblieben in den Bilanzen der Unternehmen und lagern da bis heute (sofern die Unternehmen nicht, wie die zwei großen US-Autobauer, bereits in Insolvenz gegangen sind und anschließend vom Staat gerettet wurden).

Infolge der geschilderten Prozesse sind die Schulden von Firmen und Verbrauchern in den USA seit 1999 um 12904 Milliarden Dollar gestiegen, ungleich schneller als das nominale BIP. Auch das macht deutlich, daß diese Kredite eben nicht produktiv investiert, sondern zu großen Teilen schlicht »aufgegessen« wurden. Entsprechend ist das Verhältnis der Schulden der nichtfinanziellen Privatsektoren zum BIP (ohne Pensionsverpflichtungen) in den USA von 127 auf 170 Prozent angewachsen. Die Verhältnisse in Europa sind ganz ähnlich. Im Euro-Raum haben die Schulden der privaten Verbraucher und nichtfinanziellen Firmen seit 1999 um 8 066 Milliarden Euro zugenommen und sind damit von 114 Prozent auf ebenfalls 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angestiegen. Viel schneller übrigens als die Staatsschulden, die im Schnitt immer noch bei unter 100 Prozent des BIP liegen, sich dieser Marke allerdings mit hoher Geschwindigkeit nähern.

Allerdings gilt auch für die Verbraucher: Expansiv wirkt die kreditfinanzierte Konsumnachfrage nur, solange die Neuverschuldung die Zinszahlungen übersteigt. Auch die Konsumenten – als Gemeinschaft! – müssen sich also als Ponzi-Finanzierer betätigen und Zins und Tilgung ihrer alten Kredite mit immer neuen, größeren Krediten finanzieren, wie sie es insbesondere in den USA tatsächlich über viele Jahre getan haben. Aber irgendwann ist auch hier das Limit erreicht. Und in dem Augenblick, in dem neben stagnierenden Löhnen auch noch Zins und Tilgung die für Konsumzwecke verfügbaren Einkommen dezimieren, verkehrt sich die Dynamik mit aller Härte und Brutalität ins Gegenteil.

Wer die Zeche zahlt

Drei Jahrzehnte Neoliberalismus haben also einerseits durch fortgesetzte Umverteilung von unten nach oben die privaten Geldvermögen ungleich schneller anschwellen lassen als die Wirtschaftsleistung und so eine riesige Vermögensblase produziert. Das war aber überhaupt nur möglich, weil sich gleichzeitig eine ebenso große Schuldenblase aufzublähen begann, die diese Vermögen wieder in wirtschaftliche Nachfrage verwandelte. Diese Schuldenblase wurde zunächst hauptsächlich von den Staaten getragen, seit Mitte der neunziger Jahre übernahmen die privaten Schulden von Verbrauchern, aber auch des Unternehmenssektors diesen Part. Grafik 3 zeigt die Dimension dieser in drei Jahrzehnten verfehlter Politik aufgebauten Vermögens- und Schuldenblase:

Am steilsten angestiegen sind, wie die Graphik zeigt, Anlagen in Unternehmensbonds und Kreditpapiere, also Vermögensanlagen, denen direkt die gewachsene private Verschuldung gegenübersteht. Indirekt gibt es diesen Zusammenhang natürlich auch für normale Bankdepositen, sofern die Bank mit dem Geld dann Unternehmensanleihen oder verbriefte Hypothekenkredite gekauft hat.

Es kann fest davon ausgegangen werden, daß ein Großteil dieser privaten Schulden »faul« ist in dem Sinne, daß er niemals zurückgezahlt werden kann. Nicht nur, weil die volkswirtschaftlichen Auswirkungen verheerend wären, wenn die verschuldeten Haushalte weltweit jetzt tatsächlich über Jahrzehnte ihren Konsum so stark minimieren würden, daß sie Zins und Tilgung ihrer übermäßigen Schulden zahlen könnten. Sondern ein Großteil von ihnen wäre dazu gar nicht in der Lage. Das gilt für US-amerikanische Subprime-Hypothekenschuldner ebenso wie für die Besitzer überteuert gekaufter und gern zu 120 Prozent beliehener Eigenheime in Irland oder die oftmals in Euro verschuldeten Haushalte in Osteuropa. Und es gilt auch für einen nicht geringen Teil der verschuldeten Unternehmen, zumal in einem wirtschaftlichen Umfeld von Stagnation oder Rezession.

Diese überwiegend verbrieften Kredite, die sich über Fonds teils direkt im Besitz der Haushalte, großenteils aber im Besitz von Versicherungen, Banken und deren Finanzvehikeln befinden, müssen also irgendwann abgeschrieben werden. Kredite können aber nur abgeschrieben werden, wenn in gleicher Höhe auch Vermögenswerte abgeschrieben werden, entweder jene Vermögen, die mit den Schulden entstanden sind und auf ihnen basieren, oder die anderer Leute. Sofern die wertlos gewordenen Schrottpapiere von privaten Anlegern selbst gehalten werden, ist das trivial. Auch bei Hedge Fonds und anderen selbständigen Finanzinvestoren sind die Konsequenzen noch überschaubar, auch wenn Pleiten der größeren von ihnen das Finanzsystem durchaus erschüttern können. Ganz abgesehen von den Auswirkungen auf die privatisierte Alterssicherung von Millionen Menschen. Wenn etwa große US-Pensionsfonds mit der Abschreibung der Kreditpapiere auch die Rentenzahlungen zusammenstreichen, bluten definitiv die Falschen für den Kreditirrsinn der letzten Jahrzehnte. Richtig kompliziert wird es in dem Augenblick, wo Großbanken und große Versicherungen die Halter sind. Ein Durchgriff auf private Vermögen würde im Falle von Bankenpleiten geschehen, weil dann deren Aktionäre und Gläubiger ebenfalls ihr Geld verlieren. Das träfe sicher überwiegend die Richtigen, das Problem ist nur, wie in einem solchen Fall die normalen Spareinlagen gesichert werden können und ein Flächenbrand verhindert wird. Mit Verweis darauf werden Bankenpleiten – mit Ausnahme von Lehman Brothers – bekanntlich bisher von der Politik verhindert.

Die Schuldenblase verlagert sich

Seit Beginn der Krise halten die Staaten daher das Platzen der Schuldenblase (und damit auch der Vermögensblase) auf. Sie tun dies dadurch, daß sie einen erheblichen Teil der faulen privaten Schulden übernehmen, sie also in Staatsschulden verwandeln. Die über eine Billion Euro, die allein in Europa zwischen 2007 und Beginn 2010 für die Bankenrettung ausgegeben wurden, bedeuten faktisch die Übertragung von über einer Billion Euro fauler privater Schulden auf die öffentliche Hand. Es spielt dabei keine Rolle, ob die öffentliche Hand die Papiere bzw. ihre Risiken selbst übernimmt wie im Rahmen des irischen Bad-Bank-Programms oder bei Verstaatlichung toxischer Müllhalden wie der Hypo Real Estate. Oder ob die Banken vom Staat mit Kapitalhilfen und Krediten am Leben erhalten werden und ihnen dadurch ermöglicht wird, einen Teil ihrer toxischen Papiere abzuschreiben. Der Sache nach geschieht in beiden Fällen das gleiche: aus privaten Schulden werden öffentliche Schulden; die Vermögen bleiben dadurch zunächst unangetastet.

Die Schulden- und Vermögensblase wird allerdings auf diese Weise nicht kleiner, sie wird nur verlagert. Es ist offensichtlich, daß das nicht auf Dauer gut gehen kann. Wenn man bedenkt, daß sich allein die privaten Anlagen in Kreditpapiere und Unternehmensbonds weltweit seit 1980 auf 43 Billionen Dollar mehr als verzwanzigfacht haben (die Anlagen der Banken in entsprechenden Papieren nicht gerechnet) bei einem globalen BIP-Wachstum von weniger als einem Viertel dessen, läßt sich ahnen, welche Dimension das notwendige Abschreibungsvolumen hat. Und damit der Umfang der Einschnitte ins Vermögen, die irgendjemand am Ende tragen muß und tragen wird.

Tatsächlich sahen sich die Staaten der Industrieländer zu Beginn der Krise mit einer doppelten Aufgabe konfrontiert: Sie mußten einerseits versuchen, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die weggebrochen ist, seit die private Schuldenblase nicht mehr wächst, durch öffentliche Ausgaben auszugleichen. Und sie übernahmen und übernehmen anderseits die faulen Schulden der Vergangenheit, um den Finanzsektor vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Diese Situation mußte in einer eskalierenden Staatsverschuldung münden.

In der EU stiegen die Staatsschulden von 2007 bis 2009 um 20 Prozent: nämlich um 1,4 Billionen Euro auf 8,7 Billionen Euro. Die Schuldenstandsquote erhöhte sich von 59 Prozent auf 74 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. In der Euro-Zone sind es bereits knapp 90 Prozent. Und das ist erst der Anfang, denn in den Kellern der Banken lagert noch billionenschwerer Müll.

 

Von Sahra Wagenknecht

junge Welt, 24. Juli 2010