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Prenzlau in der Uckermark gilt als Vorbildkommune in Sachen Energiewende

Im Wortlaut,

Stadtwerke Prenzlau

Ein Vorbild zu sein – diesen Ruf genießen ostdeutsche Kleinstädte für gewöhnlich nicht. Schon gar nicht, wenn sie wie Prenzlau in einer strukturschwachen Region wie der brandenburgischen Uckermark liegen. 

Dem Gedanken an eine solche Region folgen meistens Bilder von De- Industralisierung, Arbeitslosigkeit und Überalterung. An Zukunft denkt da kaum einer. Aber ausgerechnet die hat in Prenzlau schon vor einigen Jahren begonnen. Prenzlau ist eine Stadt der regenerativen Energien und wurde dafür Ende 2010 von der Deutschen Umwelthilfe als Klimaschutzkommune ausgezeichnet. Neben der umweltverträglichen Energieversorgung lobte die Umwelthilfe, dass Prenzlau wie kaum ein anderer Ort zeige, dass erneuerbare Energien erhebliche Wachstumschancen bieten.

Wie stolz man in der Stadt auf diesen Preis war, lässt eine Pressemitteilung des Bürgermeisters nach der Preisverleihung erahnen. 

Darin heißt es: »Wir als Stadt der regenerativen Energien haben gezeigt, dass in der brandenburgischen Provinz Bewegung ist, dass hier etwas geschieht.« Das war im Oktober letzten Jahres. Da hatte die Bundesregierung gerade die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert, und die Katastrophe in Fukushima war noch weit weg.

Den Grundstein für ihre Erfolgsgeschichte legten die Prenzlauer bereits 1994. Als noch kaum ein Politiker von erneuerbaren Energien sprach, starteten die Stadtwerke Prenzlau ein deutschlandweit einmaliges Pilotprojekt: die Nutzung von Erdwärme. Dabei machten sie sich eine Hinterlassenschaft aus DDR-Zeiten zu eigen. In den 1980er Jahren waren in der Prenzlauer Innenstadt Erdlöcher gebohrt worden, um so die Neubauten mit Fernwärme zu versorgen. Weil die Bohrungen aber nicht tief genug waren, konnte das Wasser nur auf 45 Grad erhitzt werden. Im Jahr 1989 gab man das Projekt auf. Dann müssen wir halt tiefer bohren, dachten sich findige Köpfe der Stadtwerke und wagten den Versuch. 2786 Meter trieben sie die Bohrköpfe in die uckermärkische Erde. Tief genug, um Wasser so stark zu erhitzen, dass sich damit mehr als 550 Haushalte beheizen lassen.

Ganz nebenbei nahm eine zweite Erfolgsgeschichte ihren Lauf: die Prenzlauer Stadtwerke, die zu 100 Prozent der Kommune gehören. Mit den Jahren wurden sie zu einer der treibenden Kräfte für Ökologie in der Region – aber auch dafür, wie erfolgreich kommunale Unternehmen sein können. In einer Zeit, in der es hieß: »Privat ist besser«, hielten die Prenzlauer Kommunalpolitiker an ihren Stadtwerken fest. Die dankten es mit einer Innovation nach der anderen. 1997 nahm ein ganz besonderes Klärwerk seinen Betrieb auf: Die Anlage reinigt nicht nur das Abwasser der Stadt, sondern dient auch der Erzeugung von Strom und Wärme.

Klärgasanlage Prenzlau

Die im Abwasser enthaltenden Schlämme und Fette gären zusammen mit Bakterien in sogenannten Faultürmen, und es entstehen Klärgase. Die werden anschließend in Blockheizkraftwerken verbrannt. Einen Großteil des so erzeugten Stroms verwenden die Stadtwerke für ihre eigenen Anlagen. Die Überschüsse fließen in das Netz und landen bei den Prenzlauern in der Steckdose. Die beim Verbrennen entstehende Wärme heizt die Faultürme, die Büro- und Betriebsgebäude der Stadtwerke, und der Überschuss wird in das Fernwärmenetz eingespeist. Ganz nebenbei werden so Gase vernichtet, die sonst die Umwelt belasten würden, und weniger CO2 gelangt in die Umwelt.

»In den Stadtwerken steckt ein guter Geist«

Wenn der Prenzlauer Kommunalpolitiker Jörg Dittberner (44) von den Stadtwerken berichtet, gerät er fast ins Schwärmen. »Die Stadtwerke sind ein wahnsinniger Gewinn für die Stadt«, sagt Jörg Dittberner, der für DIE LINKE in der Stadtverordnetenversammlung sitzt. »Sie machen Gewinne, bieten Ausbildungs- und gut bezahlte Arbeitsplätze an und entlasten die Stadtkasse.«

Mit den Jahren seien Stadt und Stadtwerke zusammengewachsen, ein Erfolg geworden, erzählt Dittberner. Und damit meint er mehr als nur die schwarzen Zahlen des Unternehmens. Die Stadtwerke haben das Gesicht der Stadt verändert. Sie sanierten zahlreiche alte Gebäude, unterstützen den Tourismus in der Uckermark, organisieren Ausflüge für Schulklassen und bringen ihnen den verantwortungsvollen Umgang mit Energien bei. Zudem sorgen sie als Hauptsponsor bei vielen Veranstaltungen für Leben, beispielsweise bei einem der größten Fahrradmarathons der Region. »Von ganzem Herzen für die Stadt«, so empfindet es Jörg Dittberner. Wenn der Kommunalpolitiker auf den Straßen seiner Heimatstadt unterwegs ist und den Erzählungen von Mitarbeitern der Stadtwerke lauscht, dann spürt er: »In den Stadtwerken steckt ein guter Geist.« Viele Menschen scheinen das ähnlich zu sehen. Der Einladung zum »Tag der offenen Tür« der Stadtwerke folgen in der 20000-Einwohner-Stadt gelegentlich mehr als eintausend Interessierte. Auch hört man Geschichten von überraschten Kunden, bei denen nach einem Rechnungsfehler des Unternehmens plötzlich ein Mitarbeiter mit einem Blumenstrauß in der Hand vor der Tür stand, um sich zu entschuldigen.

Vielleicht hat das auch ein bisschen mit dem Geschäftsführer der Stadtwerke zu tun. Harald Jahnke heißt der, ist 46 Jahre alt und sagt über sich selbst mit einem Schmunzeln: »Ich kann nichts anderes als Stadtwerke.« Und das kann er offensichtlich sehr gut. Stück für Stück, so scheint es, holt er für die Bürgerinnen und Bürger in Prenzlau das in kommunalen Besitz zurück, was einst in Zeiten des Privatisierungswahns an private Konzerne verschenkt wurde, zuletzt den Strom. Im Jahr 2008 stiegen die Stadtwerke ins Stromgeschäft ein, boten ihr eigenes Produkt »UckerStrom« an. Anfang des Jahres übernahmen die Stadtwerke sogar das Stromnetz in Prenzlau, und für die Kunden sank das sogenannte Netznutzungsentgelt.

Für die Stadt Prenzlau bedeutet dies einen Zuwachs an Vermögen – und an Gestaltungsspielraum. Davon ist der Unternehmer Harald Jahnke überzeugt. Für Kommunen sei es von Vorteil, wenn sie Unternehmen besitzen. »So haben sie einen wichtigen Steuerungsmechanismus in der Hand, können auf die lokale Wirtschaft einwirken und diese beleben«, sagt Jahnke. Außerdem habe er es noch nie erlebt, dass eine Kommune nachhaltig von der Privatisierung der Daseinsvorsorge profitiert habe. 

Warum also sollten Kommunen ihren Besitz und ihre Einflussmöglichkeiten weggeben?

Einen Stadtverordneten wie Jörg Dittberner, der bundesweit Vorträge hält über die Stadtwerke, muss er davon nicht überzeugen. Anscheinend nicht mal mehr die Liberalen in Prenzlau. Denn die Stadtwerke im Besitz der Kommune seien so erfolgreich, sagt Jörg Dittberner, da würden nicht mal mehr die FDP-Abgeordneten an einen Verkauf denken.

Weil die Stadtwerke nun auch das Stromnetz besitzen, läuft bei ihnen gewissermaßen all das zusammen, was die Region Prenzlau so besonders macht: die erneuerbaren Energien. Alleine könnten die Stadtwerke diese Menge nicht produzieren. Hier profitieren sie aber von den Erfolgen einer Lokalpolitik, die schon vor Jahren in der Energiewende den Ausweg aus dem Dilemma einer strukturschwachen Region erkannte. 

Frühzeitig förderte die Stadt den Ausbau regenerativer Energien, legte ein städtisches Förderprogramm für private Solaranlagen auf und initiierte eine Energiemesse. Inzwischen gibt es mehr als 104 Solaranlagen, acht Biogaserzeuger und mehr als 44 Windenergiebetreiber. Diese speisen ihren Strom in das Netz der Stadtwerke Prenzlau ein, und zusammen ergibt das für die 20000- Einwohner-Gemeinde eine beeindruckende Bilanz: mehr erneuerbare Energien herzustellen, als verbraucht werden.

Die Vorreiterregionen haben ein Problem

Ganz nebenbei sind durch die erneuerbaren Energien in der strukturschwachen Region mehr als 1000 Arbeitsplätze entstanden. 640 allein bei aleo, einem der vier großen Hersteller von Solarmodulen in Deutschland. Tendenz steigend. Im Herbst wird in der Region ein weltweit einzigartiges Hybridkraftwerk der Firma ENERTRAG seinen Betrieb aufnehmen. Das Besondere hier: Windenergie wird dazu verwendet, aus Wasser Wasserstoff herzustellen und zu speichern. 

Stehen die Windräder wegen Flaute still, kann der Wasserstoff mit Biogas gemischt und in zwei Blockheizkraftwerken zur Stromerzeugung genutzt werden. Auch ein anderes Problem der Windenergieerzeugung lässt sich so lösen. Gelegentlich müssen Betreiber von Windanlagen den Betrieb stoppen, weil die Stromnetze überlastet sind. In Prenzlau wird es dieses Problem dann nicht mehr geben.

Dafür könnte es für Vorreiterregionen wie Prenzlau ein anderes Problem geben, über das sich Harald Jahnke von den Stadtwerken Gedanken macht: 

Es geht um den Ausbau der Stromnetze. Diese Frage wird auch in der Bundespolitik heiß diskutiert. Das Problem ist: Vor allem in strukturschwachen Regionen werden derzeit erneuerbare Energien produziert. Die großen Abnehmer hingegen sind weit entfernte industrielle Ballungsgebiete. Der Strom muss also über weite Strecken transportiert werden, und dafür braucht es neue Leitungen. Aber nicht nur das: Da Regionen wie Prenzlau perspektivisch noch mehr erneuerbare Energien produzieren werden, müssten auch die dortigen Stromnetze und Anlagen ausgebaut werden. Gewaltige Investitionen sind dafür nötig, die zu höheren Netznutzungsentgelten führen könnten und damit für gewöhnlich zu Zusatzkosten für die Kunden. Genau da sieht Harald Jahnke ein Problem, das die Politik lösen muss. »Es wäre verkehrt, wenn überall dort, wo die erneuerbaren Energien ausgebaut werden, die Netzentgelte für die Menschen steigen«, sagt Jahnke. Deswegen sei mehr als eine Solidarisierung mit den Vorreiterregionen nötig, am besten eine effektive Unterstützung beim Netzausbau.

Als Unternehmer würde sich Harald Jahnke natürlich darüber freuen, wenn er seinen Strom in weit entfernte Regionen liefern kann. Viel lieber wäre es ihm aber, wenn Regionen wie sein Prenzlau mit dem Öko- Strom neue Investoren in die Region locken würden. Dann könnte man sich den massiven Ausbau der Netze sparen, der Strom bliebe billig, und noch mehr Arbeitsplätze würden entstehen.

Von Benjamin Wuttke

 

Dieser Text erscheint gedruckt am 30. Juni in der 20. Ausgabe des Fraktionsmagazins clara, das kostenfrei über das Bestellformular abonniert werden kann.