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Mit Russenkaninchen gegen die Abwanderung

Im Wortlaut von Jan Korte,

Wie in jedem Jahr sind die Mitglieder der Fraktion DIE LINKE während der so genannten Parlamentarischen Sommerpause viel in ihren Wahlkreisen unterwegs. Vor Ort nehmen sie sich der Sorgen und Nöte der Bürgerinnen und Bürger an, besuchen Betriebe und Vereine, engagieren sich für lokale und regionale Anliegen. Auf linksfraktion.de schreiben die Parlamentarierinnen und Parlamentarier über ihren Sommer im Wahlkreis.

Jan Korte (l.) beim Bernburger Kaninchenzüchterverein

»Egal wie das hier ausgeht, zu irgendwelchen Kanickelzüchtervereinen werde ich mich später nicht schleppen lassen.« Mit diesem angeblich von mir stammenden Zitat aus dem Wahlkampf 2005 konfrontiert mich mein Wahlkreismitarbeiter an einem sonnigen Samstagmorgen. Es ist Sommertour und wir sind auf dem Weg zu genau diesen Kaninchenzüchtern, genau genommen zu denen aus Bernburg an der Saale.

Gut möglich, dass ich mich vor meiner ersten Legislatur im Bundestag tatsächlich mit Graus vor dem Inbegriff für deutsche Vereinsmeierei noch so geäußert hatte. Vieles relativiert sich im Laufe der Jahre natürlich und wenn es, so geschehen im Falle der Kaninchenzüchter, eine konkrete Anfrage gibt, ist natürlich klar, dass ich auch vorbeikomme. Eines stellt sich jedenfalls ziemlich schnell heraus: Der Termin gehört eindeutig zu den angenehmeren während dieser Sommertour.

Der Vereinsvorsitzende Gerhard Werner begrüßt uns zusammen mit einer Handvoll weiterer Mitglieder vor dem wunderschönen Vereinsheim am Rande des Bernburger Stadtparks. Aufgrund der Hitze wurde die im Vorfeld geplante große Zuchtausstellung abgesagt. Der Verein nutzt den Tag nun, um mit den Mitgliedern zu grillen. Auch auf meinem Teller stapelt sich das Grillgut. »Kein Kaninchen«, scherzen die Mitglieder, während Herr Werner aus der langen Geschichte des Vereins erzählt.

»Erster Kaninchenzuchtverein Sachsen-Anhalts«, bleibt mir als Erstes im Ohr hängen. Tatsächlich: Auf den Kugelschreibern, die es als Geschenk gibt, steht 1895 als Gründungsjahr, ebenso an der Ehrenwand im Vereinsheim. Viel ist bei den Ausführungen des Vereinschefs von der glorreichen Zeit vor 1990 zu hören, wo de facto jedes Dorf seinen Zuchtverein hatte und riesige Ausstellungen durchgeführt wurden. Natürlich ist alles viel kleiner geworden in den letzten 20 Jahren. Wenn es darum geht, eine Ausstellung, auch mit wenigen Teilnehmern auf die Beine zu stellen, sind die Mitstreiter des Traditionsvereins aber nach wie vor unermüdlich.

Nach der sehr willkommenen Stärkung geht es zu den Tieren, die die einhundertfünfzehnjährige Tradition des Vereins fortführen. Erinnerungen an die Zwergkaninchen aus meiner Jugend kommen auf. Wie ich erfahre, handelt es sich bei den schwarz-weißen Russenkaninchen auch um die kleinste Kaninchenrasse nach den Zwergkaninchen. So niedlich die kleinen Mümmelmänner auch sind, so unbefriedigend ist die momentane Situation des Vereins.

Vorsitzender Werner erzählt uns vom enormen Mitgliederschwund und von großen Nachwuchsproblemen. Zu Höchstzeiten gab es hier mal 150 Kaninchenfreunde. Klar ist, dass die Zeiten längst vorbei sind, wo die Kaninchenzucht auch ökonomisch für die Vereinsmitglieder viel Sinne machte. Mit den Fellen konnte man zu DDR-Zeiten gutes Geld verdienen. Und im Zeitalter von Playstation und Internet ist offenbar auch der Nachwuchs nur schwer für Kaninchenschauen zu begeistern. Mit diesem Problem stehen die Bernburger aber natürlich nicht alleine da. Überall im Wahlkreis sind ähnliche Probleme aus traditionsreichen Vereinen zu hören. Die hohen Abwanderungsraten der Region tragen noch zusätzlich zu diesem Trend bei.

An mir jedenfalls, soviel steht nach dem Treffen fest, soll es nicht scheitern, wenn es darum geht, ein gutes Wort einzulegen für die Kaninchenfreunde, die mit viel Engagement das Vereinsleben aufrecht erhalten und die Ohren, ganz wie die Mümmelmänner selbst, weiterhin steif halten.

Und das Zitat von 2005? Seit meiner Wahl in den Bundestag habe ich unzählige Vereine in meinem Wahlkreis besucht - allerdings war dies tatsächlich der erste Besuch bei einem Kaninchenzüchterverein. Dabei habe ich festgestellt, wie wichtig Vereine für das soziale Miteinander sind - als Treffpunkt, als Freizeitangebot und als Ort gelebter Solidarität.

Von Jan Korte

linksfraktion.de, 16. August 2010

Zur Übersichtsseite der Reihe Sommer im Wahlkreis

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