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Reibach mit der Riester-Rente

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Der nachfolgende Beitrag erscheint am 4. Dezember in der neuesten gedruckten Ausgabe des Fraktionsmagazins clara.

Michael Oderski (Name geändert) wollte einen soliden Beruf erlernen. Nach dem Abitur entschied sich der heute 29-Jährige für eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei einer renommierten Großbank. Den jungen Mann aus dem Rhein-Main-Gebiet reizte der Beruf, der seinem Ideal des ehrbaren Kaufmanns zu entsprechen schien.

Doch die Ernüchterung folgte bald. "Ich merkte schnell, dass es kaum noch um klassische Kerngeschäfte einer Bank wie Zahlungsverkehr oder Kreditvergabe ging", erinnert er sich. "Es ging vor allem um den Vertrieb wilder Versicherungskonstruktionen." Denn die Bank arbeitete eng mit einem Versicherungskonzern zusammen und strich für abgeschlossene Verträge hohe Prämien ein.

Besonders profitabel waren für beide Partner Abschlüsse einer Riester-Rente. Michael Oderski erlebte, wie die Geschäftsleitung von den Angestellten verlangte, Vertrieb und Umsatz dieses Versicherungsprodukts massiv zu erhöhen. "Der Vertriebsdruck war unerträglich. Mitarbeiter, die ihre vereinbarten monatlichen Zielzahlen mehrmals nicht erreichten, wurden abgemahnt, manche auch ausgesondert", erzählt er.
 

Staat sorgt für Gewinne bei Versicherungen

Als Auszubildender durfte Michael Oderski in Anwesenheit eines erfahrenen Mitarbeiters bald selbst Verkaufsgespräche zur Riester-Rente führen. Darauf vorbereitet wurde er in internen Vertriebsseminaren. "Die Gesprächsführung bestand darin, dem Kunden zunächst Angst vor Altersarmut zu machen. Dann wurden die vermeintlichen Vorteile dieser Versicherung betont", berichtet er. Risiken oder Nachteile seien häufig ausgeblendet, teilweise vollständig verschwiegen worden. Die Worte eines Vertriebstrainers gehen ihm nicht aus dem Sinn: "Bedarf ist immer da, man muss ihn dem Kunden nur aufzeigen."

Als gewissenhafter Lehrling war Michael Oderski zunächst von der Riester-Rente überzeugt. Doch allmählich entdeckte er an den Verträgen Schattenseiten, die bei Vertriebsseminaren nie ein Thema waren. "Die Kosten der Versicherung wurden den Kunden irgendwo in der Mitte eines 20-seitigen Angebots in kleiner Schrift mitgeteilt", sagt er. Zudem seien die Verwaltungskosten "durchweg erschreckend hoch" gewesen. "Ich habe Angebote gesehen, in denen diese Kosten die staatlichen Zulagen komplett aufzehrten", sagt er. Mit anderen Worten: Die Versicherten müssen die staatliche Förderung direkt an Banken und Versicherungen weiterreichen.

Dahinter steckt Methode: Der Staat fördert die Riester-Rente mit Steuergeld. Dieses Geld, mit dem auch Bearbeitungskosten und Gebühren bezahlt werden, sorgt für sprudelnde Gewinne bei Versicherungen und Banken. Seit dem Jahr 2002 hat der Staat bereits weit über 14 Milliarden Euro für die Förderung der Riester-Rente ausgegeben, davon mehr als vier Milliarden Euro an Zulagen alleine an die sechs größten Anbieter von Riester-Verträgen.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht von schweren "Defiziten des Riester-Systems" und fordert ein "grundsätzliches Überdenken". Dabei dürfe "auch ein Wegfall der besonderen öffentlichen Förderung kein Tabu" sein. Schließlich könnten "die eingesparten Steuergelder zur Stärkung der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung verwendet werden".

Geringverdiener zahlen bei Riester-Rente drauf

Tatsächlich werden Riester-Versicherte mehrfach über den Tisch gezogen. So ist der Garantiezins seit dem Jahr 2002 um fast ein Drittel gesunken. Die Zinsgarantie bei Neuabschlüssen liegt nur noch bei 1,75 Prozent, also unterhalb der Inflationsrate. Auch werden Riester-Leistungen in der Regel nicht an die Inflation angepasst und somit zunehmend durch die Preisentwicklung entwertet. Zudem lohnt sich eine solche Versicherung bestenfalls für Menschen, die 85 Jahre und älter werden.

Schlussendlich liegen die Verwaltungskosten bei Riester-Verträgen mit bis zu 20 Prozent der eingezahlten Beiträge deutlich höher als bei der gesetzlichen Rente, wo sie lediglich 1,4 Prozent betragen. Dies hat die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE bestätigt. Für Millionen Berufstätige, die einen Riester-Vertrag unterschrieben haben in der Hoffnung auf einen sorgenfreien Lebensabend, zeichnet sich ein böses Erwachen ab. Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE, sagt: "Früher, als es die Riester-Rente noch nicht gab, hat die gesetzliche Rente allein mehr eingebracht als morgen die gesetzliche Rente und die Riester-Vorsorge zusammengenommen." Riestern komme die Beschäftigten deutlich teurer als eine armutsfeste Rente innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung, die von Arbeitgebern und Arbeitnehmern paritätisch finanziert werde.

Michael Oderski verweist auch auf die Gefahren, die daraus resultieren, dass die Beiträge der Versicherten vielfach in Wertpapieren oder Investmentfonds angelegt werden. "Den Kunden wurden Rechenbeispiele präsentiert, wie sich ihre Rente bei einer jährlichen Performance der Investmentfonds von vier, sechs oder acht Prozent entwickelt", berichtet er. Doch in der Finanzkrise sind die Renditen am Kapitalmarkt gefallen. Vielfach haben Wertpapiere dramatisch verloren. In Großbritannien, wo die Altersvorsorge schon länger mit ähnlichen Modellen privatisiert ist, steigt die Altersarmut. "Die Leute hätten ihr Geld besser unter das Kopfkissen gelegt", sagt Oderski.

Besonders plagte ihn sein Gewissen, wenn es darum ging, Hartz-IV-Beziehenden die Riester-Rente anzudrehen. "Doch da laut Gesetz schon ein monatlicher Beitrag von fünf Euro ausreicht, um in den Genuss der staatlichen Zulagen zu kommen, wurde diesen Menschen der letzte Groschen aus der Tasche gezogen", erzählt er. Den Menschen nützt der Riester-Vertrag im Alter oft gar nicht, denn diese Einkünfte werden bei Rentnerinnen und Rentnern mit geringem Einkommen von der Grundsicherung im Alter abgezogen.

Seine Erfahrungen im Bankgeschäft haben Michael Oderski ernüchtert. Der Beruf habe nichts mehr mit den Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns zu tun. "Es geht nicht um die Bedarfslage beim Kunden, sondern um die Bedarfslage der Bank", resümiert er. "Es ist eine beispiellose Enteignung von Steuerzahlerinnen und -zahlern zugunsten der privaten Gewinne von Versicherungen und Banken." Nach der Ausbildung verzichtete er auf eine Karriere in der Bank und schlug das Angebot einer Festanstellung aus.


Hans-Gerd Öfinger

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