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Von der Generation Praktikum zur Generation Protest

Im Wortlaut von Yvonne Ploetz,

Von Yvonne Ploetz, MdB und frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

 


"Empört euch!" So lautet der fordernde Titel eines Essay des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel. In seiner Schrift vom Oktober 2010 fordert er zu idealistischem Engagement, gewaltloser Revolte und zivilem Ungehorsam auf. Eine Lebenshaltung, die Hessel vor allem den jüngeren Generationen in Europa mit auf den Weg geben möchte. Im vergangenen Frühjahr sah es tatsächlich so aus, als ob die Botschaft Früchte trägt: Empörte junge Menschen gingen in vielen Ländern Europas auf die Straßen, um ihrem Unmut Luft zu verschaffen. Doch was liegt Hessels Appell zugrunde? Wie gestaltet sich die Lage der Jugendlichen in Europa derzeit?
  Ein Blick auf die europäischen Protestbewegungen zeigt, dass die Motive in den verschiedenen Ländern vielfältig, die Lebenswelten der Jugendlichen unterschiedlich sind. Doch schon bei den jeweiligen Benennungen tritt eine Gemeinsamkeit hervor: Sie unterstreichen stets ein Defizit. In Spanien spricht man von der "Generación ni-ni" – die Generation ohne Ausbildung und ohne Beruf. In Griechenland heißen die 20- bis 30-Jährigen, bei denen selbst ein Studium oft nur zum Aushilfsjob reicht, "Generation 700". In Portugal nennen sich die gut ausgebildeten, protestierenden Jungakademiker "Geração à rasca" (Generation in der Klemme). Und in Frankreich sind es die "Adulescents" – junge Franzosen, die wegen Geldmangels bei den Eltern wohnen müssen. Bei uns in Deutschland umschreibt der Ausdruck "Generation Praktikum", dass oft nicht einmal ein Uni-Abschluss ausreicht, um einen Job zu finden, wie es früher als normal galt.

Die größten Verlierer der Wirtschafts- und Finanzkrise sind junge Menschen
  Es wird deutlich: Die Frustration über Arbeits- und Perspektivlosigkeit bündelt sich vor allem bei jungen Menschen. Kein Wunder, denn die Rezession und Sparprogramme treffen nicht den reichen Teil der Bevölkerung – die größten Verlierer der Wirtschafts- und Finanzkrise sind in ganz Europa die jungen Menschen: Kurz- und mittelfristig äußert sich dies darin, dass frischgebackene Schul- und Uni-Abgänger keinen beruflichen Anschluss finden und junge Beschäftigte zuerst von Entlassungswellen betroffen sind. Und langfristig müssen die jungen Generationen insgesamt für die Schulden aufkommen, die heute für die Bankenrettung verschleudert werden.
  Die missliche Lage, welche zu Verzweiflung und Wut bei den europäischen Jugendlichen führt, lässt sich anhand offizieller Zahlen nachvollziehen. So zeigt ein Blick auf die Stellung der jungen Europäer auf dem Arbeitsmarkt: Jeder fünfte Jugendliche in der EU ist ohne Job – die Jugendarbeitslosigkeit ist nach Daten von Eurostat mit 21,4 Prozent mehr als doppelt hoch wie die der Gesamtbevölkerung (9,2 Prozent). Die Entwicklung seit dem Ausbruch der Finanzkrise bestätigt, dass vor allem jungen Menschen die Leittragenden der Krise sind: Die Quote bei den Jugendlichen ist seit 2007 um 5,7 Prozentpunkte gestiegen, während bei der Bevölkerung insgesamt lediglich ein Anstieg um 2,4 Prozentpunkte zu verzeichnen ist.
  Im gesamten Euroraum wird es für junge Leute demnach schwieriger den Übergang ins Berufsleben zu bewerkstelligen. Dabei sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern jedoch groß. In einigen europäischen Staaten sind die Bedingungen noch relativ gut: So liegt die Zahl in den Niederlanden (7,6 Prozent) oder in Österreich (8,3 Prozent) relativ niedrig. Wesentlich schlimmer ist die Situation in Portugal, Irland oder Italien, wo offiziell mehr als ein Viertel der unter 25-Jährigen ohne Job ist. In Griechenland liegt die Jugendarbeitslosenquote inzwischen sogar deutlich über 40 Prozent. Angesichts eines verkrusteten Bildungssystems und Studiengängen, die nicht in die Berufswelt hinein, sondern davon wegführen, sind die jungen Griechen schon seit Jahren frustriert. Die dramatische Situation des Landes und die Sparpolitik der Regierung führten im Sommer 2011 zu Demonstrationen von jungen Griechen, die sich gegen das gesamte politische und ökonomische System richteten.
  Auch in Spanien ist fast die Hälfte der Jugendlichen ohne Job und in den Banlieues in Frankreich oder den Problemvierteln in England sieht es nicht viel besser aus. So ist die Jugendarbeitslosigkeit in Großbritannien seit Ausbruch der Finanzkrise um gut 40 Prozent gestiegen. Dieser explosionsartige Anstieg rechtfertigt die britischen Ausschreitungen vom letzten August zwar nicht im Geringsten, aber eines eint die dortigen apolitischen Aktionen mit den anderen Protestbewegungen: politische Frustration, ökonomische Perspektivlosigkeit und soziale Ausgrenzung. Die Folgen: friedliche Demonstrationen in Spanien, Krawalle in Frankreich, blinde Gewalt und destruktives Plündern in Großbritannien. Es ging dabei allerdings nicht um den Sturz korrupter Herrschaftshäuser wie im "arabischen Frühling". Vielmehr wollen die Jugendlichen an den bestehenden Verhältnissen rütteln. Sie wollen mehr Demokratie, mehr Mitsprache. Sie fühlen sich von niemandem vertreten. So, wie die Politik die Jugend links liegen lässt, lässt die Jugend die Politik links liegen.

Praktika-Schleifen, Niedriglöhne, unbezahltes Probearbeiten oder Leiharbeit   In Deutschland drückt sich die politische Frustration Jugendlicher in einer immer weiter sinkenden Wahlbeteiligung statt in Demonstrationen und Straßenschlachten aus. Angesichts einer relativ niedrigen Jugendarbeitslosigkeit von 8,5 Prozent mag das vielleicht auch nicht sonderlich überraschen. Wenn man diese Quote aber etwas genauer unter die Lupe nimmt, wird schnell klar: Die Zahl ist erheblich geschönt. Denn im Vergleich zu anderen Ländern müssen die Jugendlichen in Deutschland zu einem die Schulbank wesentlich länger drücken und zum anderen befinden sich viele junge Deutsche in staatlich geförderten Übergangsmaßnahmen und tauchen in der Arbeitslosenstatistik nicht auf. Was aber wohl geschieht, wenn die Finanzkrise den deutschen Arbeitsmarkt erreicht und damit zuallererst die jungen Generationen, bleibt abzuwarten.

Schon heute sind junge Menschen von Praktika-Schleifen, Niedriglöhnen, unbezahlten Probearbeiten oder Leiharbeit in überproportionaler Weise betroffen. Niedrige Auszubildendenvergütungen, fehlende Ausbildungsplätze, Studiengebühren und die Unwägbarkeiten von Übernahme und Berufseinstieg kommen hinzu. Laut Statistischem Bundesamt sind 36,8 Prozent der Jugendlichen in Deutschland atypisch beschäftigt. Dies verdeutlicht: Jugendliche leiden nicht nur unter Arbeitslosigkeit. Sie werden auch besonders häufig in prekäre Beschäftigungsfelder abgedrängt. Und dies gilt in ganz Europa. Symptomatisch lässt sich das am Problem befristeter Arbeitsverträge ablesen. Waren europaweit im Jahr 2010 über 42 Prozent der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen von Befristung betroffen, lag die Quote bei den Beschäftigten der zwischen 15-bis 64-Jährigen bei lediglich knapp 14 Prozent.   Mit der überproportionalen Betroffenheit von prekären Beschäftigungsverhältnissen und der fehlenden Integration in den Arbeitsmarkt geht eine entsprechend höhere Armutsgefährdungsquote Jugendlicher einher. So waren im Jahr 2010 in Europa 21,2 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren als armutsgefährdet eingestuft (Einkommen von weniger als 60 Prozent des Medians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung). Bei der europäischen Gesamtbevölkerung lag die Quote beinahe fünf Prozentpunkte niedriger (16,4 Prozent). Die Armutsbetroffenheit junger Menschen hängt des Weiteren davon ab, ob sie bei ihren Eltern leben oder für ihren eigenen Haushalt aufkommen. Es besteht in Europa ein starker Trend zu einer frühen Trennung vom Elternhaushalt trotz geringem Einkommen, wodurch das Armutsrisiko gesteigert wird. Wenn junge Menschen diesen Schritt nicht vollziehen, ist dies auch tatsächlich überwiegend auf finanzielle Probleme zurückzuführen. Würde jeder europäische junge Erwachsene, der dies wünscht, ausziehen und einen eigenen Haushalt gründen, wäre die statistisch erfasste Jugendarmut in Europa weit höher, als es gegenwärtig zum Ausdruck kommt.

Der Generationenkonflikt wird zu einem wirtschaftlichen Konflikt
  Zusammenfassend lässt sich sagen, dass speziell junge Menschen den Risiken von Arbeitslosigkeit und Armut ausgesetzt sind. Die daraus folgende ökonomische und soziale Unsicherheit trifft sie in einer sehr sensiblen Phase ihrer Entwicklung. Sie spüren die Auswirkungen der neoliberalen Deregulierungs- und Flexibilisierungspolitiken am Arbeitsmarkt besonders intensiv. Ohne die Perspektive einer dauerhaften wirtschaftlichen Unabhängigkeit sind junge Menschen kaum bereit, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und letztendlich den Schritt in ein eigenständiges Erwachsenenleben zu vollführen. Und wenn die Jugend nicht mehr ausgebildet oder integriert wird, welche Zukunft bleibt dann noch für einen Kontinent, der immer älter wird?

Der Generationenkonflikt wird zu einem wirtschaftlichen Konflikt. Die Jugendlichen haben mehr unter der Wirtschaftskrise gelitten als die ältere Generation und auch die Sparpläne der Regierungen werden vor allem die Jugendlichen treffen. Die zunehmende Jugendarbeitslosigkeit und soziale Spaltung; das Gefühl, bluten zu müssen für die jahrzehntelange Überschuldung; die fehlende Perspektive, selbst noch in den Genuss des Sozialstaates zu kommen, welcher der Elterngeneration ein angenehmes Leben bescherte, verschärft die Frustration der Jugendlichen und bildet einen guten Nährboden für die von Hessel geforderte Empörung sowie weitere Protestbewegungen von Jugendlichen in ganz Europa. 

Erscheint in der nächsten Ausgabe der Zora, Zeitung der linksjugend ['solid]

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