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"Viele intelligente Menschen"

Im Wortlaut von Wolfgang Neskovic,

Der Bundestagsabgeordnete und Geheimdienstkontrolleur Wolfgang Neskovic, 58, über seine Erkenntnisse aus dem Praktikum beim Bundesnachrichtendienst

SPIEGEL: Die Linkspartei wird zum Teil vom Verfassungsschutz beobachtet. War Ihr Praktikum beim BND ein Akt der Gegenspionage?

Neskovic: Ich habe immerhin die Sicherheitsüberprüfung problemlos bestanden. Mir ging es um den Blick hinter die Kulissen. Ich wollte wissen, wie Agenten und ihre Agentenführer arbeiten. Wer eine Behörde kontrollieren soll, muss sie auch kennen. Mich wundert eher, dass so ein Aufklärungsbesuch bisher von keinem anderen Kollegen versucht wurde.

SPIEGEL: Was hat der erste Polit-Praktikant in Pullach denn machen dürfen?

Neskovic: Ich habe alle Abteilungen besucht und umfassend Einblick erhalten in die Technik, Informationsbeschaffung und -auswertung. Ich war frühmorgens bei einer Lagebesprechung dabei, als die neu eingegangenen Berichte der Agenten analysiert wurden. Dort wird rund um die Uhr gearbeitet. Meine Kernarbeitszeit war meistens von 8.30 bis 17.30 Uhr - schließlich sind Geheimdienstmitarbeiter auch Beamte. Der BND war erstaunlich offen gegenüber seinem vermeintlichen Klassenfeind.

SPIEGEL: Ist es nicht naiv zu glauben, der Dienst würde Ihnen seine Arbeitsmethoden offenlegen?

Neskovic: Der BND hat zumindest kein Schaulaufen organisiert, sondern mich auch in den normalen Tagesablauf integriert. Nur eins habe ich nicht gemacht: mich allein durch das Haus bewegt und geheime Akten studiert.

SPIEGEL: Der Auslandsdienst hat derzeit nach diversen Skandalen einen schlechten Ruf. Wie hoch ist der Frustrationsfaktor?

Neskovic: Hoch. Dass der Untersuchungsausschuss in Berlin nur "BND-Ausschuss" heißt, obwohl alle Sicherheitsbehörden und die Verantwortung der Politik untersucht werden, empfindet man in Pullach als ungerecht. Auch die Arbeitsbedingungen sind nicht gerade luxuriös: enge Räume, Fußböden mit dem Charme der fünfziger Jahre, in den Fluren kahle und rissige Wände. Dazu kommt, dass der geplante Umzug nach Berlin für viel Unruhe sorgt.

SPIEGEL: Die Atmosphäre in Pullach wird oft wie die in einer Wagenburg beschrieben. Stimmt das?

Neskovic: Ein BND-Mitarbeiter muss seine Anerkennung fast ausschließlich innerhalb der Firma finden. Nach außen leben viele mit einer Legende und sind zur Geheimhaltung verpflichtet. Das sorgt für eine besondere psychologische Situation der Abgrenzung: hier drinnen wir vom BND, draußen die anderen. Es herrscht ein starkes Gemeinschaftsgefühl, viele Geheimdienstler finden im BND ja auch ihre Lebenspartner.

SPIEGEL: Wie hoch ist die Qualität der Mitarbeiter?

Neskovic: Als eher geheimdienstkritischer Beobachter war ich überrascht, wie viele intelligente Menschen mit Hochschulabschluss dort versammelt sind: Politologen und Kunstwissenschaftler genauso wie Orientalisten. Andererseits muss der BND für seine technische Abteilung mit Unternehmen wie Siemens um qualifizierte Mitarbeiter konkurrieren. Eine schwierige Lage, weil der BND nur wie der Öffentliche Dienst zahlt.

SPIEGEL: Wie gut sind die Arbeitsergebnisse aus Ihrer Sicht?

Neskovic: Die Effizienz des BND ist völlig unklar. Es wäre für BND wie Politik gut zu wissen, wie weit die Einschätzungen aus Pullach tatsächlich politische Entscheidungen in Berlin beeinflussen. Doch das legt die Bundesregierung nicht offen.

SPIEGEL: Am ehesten müsste darüber doch das Parlamentarische Kontrollgremium Auskunft geben können.

Neskovic: Diese Veranstaltung ist ein Witz. Seit dem Praktikum bin ich mir noch sicherer, dass wir das Kontrollgremium in der vorhandenen Form gleich abschaffen können. Der Begriff der Kontrolle der Dienste durch das Parlament ist eine Irreführung der Öffentlichkeit, ein Placebo. Das Gremium hat keine effektiven Mittel. In erster Linie bestimmt der zu Kontrollierende Umfang und Ausmaß der Kontrolle. Das ist absurd.

SPIEGEL: Der BND arbeitet Ihrer Meinung nach de facto unkontrolliert?

Neskovic: Die neun Mitglieder des PKG haben nicht den blassesten Schimmer, was die 6000 Mitarbeiter des Dienstes tun. Wir treffen uns alle drei bis sechs Wochen und hören meistens das, was die Geheimdienste uns erzählen wollen. So kann das nicht funktionieren.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Neskovic: Wir müssen Missstände öffentlich benennen dürfen, wir brauchen sachkundige Mitarbeiter, die die Akten überprüfen. Bei echten Skandalen sollten wir uns in einen Untersuchungsausschuss umwandeln können, so dass BND-Mitarbeiter als Zeugen der strafbewehrten Wahrheitspflicht unterliegen.

SPIEGEL: Verraten Sie noch ein BND-Geheimnis?

Neskovic: Das Essen ist besser als im Bundestag.

Interview: Markus Deggerich

Der Spiegel, 18. Dezember 2006

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