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Unterwegs mit dem Außenminister – für 3 Tage in Peking (3)

Im Wortlaut von Lukrezia Jochimsen,

Tagebuch 3. Teil

Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion, hat Außenminister Westerwelle in der vergangenen Woche bei seiner Reise nach China begleitet, gemeinsam mit zwei Abgeordneten von SPD und FDP. Während der Reise ist ein Tagebuch in drei Teilen entstanden, in dem sie über ihre Eindrücke während des Besuchs berichtet. Im dritten Teil beschreibt sie das Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft.

 

Teil 1 des Tagebuchs

Teil 2 des Tagebuchs

 

Dritter Tag, 02. April 2011

Um 09.00 Uhr morgens wieder im Theater des Nationalmuseums, wo gestern die Dresdner Staatskapelle spielte. Heute beginnt das Rahmenprogramm zur Ausstellung genannt „Aufklärung im Dialog“. Überfüllt sind Parkett und Ränge. Der Minister für Kultur , Cai Wu, hält eine Rede mit Kant-Zitaten und viel Lob der Vernunft. Dann folgt die Rede des Außenministers, auf die ich gestern bereits Bezug genommen habe. Das chinesische Publikum ist jung und verfolgt jeden Satz mit hoher Aufmerksamkeit. Es spendet viel Beifall.

Danach findet ein Treffen– wie es so schön heißt mit „Vertretern der Zivilgesellschaft“ in der Residenz des deutschen Botschafters statt. Die Vertreter der Zivilgesellschaft sind: ein junger Rechtsanwalt, der „sensible Fälle“ verteidigt, eine tibetische Autorin, ein Film-Regisseur, der über zunehmende Zensur klagt, ein Journalist, der über die Welt der Millionen „Netizens“ berichtet, ihre Beschwerden, ihre Angst, ihre Sorgen, das Unrecht, das ihnen überall widerfährt…

Die andere Seite Chinas wird deutlich. Die Seite, die sich dann auch wieder zeigt, wenn wir abgefahren sind – am Beispiel der Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei auf dem Flughafen am Sonntag – ohne Angabe von Gründen – und sein Verschwinden.

Auch der junge Anwalt sprach vom „Verschwinden“. Anwälte sind plötzlich verschwunden, Künstler ebenso, Freunde, Fremde… „Und der Schrecken nimmt zu“, nicht ab. Wir wissen nicht, was heute vielleicht auch mit uns passiert.“

Diese Gespräche gehen mir nicht mehr aus dem Sinn.


Nicht im Nationalmuseum, in dem wir am Nachmittag die Gelegenheit bekommen, die chinesische Dauerausstellung zu sehen – die 5000 Jahre alten Bronzegefäße mit den ersten Schriftzeichen, die Budha-Skulpturen, die erst noch ganz indisch aussehen – und dann immer chinesischer werden, die kostbaren Porzellane in jadegrün, kobaltblau, tiefrot…

Das „Verschwinden“ peinigt meinen Verstand in all´ diesen großartigen Sälen voller noch nie vorher so gesehener chinesischer Kunst…

Und in der Haupt-Bilder-Galerie erst! Da hängen lauter Mao-Bilder und erzählen die üblichen Kult-Geschichten. MAO auf dem langen Marsch, MAO als Lehrer, MAO bei den Bauern, MAO bei der Überquerung des Gelben Flusses im Sturm, MAO mit Stalin, MAO, MAO, MAO…

Und dann zwei Groß-Gemälde von der Ausrufung der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949. Der Vorsitzende und alle Mitglieder der Regierung auf der Dachterrasse überm Kaiserlichen Tor mit Blick auf den noch fast unbebauten Tianmen Platz. MAO im Moment der Proklamation, die von vier Mikrophonen über den Platz verbreitet wird. Ein berühmtes Bild. Warum hängt es hier in doppelter Ausfertigung? Zwei Großgemälde, die auf den ersten Blick ganz und gar identisch aussehen. Das hat mit dem „Verschwinden“ zu tun. Auf einem Bild gehört nämlich auch Tschou En-lai zur Regierungsgruppe hinter MAO. Auf dem anderen Bild ist er „verschwunden“, ausradiert, übermalt, wegretuschiert.

Immerhin: soviel Geschichtskritik wird bewusst ausgestellt in dieser Bildergalerie im neu eröffneten Nationalmuseum.

Das „Verschwinden“ aber in der Wirklichkeit, draußen geht es weiter. Das lässt mich nicht los. In den Straßen nicht, in den modernen Hotelfoyers nicht und auch am späten Abend nicht, als wir kurz vor dem Abflug um Mitternacht noch eingeladen werden in den LAN Club, ein Restaurant mit Disco und Kunstausstellungen, das auch in New York oder London sein könnte – oder vielleicht auch nicht, weil soviel Trash und schrille Hektik dort vielleicht gar nicht angesagt ist – hier aber schon. Ort der Reichen und Schönen. Ein Glas Wasser kostet soviel wie ein Mittagessen in den Straßen-Restaurants. Es ist mehr als gut besucht. Die Gäste gehen an Vitrinen mit Devotionalien-Kerzen – Aufschrift: JESU – vorbei oder an Glaskästen mit ausgestopften Vögeln und Perlenketten, oder wieder an einer Galerie mit MAO Keramiken aus den 60igern und 70igern Jahren … An den Wänden Spiegel und an den Decken zerschnittene europäische Bilder des Biedermeier-kreuz und quer . Also „Kunst der Aufklärung“ auch hier, aber zerstückelt wie einem überdimensionalen Kaleidoskop.

„Verschwinden“ Menschen auch hier.

Um 01.15 Uhr morgens fliegt der AIRBUS „Bundesrepublik Deutschland“ vom militärischen Teil des Pekinger Flughafens ab. An Bord machen die schlechten Zeitungsberichte über die Ausstellung die Runde und die „Westerwelle – Schach – Matt“ Geschichten. Nun hat uns die deutsche Innenpolitik wieder fest im Griff. Als wir neun Stunden später in Berlin ankommen, wird Ai Weiwei auf dem Pekinger Flughafen abgeführt – und ist seitdem verschwunden.

 

Von Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion