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»Oft gilt: Armenier gleich Terrorist«

Im Wortlaut von Sevim Dagdelen,

Papst Franziskus hat jüngst die Deportation der Armenier im Osmanischen Reich als den ersten "Völkermord" im 20. Jahrhundert bezeichnet. Der Genozid, der am 24. April 1915 begann, kostete unterschiedlichen Schätzungen zufolge 800.000 bis 1,5 Millionen Menschen das Leben. Die Türkei als Rechtsnachfolgerin der Osmanen lehnt es ab, von einem Genozid zu sprechen. Kurz vor ihrer Abreise zum Gedenktag nach Istanbul sprach die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen mit t-online.de.

t-online.de: Frau Dagdelen, warum tut sich die Türkei so schwer mit ihrer Geschichte?

Sevim Dagdelen: Die Türkei hat die Nicht-Anerkennung des Völkermords an den Armeniern seit ihrer Gründung quasi zu ihrer raison d‘être (Daseinsberechtigung, Anm.d.Red.) gemacht. Selbst die Erinnerung an die Verschwundenen sollte ausgelöscht werden. Die jetzige AKP-Regierung versucht, von dieser Lebenslüge zu profitieren und erneuert im Vorfeld der Parlamentswahlen nationalistisch-islamistische Kampagnen gegen die Anerkennung des Völkermords, um noch mehr Stimmen aus dem nationalistischen Lager zu holen.

Bestärkt wird Staatspräsident Erdogan auch noch durch die Haltung der deutschen Bundesregierung, die in ihrem Antrag darauf verzichtet, die Vernichtung der Armenier 1915 direkt als Völkermord zu verurteilen. Das hat nichts mit Völkerfreundschaft zu tun, denn die Freundschaft zwischen den Völkern kann nicht auf Lügen basieren. Die Definition der Massenverbrechen gegen die armenische Bevölkerung im Osmanischen Reich 1915/1916 als Völkermord würde auch die Anerkennung bedeuten, dass sich deutsche Offiziere und Regierungsstellen eines Verbrechens mitschuldig gemacht haben, das nicht verjährt ist.

Ist es die Politik des Nationalismus und Militarismus, oder nur ganz banal, die Angst vor Reparationszahlungen?

Die Sorge vor Reparationszahlungen oder gar Gebietsansprüchen Armeniens ist wirklich nur vorgeschoben, auch wenn es Parteien in Armenien gibt, die derartige Forderungen stellen. Nein, es geht darum, die Erinnerung an diese Kultur als Teil der Kultur der Türkei auszulöschen und damit auch gegen Kurden, Aleviten, Zaza und andere Minderheiten aktuell Stimmung zu machen. Wenn wir uns erinnern: Selbst das Manifest von Karl Marx wurde im 19. Jahrhundert zuerst von einer armenischen Partei veröffentlicht. Auch dies wollen die Nationalisten vergessen machen.

Denken Sie, dass die Türkei die Armenier noch immer für einen "Feind" hält?

Auch von der herrschenden Politik in der Türkei wird pauschal gegen Armenier gehetzt, die sich mit der Geschichtsklitterung Ankaras nicht abfinden wollen. Oft gilt dann in den Köpfen die Gleichung "Armenier gleich Terrorist". Mit dieser Feindkonstruktion will sich die AKP-Regierung stabilisieren. Denn wer sich derart gegen andere Nationalitäten aufhetzen lässt, der wird nicht in Opposition zur Politik eines völkischen Islamismus stehen, auf die sich die AKP immer weiter zubewegt.

Warum hat die türkische Gesellschaft keine Einwände gegen die Leugnung?

Mein Eindruck ist, dass sich trotz nationalistischer Leugnungskampagnen, die leider jetzt auch von Staatspräsident Erdogan und der AKP betrieben werden, sich immer mehr Menschen in der Türkei nicht mehr mit einer Geschichtspolitik abfinden wollen, die auch noch die Erinnerung an die ermordeten und verschwundenen Armenier auslöschen will. Das wird aber ein langer schmerzhafter Prozess sein, denn die Leugnung hat immerhin eine hundertjährige Geschichte.

Mit den Gedenkfeiern in Istanbul zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern in Istanbul, an denen ich auch selbst teilnehmen werde, ist aber ein Anfang gemacht. Ich bin optimistisch, dass sich die Gesellschaft in der Türkei auf Dauer mit dem herrschenden Lügengebäude nicht abfinden wird.

Das Interview führte Özkan Canel Altintop.

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