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Nur jetzt kann die Klima-Katastrophe noch aufgehalten werden

Im Wortlaut von Lorenz Gösta Beutin,

Von Lorenz Gösta Beutin

Einen sehr heißen Sommer, wie diesen, könnten wir jetzt öfter haben. Wenn solche extremen Wetterlagen regelmäßig vorkommen, dann ist das nicht nur ein Wetterphänomen, sondern hat etwas mit der Klimaerwärmung zu tun. Längst leiden viele Menschen unter den Folgen des Klimawandels, vor allem im globalen Süden. Es droht eine neue Heißzeit. Wenn bestimmte Prozesse einsetzen, die Klimaforscher Kippelemente nennen, könnte es zu einer Erderwärmung von vier bis fünf Grad kommen - eine unvorstellbare Katastrophe. Und dies könnte früher der Fall sein als man das bislang annahm.

Derzeit haben wir bereits eine Erderwärmung von einem Grad erreicht. Ab sogenannten „points of no return“ - Kipppunkte im Klimasystem, lassen sich Prozesse nicht mehr aufhalten und verstärken sich selbst. Klimaforscher haben in einer Studie aufgezeigt, dass es noch früher zu diesen Verstärkungen kommen könnte. Selbst wenn die Klimaziele gemäß dem Pariser Klimaabkommen eingehalten würden, gehen die Klimaforscher davon aus, dass unaufhaltsame Prozesse im Klimasystem der Erde einen Domino-Effekt bewirken und eine "Heißzeit" auslösen. Dann geht es nicht mehr nur um 1,5 oder zwei Grad Erwärmung, sondern um durchschnittliche vier bis fünf Grad und einen daraus folgenden drastischen Anstieg des Meeresspiegels.

Viele kennen die Video-Animation mit einem Geige spielenden Eisbären auf einer Eisscholle - dann wird ihm die Geige rüde weggenommen: „Es geht jetzt wirklich nicht mehr um Eisbären…“, so beginnt das bekannte Erklärvideo „Wake Up, Freak Out - then Get a Grip“, das vor dem Super-GAU einer unkontrollierbaren Klima-Erwärmung warnt. Es ist schon über zehn Jahre alt und zeigt die apokalyptischen Folgen der Erderwärmung. Aber noch immer ist keine wirkliche Umkehr eingetreten beim Ausstoß von klimaschädlichen Gasen. Im Gegenteil. Derzeit scheinen eher wieder Diejenigen im Aufwind zu sein, die bezweifeln, dass Klimawandel menschengemacht ist. Man hat das Gefühl wir waren schon einmal weiter, zumindest in den Köpfen.

Das Problem ist nur: das Klima wartet nicht. Und die Maßnahmen, die wir heute einleiten, werden nicht sofort spürbar. Sie wirken verzögert, vielleicht in einigen Jahren, Jahrzehnten. Aber für unsere Kinder und Enkel, für nachfolgende Generationen ist unser jetziges und sofortiges Handeln existenziell. Es wurde schon zu lange gezögert. Wenn der übermäßige vom Menschen verursachte CO2-Ausstoß, der stetig zunimmt, nicht endlich reduziert wird, könnte der Meeresspiegel um kaum vorstellbare 10 bis 70 Metern ansteigen. Wenn der Meeresspiegel zum Beispiel um 35 Meter ansteigt, würden Städte wie Amsterdam, Hamburg und Kopenhagen vollkommen von der Bildfläche verschwinden. Die Südpazifischen Inseln sind dann längst Geschichte, auch Teile von Indonesien und den Philippinen existieren dann nicht mehr. Wenn wir nicht die Notbremse ziehen, heißt es nicht mehr „Nach uns die Sintflut“ sondern „Nach uns die Hitzeglut“.

Deshalb darf nicht länger damit gewartet werden, Kohlekraftwerke abzuschalten, den Autoverkehr drastisch zu reduzieren und Aktionsprogramme aufzulegen, um Gebäude sozialverträglich energetisch zu sanieren. Im Energiesektor - zu dem der Stromsektor, Verkehr und Wärme zählen - muss vor allem in den beiden letzteren viel mehr passieren als von der großen Koalition je zu erwarten ist. Von Merkels Klimaziel, einer Reduzierung der Treibhausgase bis 2020 40 Prozent gegenüber 1990, wird Deutschland nur 32 Prozent erreichen. Das EU-Ziel eines Anteils erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch von 18 Prozent bis 2020 wird Deutschland mit einer Verfehlung von rund zwei Prozentpunkten reißen. Ökostrom ist eben nicht alles. Regenerative Energien gehören auch in den Verkehrs- und Wärmebereich. Mit 11,68 Tonnen CO2 pro Kopf ist Deutschland weltweit immernoch weit vorne. Jede und jeder von uns trägt täglich dazu bei. Wie hoch der persönliche Verbrauch ist und wo man einsparen könnte, ist leicht beim Umweltbundesamt zu errechnen.

Und obwohl unser Stromsektor bereits über 35 Prozent an erneuerbaren Energien verfügt, laufen Kohlemeiler seit Jahren ungebremst weiter, blockieren hierzulande die Netze und exportieren schmutzigen Strom ins europäische Ausland. Kein Wunder, wenn in der Kohlekommission die Kohle-Lobby über ihre eigene Überflüssigkeit mitverhandelt. Gleichzeitig wird der Ausbau der erneuerbaren Energien von Energieminister Altmaier blockiert, indem zum Beispiel noch nicht einmal die Sonderausschreibungen für Windenergie wie sie im Koalitionsvertrag stehen, auf den Weg gebracht werden. 

Es braucht den Druck der Klimabewegung. Wir dürfen nicht mehr warten, dass die Regierung dieses oder jenes Rädchen ein bisschen dreht: Wir müssen kämpfen, auf die Straße gehen. Für das Klima und unsere Zukunft. Die Studie zur Heißzeit sagt übrigens auch: Die heutige Generation hätte es noch in der Hand, ob in einigen Jahrzehnten die Erde in katastrophenartige Zustände verfällt oder nicht. Gehandelt werden muss jetzt. Sonst wird es zu spät sein.

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