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Matthias W. Birkwald

Nachholfaktor heißt Rentenkürzungen

Im Wortlaut von Matthias W. Birkwald,

Laut Koalitionsvertrag soll der sogenannte Nachholfaktor »rechtzeitig vor den Rentenanpassungen ab 2022« wieder aktiviert werden. Nachholen klingt doch gut, da kann man nichts gegen haben. Vor allem nicht als alter Mensch, der auf ein arbeitsreiches Leben zurückblickt. Aber - um es vorweg zu nehmen - nachgeholt werden sollen damit vor allem ausgebliebene Rentenkürzungen. 

Denn das würde nach Aussagen von Hubertus Heil und abhängig von der konkreten Ausgestaltung dazu führen, dass nach der Nullrunde in diesem Jahr die Rente im Westen im kommenden Jahr nicht um 5,2 Prozent, sondern nur um 4,4 Prozent steigt und auch die Anpassung im Osten um 0,8 Prozentpunkte niedriger als geplant ausfallen würde. Wer jetzt sagt, dass dann die Renten wieder den Löhnen folgen würden und die Rentnerinnen und Rentner damit den Beschäftigten gleichgestellt werden würden, irrt. Seit der Einführung der Kürzungsfaktoren bleibt die gesetzliche Rente hinter der Lohnentwicklung zurück. Das wird sich in der Zukunft noch verschärfen. Nach den Modellrechnungen der Bundesregierung wird der Rentenwert bis 2035 um rund 37 Prozent ansteigen, die zugrunde gelegten Löhne werden aber um 53 Prozent steigen.

Wenn die Kürzungsfaktoren aus der Rentenanpassungsformel gestrichen werden würden, könnte man sachlich darüber reden, ob ein Nachholfaktor gerechtfertigt ist, denn dann würden die Renten wirklich den Löhnen folgen und die Rentnerinnen und Rentner am Wohlstand teilhaben. Für die aktuelle Situation kommt erschwerend hinzu, dass der Rückgang der Löhne zu großen Teilen auf eine statistische Revision und nicht auf die reale Entwicklung zurückgeht. Eine Kürzung der Rentenanpassungen würde außerdem das Ziel eines Mindestrentenniveaus von 48 Prozent komplett ad absurdum führen.

In der Pandemie ist es das völlig falsche Signal, den Nachholfaktor zu reaktivieren. Es wäre besser gewesen, den Nachholfaktor so, wie von der großen Koalition beschlossen, bis 2025 ausgesetzt zu lassen. Bei einer Durchschnittsrente von aktuell nur 1087 Euro netto und starker Inflation brauchen die Rentnerinnen und Rentner gerade jetzt jeden Cent. Wenn die Arbeitgeberseite nun argumentiert, dass auf Grund der schlechten Lohnentwicklung während der Coronakrise die Rentenerhöhungen gekürzt werden müssten und so die Renten wieder den Löhnen folgen sollten, so ist das schlicht Unsinn. Schaut man sich unvoreingenommen an, wie sich die Rentenwerte und die Löhne seit dem Jahr 2000 entwickelt haben, so zeigt sich: Die Renten blieben auf Grund der Kürzungsfaktoren weit hinter der Lohnentwicklung zurück und das wird sich in Zukunft noch verschärfen. Deshalb sage ich klar und deutlich: Wir brauchen die Wiederanhebung des Rentenniveaus von derzeit gut 48 auf lebensstandardsichernde 53 Prozent und keine Debatte um gekürzte Rentenanpassungen. Die nützt nur den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Und sie schadet den heutigen und den künftigen Rentnerinnen und Rentnern.“

Und auch Gerd Bosbach, emeritierter Statistikprofessor und Betreiber des Blogs »Lügen mit Zahlen«, kann die strukturelle Benachteiligung von Rentnerinnen und Rentnern anhand zweier Zahlen verdeutlichen: Während die Rentenausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt seit 20 Jahren nahezu konstant geblieben seien, gebe es heute aber rund 2,2 Millionen Altersgeldbeziehende mehr.

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