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Ungleichheit ist kein Naturgesetz

Im Wortlaut von Axel Troost,

Von Axel Troost, finanzpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag





Mit seinem Buch "Kapital im 21. Jahrhundert" hat der französische Ökonom Thomas Piketty die neue Bibel der Verteilungsökonomen vorgelegt. Demnach hat die Ungleichheit inzwischen ein Niveau erreicht, dass es seit der großen Depression der 1930er nicht mehr gegeben hat. Interessanterweise ist die wachsende Ungleichheit ein weltweites Phänomen, also in Ländern mit unterschiedlichen Wirtschaftssystemen festzustellen.

Der Stern fasst die Quintessenz von Pikettys Buch zusammen: "Die Rendite von Kapital und Vermögen ist größer als das Wirtschaftswachstum." Anders ausgedrückt: "Die Konzentration der Vermögen ist eine Art Naturgesetz des Kapitalismus.“ (Die Zeit). Dabei nimmt Piketty einen langen historischen Zeitraum ins Visier. Die Folge seiner empirisch festgestellten Regel: Immer mehr Reichtum konzentriert sich bei den ohnehin schon Vermögenden.

Reichtum wird vererbt

In den USA hat demnach zwischen 1977 und 2007 das reichste Prozent der Bevölkerung 60 Prozent der Einkommenszuwächse eingeheimst. Ein Prozent der Bevölkerung besitzt 35 Prozent der Gesamtvermögen. In Frankreich sind es immerhin noch 25 Prozent. Großer Reichtum wird dabei nicht als Arbeitseinkommen erarbeitet (Ausnahmen bestätigen die Regel), sondern als Einkommen aus Vermögen erzielt und in wachsendem Ausmaß ererbt (hier zieht Piketty Parallelen zum frühen 19. Jahrhundert).

Allerdings gibt es auch Ausnahmen von Pikettys Regel: Zeiten, in denen große Vermögen zerstört oder enteignet werden oder von außerordentlich großem Wirtschaftswachstum. Beides gilt für die Zeit um die beiden Weltkriege. Die Kriege hatten große Vermögen vernichtet, der Wiederaufbau brachte hohes Wachstum. Zudem gab es gerade nach dem zweiten Weltkrieg auch große steuerliche Umverteilungsmechanismen. Die USA und Großbritannien kannten etwa in den Nachkriegsjahren Spitzensteuersätze von über 90 Prozent. Die Wende kam mit dem Einzug des Neoliberalismus in die Politik – etwa unter Reagan und Thatcher –, der sich später auch in Kontinentaleuropa austobte. Beispielsweise sind auch in Deutschland die Spitzengehälter exorbitant gestiegen (ohne sich in gesamtwirtschaftlichen Erfolgen niederzuschlagen), während die Masse der Bevölkerung heute preisbereinigt Löhne auf dem Stand der 1990er bezieht.

Talent und harte Arbeit machen nicht reich

Pikettys Aussagen sind akribisch recherchiert, aber nicht völlig neu. Paul Krugman, der das Buch über den grünen Klee lobt, sieht den Neuigkeitswert darin, dass er einen von Konservativen besonders gepflegten Mythos demoliert: nämlich dass großer Reichtum durch eigene Leistung verdient wird – also das Ergebnis von Talent und harter Arbeit ist. Deswegen macht das Buch gerade in den USA stark Furore, wo dieser Glaube stark verbreitet ist – während es in Pikettys Heimatland Frankreich, wo Ungleichheit seit jeher ein brisantes Thema ist, zunächst eher unterging.

Was bedeutet das konkret? Piketty bleibt dabei zum Glück nicht stehen. Gleichheit ist als Frage von Gerechtigkeit vital für unser Zusammenleben. Der große Gleichmacher waren bisher Kriege und andere Krisen. Dazu sollte man es gar nicht kommen lassen. Ein wichtiger Gleichmacher sind progressive Steuern auf Einkommen und Vermögen. Piketty gehörte zu den wichtigen Unterstützern von Hollandes Reichensteuer ("75 Prozent auf Einkommen von einer Millionen"). Nun schlägt er eine internationale Vermögensteuer vor: Ein Prozent auf Vermögen von einer Million, bei Milliardären sollten es zehn Prozent sein oder mehr.

Piketty leitet seine Gesetzmäßigkeit aus Daten ab. In einer großen Koalition der Steuerverweigerer sind seine Forderungen natürlich unrealistisch. Wachsende Ungleichheit ist aber nicht vorbestimmt. Denn über die Entwicklung der Vermögensverteilung entscheidet letztlich die Politik. Sie muss es nur wollen.


linksfraktion.de, 5. Mai 2014

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