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Mikrokredite als Hilfe zur Selbsthilfe

Im Wortlaut,

Friedensnobelpreis für Mohammed Junus aus Bangladesch und seine Grameen-Bank

Das Nobel-Komitee in Oslo hat sich entschieden: In diesem Jahr geht die bedeutende Auszeichnung ins südasiatische Bangladesch, an Wirtschaftswissenschaftler Mohammed Junus und die von ihm gegründete Grameen-Bank. Damit wird sein Engagement für "die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von unten" gewürdigt sowie die enge Verbindung von Frieden und Armutsbekämpfung anerkannt.

Von Stefan Mentschel, Delhi

"Ich kann es nicht glauben. Ich kann es einfach nicht glauben. Jeder sagt mir, dass ich den Friedensnobelpreis bekommen habe. Aber ich kann es nicht glauben." In seinem ersten Interview nach Bekanntwerden der Entscheidung des norwegischen Nobel-Komitees zeigte sich Mohammed Junus schlicht überwältig. Doch nicht nur für den Preisträger war es eine Überraschung, denn kaum jemand hatte damit gerechnet, dass ihm und seinem innovativen Projekt zur Mikrokreditfinanzierung die weltweit anerkannte Auszeichnung zugesprochen werden könnte.

"Es kann keinen echten Frieden geben, wenn große Gruppen der Bevölkerung keinen Weg aus der Armut finden", zitierte Ole Danbold Mjøs, Vorsitzender der fünfköpfigen Jury, aus der Begründung. "Mikrokredite ermöglichen einen solchen Weg. Eine positive ökonomische Entwicklung ist auch der Garant für Demokratie und Menschenrechte." Frieden im Sinne des Nobelpreises sei nicht nur Abrüstung und Rüstungskontrolle, so Danbold Mjøs weiter, sondern auch der Kampf für Demokratie und Gleichberechtigung, für eine lebenswerte Umwelt, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit.

Die Idee der Grameen-Bank geht zurück in die beginnenden 70er Jahre. Damals war Mohammed Junus aus dem Ausland in das gerade unabhängig gewordene und doch bitterarme Bangladesch zurückgekehrt. Die Trennung von Pakistan hatte Hunderttausende Tote gefordert und eine gewaltige Flüchtlingswelle ausgelöst. Zudem plagte eine Hungersnot das Land. Auf der Suche nach Wegen aus der Armut machte der Wirtschaftsprofessor eine Beobachtung: "Ich sah, dass die Leute hart arbeiteten, aber trotzdem blieben sie arm. Warum? Sie sagten mir, es läge daran, dass sie kein Kapital hätten. Um etwa die Materialien zur Herstellung einfacher Möbel zu beschaffen, mussten sie sich Geld leihen", erinnert sich Junus. So seien sie dem Wohl und Wehe von Lieferanten oder betrügerischen Geldverleihern ausgeliefert gewesen und konnten kaum Gewinne erwirtschaften.

Nicht Wohltäter sondern Geschäftsmann

Überrascht davon, wie wenig Geld die meisten Menschen in den Dörfern brauchten, um Material oder Rohstoffe für ihr Handwerk zu erwerben oder um ein kleines Geschäft zu eröffnen, wagte Junus ein Experiment. Nach einer Umfrage gewährte er 42 Frauen in einem Dorf nahe seiner Heimatstadt Chittagong Kleinstkredite in Höhe von insgesamt 27 US-Dollar. Ohne jede Sicherheit, doch mit dem festen Glauben an Erfolg. Das war 1976. Und niemand ahnte, dass es der Beginn für eines der weltweit erfolgreichsten entwicklungspolitischen Projekte sein sollte.

Bis heute hat die 1983 in Bangladesch offiziell anerkannte Grameen-Bank (Dorf-Bank) insgesamt 6,6 Millionen Kredite in Höhe von fast fünf Milliarden Euro vergeben. 97 Prozent der Begünstigen sind Frauen, die sich mit Hilfe der zinsgünstigen Darlehen eine Existenz aufbauen konnten - etwa durch den Kauf eines Mobiltelefons, das allen Dorfbewohner gegen eine geringe Gebühr als öffentlicher Fernsprechapparat zu Gute kommt und den Besitzerinnen ein regelmäßiges Einkommen sichert. Trotz fehlender materieller Sicherheiten hat Junus gute Erfahrungen mit der Rückzahlung der Kredite gemacht. Die Quote liegt bei fast 99 Prozent. Ein Grund dafür ist, dass die Grameen-Bank ihre Darlehen nicht an Einzelpersonen sondern an Gruppen vergibt, was den Druck erhöht, die Raten zu zahlen. Alle Transaktionen erfolgen in öffentlichen Versammlungen, um Missbrauch zu verhindern. "Ich bin sehr glücklich, dass das Projekt so erfolgreich ist", so der 66-Jährige Junus in einem Interview. Mit der Vergabe von Mikrokrediten an die Ärmsten der Armen, habe man einen neuen Weg beschritten und das etablierten Bankensystem in Frage gestellt.

Dennoch sieht sich Junus nicht als Wohltäter sondern als Geschäftsmann. Seine Philosophie ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Daher hält er auch eisern an seinem Prinzip fest, niemals einem Bettler Geld zu geben. "Manchmal fühle ich mich schlecht dabei, doch ich würde eher versuchen das Problem dieses Menschen nachhaltig zu lösen, als ihm nur für einen Tag Linderung zu verschaffen", bekennt Junus und ergänzt: "Wenn man den Leuten die Chance gibt, sind sie sehr wohl in der Lage, ihre Probleme selbst zu lösen." Sein Konzept wurde inzwischen in über 60 Entwicklungsländern kopiert.

Neue Impulse beim Kampf gegen die Armut

"Die Arbeit der Grameen Bank in Bangladesch war und ist beispielgebend für tausende kleine Organisationen und Selbsthilfegruppen in Südasien und weltweit", sagt B. Muralidharan von der internationale Entwicklungsorganisation Oxfam in Delhi. "Das System der Mikrokredite hat nicht nur eine ökonomische sondern auch eine soziale Revolution in Gang gesetzt, daher haben Mohammed Junus und seine Idee die Auszeichnung mehr als verdient." Auch in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, wurde gefeiert. Am Sitz der Grameen Bank kamen zahlreiche Freunde und Kollegen zu einer spontanen Party zusammen. "Der Preis ist eine Ehre für Millionen arme Frauen, die diesen Erfolg erst möglich gemacht haben", freut sich ein enger Mitstreiter des Nobelpreisträgers. Premierministerin Khaleda Zia gratulierte telefonisch und sah in der Anerkennung des Grameen-Projekts einen Image-Gewinn für das ganze Land.

Doch genau hier liegt ein Problem. Bangladesch gehört noch immer zu den ärmsten Ländern der Erde, in dem Analphabetismus und Unterentwicklung an der Tagesordnung. 40 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb des Existenzminimums. Daher ist der Friedensnobelpreis auch eine Mahnung an die politisch Verantwortlichen, die das Land seit Jahren in eine immer tiefere wirtschaftliche und politische Krise driften lassen. Dagegen und gegen die negativen Folgen der Globalisierung wie etwa Umweltzerstörung können auch die Mikrokredite von Mohammed Junus nichts ausrichten.

Gleichwohl ist die Osloer Entscheidung ein wichtiges Zeichen. "Dass eine Initiative, die vor 30 Jahren so klein angefangen, heute eine solch bedeutende Auszeichnung bekommt, ist ein eindeutiger Hinweis an die Politiker, das Thema nachhaltige Entwicklung endlich ernst zu nehmen", sagt Muralidharan. Und auch Junus glaubt, dass der Nobelpreis "unserer Bewegung und der Bekämpfung der Armut auf der ganzen Welt neue Impulse" geben kann.

Stefan Mentschel ist Politikwissenschaftler, freier Autor und Journalist. Er lebt und arbeitet in Neu Delhi, von wo er unter anderem für deutschsprachige Medien berichtet.

Links:
www.grameen-info.org
www.grameen.de