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»Sonst verliert jedes Miteinander«

Im Wortlaut von Petra Pau,

Petra Pau 2008 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem

 

Petra Pau ist besorgt wegen der internationalen Querelen rund um den 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Sowjetarmee sowie wegen des europaweiten Rassismus und Antisemitismus, die sich sich immer enthemmter entladen. Dass sich Pegida auf christlich-jüdische Werte beruft, empfindet sie als dümmliche Verhöhnung von Juden, Christen, Muslimen und humanistischen Werten.


Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, wurden die Überlebenden des Nazi-Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau von der Sowjetarmee befreit. Im Bundestag wird es daher wieder eine Gedenkstunde geben.


Petra Pau: In der Bundesrepublik Deutschland ist dieser Tag seit 1996 ein offizieller Gedenktag. Angeregt hatte dies der damalige Bundespräsident Roman Herzog. 



Markanter dürfte die Rede seines Vorvorgängers Richard von Weizsäcker 1985 gewesen sein.

Für offizielle westdeutsche Verhältnisse sprach er damals einen dramatischen Satz: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“



Damit wurde – vorerst in Europa – der mörderischste Krieg in der Geschichte der Menschheit beendet. Die deutsche Kapitulationsurkunde wurde in Karlshorst unterzeichnet. Berlin wurde ebenfalls durch die Rote Armee befreit.


Und von polnischen Soldaten an ihrer Seite. Aber es ging nicht nur um diesen furchtbaren Krieg, sondern auch um die Frage, ob es nach der faschistischen Barbarei in Europa noch so etwas wie Zivilisation geben kann.

Nun war es ja nicht ein Tag, der uns befreit hatte?


Es waren vor allem die Alliierten Streitkräfte, nicht allein, aber maßgeblich, also die Sowjetunion, die USA, Großbritannien und Frankreich. Wobei die Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus mit Abstand die meisten Opfer zu beklagen hatte. 



Warum diese Betonung?


Erstens, weil es so war, und zweitens weil ich besorgt die internationalen Querelen rund um den 70. Jahrestag wahrnehme. Nach Lage der Dinge wird das Gedenken in Auschwitz ohne den Präsidenten Russlands stattfinden. 



Ihm wird aktuell die Annexion der Krim vorgeworfen. Sogar jüdische Gemeinden in Tschechien sollen dafür plädiert haben, Putin vom gemeinsamen Gedenken auszuschließen?

Wenn das so ist, dann wäre es sehr kurzsichtig. Es wäre ein Bruch mit der Kultur internationalen Gedenkens, der weder der Geschichte entspräche, noch den Opfern des Faschismus gerecht würde, auch nicht den Millionen Jüdinnen und Juden, die systematisch ermordet wurden. Und, was noch schlimmer ist…

…ja?

Es fällt mir zunehmend schwerer, das alles unter „Zufall“ oder unter „dumm gelaufen“ abzubuchen. Ich befürchte, machtpolitische Kontroversen, wie die aktuelle Krise rund um die Ukraine, sollen wieder einmal genutzt werden, um Geschichte zu verklären.

Was spricht dafür?

Jüngst war der Regierungschef der Ukraine, Arseni Jazenuk, in Deutschland auf Staatsbesuch. Er suchte mit dem Verweis um Geld und Zuspruch nach, dass die Sowjetunion dereinst die Ukraine und Deutschland besetzt habe. Die Ukraine und Deutschland seien mithin natürliche Freunde – und zu Ende gedacht - folglich gemeinsame Feinde Russlands. Noch schlimmer ist: Es wurde ihm nicht widersprochen, zumindest nicht öffentlich. 



Zur Gedenkstunde im Deutschen Bundestag wird dieses Jahr Bundespräsident Joachim Gauck reden. Warum kein Überlebender des Holocaust?

Es ist Brauch, dass einmal innerhalb einer Legislaturperiode der jeweilige Bundespräsident die Gedenkrede hält. Und dann gibt es noch etwas zu bedenken. Für die Vereinten Nationen ist der 27. Januar seit 2005 ein internationaler Gedenktag an die Opfer des Holocaust. In Deutschland ist er ein Gedenktag an alle Opfer des Faschismus, also auch an Sinti und Roma, an Menschen mit Behinderungen, an Schwule, an Andersdenkende und viele an dere mehr. Das halte ich für richtig und wichtig.

Trotzdem war der Holocaust ein einmaliges Verbrechen, oder?

Ja, selbstverständlich, aber eingebettet in eine Ideologie eines arischen Rassenwahns, der nicht nur Jüdinnen und Juden traf.

Rassismus und Antisemitismus nehmen aktuell zu, offenbar europaweit.


Ob entsprechende Denkweisen zunehmen, weiß ich nicht. Aber sie entladen sich immer enthemmter. In Frankreich gibt es eine regelrechte Massenflucht von Jüdinnen und Juden nach Israel. In der jüdischen Gemeinde Wien wird immer mehr ungarisch gesprochen. Und auch in Deutschland fühlen sich immer mehr Jüdinnen und Juden bedroht, weil sie bedroht werden. 



Juden finden neuerdings eigentümlichen Zuspruch. Pegida, die Bewegung „Patrioten Europas gegen die Islamisierung des Abendlandes“, beruft sich auf christlich-jüdische Werte.


Dümmlicher kann man Juden, Christen und humanistische Werte nicht verhöhnen. Übrigens auch Muslime nicht. Das ist ein politisches Problem. Gleichwohl sei daran erinnert: Das Jüdische, das Christliche und der Islam, alle drei sind abrahamitische Religionen, sie haben dieselben Wurzeln. Wer einen Kulturkampf schürt wie Pegida, sollte wenigstens ein Fünkchen Ahnung haben.

Pegida geht es nicht um Bildungsabende, sondern um Proteste.

Richtig, nur finden bei Pegida Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eine Bühne. Umso mehr frage ich mich, was die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen da vermitteln will. Besorgte Bürgerinnen und Bürger haben jedes Recht auf politischen Dialog. Rassisten indes gebührt massiver Widerstand, staatlich und gesellschaftlich. Ansonsten könnten wir auch den 27. Januar als Gedenktag vergessen.

Und was sollte das politisch-praktisch heißen?


Zweierlei: Das gesellschaftliche Problem Rassismus muss endlich ernst genommen werden. Es wird seit Jahren offiziell verdrängt. Außerdem muss gruppenfeindlicher Menschenfeindlichkeit der Boden entzogen werden. Sehr verkürzt gesagt: Soziale Gerechtigkeit und mehr Demokratie müssen vorrangige Ziele der Politik werden, sonst verliert jedes Miteinander.



Interview: Rainer Brandt
 

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