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Merkels Absage ist falsch und verhängnisvoll

Nachricht von Wolfgang Gehrcke, Gregor Gysi,

Mit seinem Kniefall am 7. Dezember 1970 in Warschau bat Willy Brandt um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges

 

Bundeskanzlerin Merkel hat ihre Teilnahme an den Feiern zum 70. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland am 9. Mai in Moskau abgesagt, legt aber einen Tag später mit dem russischen Präsidenten Putin am Grabmal für den unbekannten Soldaten in Moskau einen Kranz nieder.

"Das ist zwar mehr als nichts, dennoch tut es mir außerordentlich leid, dass wir diese kleinkarierte Geschichtsvergessenheit miterleben müssen", kommentiert Gregor Gysi die Absage: "27 Millionen Bürgerinnen und Bürger der damaligen Sowjetunion verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben. Ihnen und den insgesamt 65 Millionen Toten - darunter mehr als 6 Millionen Deutsche - des von Deutschland losgetretenen Krieges verweigert die Bundeskanzlerin mit ihrer Absage das notwendige und vollständige ehrende Gedenken."

Auch Wolfgang Gehrcke findet es "falsch und verhängnisvoll, trotz Einladung zur Teilnahme an den offiziellen Feierlichkeiten am 70. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland nicht nach Moskau zu fahren. Einen Tag später sozusagen im abgespeckten Rahmen dieses Anlasses zu gedenken mag dem diplomatischen Prozedere Rechnung tragen, macht aber diesen tiefgreifenden Fehler der Bundeskanzlerin nicht wett."

Gehrcke erinnert an den kürzlich verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Der 8. Mai in Deutschland sei geprägt von dessen "zivilisatorisch großartigen" Rede. "Für ihn bedeutete der 8. Mai die Befreiung Europas vom Faschismus, an diesem Tatbestand hat sich nichts geändert. Die Würdigung auch des russischen Beitrages verbindet sich mit der traditionellen Parade auf dem Moskauer Roten Platz. Die Absage der Bundeskanzlerin könnte auch als Beleidigung der russischen Bevölkerung verstanden werden."

Deutsche Russlandpolitik müsse in diesem historischen Kontext über den Krisen der Tagespolitik stehen, fordert Außenexperte Gehrcke: "Die Chance hat Merkel anders als von Weizsäcker verspielt, der seine Rede 1985, also zu Zeiten der Blockkonfrontation, hielt. Die Botschaft von Weizsäckers ist bekannt. Welche Botschaft haben Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck für die deutsche und die russische Bevölkerung? Die Antwort auf diese Frage lassen beide bis heute offen. Für DIE LINKE bleibt es dabei: Der 8. Mai ist der Tag der Befreiung vom Faschismus. Die Leistung der Sowjetunion bei dieser historischen Tat muss gerade von Deutschland gewürdigt werden. Dass die Bundeskanzlerin dies nur halbherzig und mit der größtmöglichen Distanz tut, ist historisch unangemessen und politisch kurzsichtig."