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Mama, warum sind wir eigentlich arm?

Im Wortlaut von Diana Golze,

Foto: Uwe Steinert

 


Diana Golze, Leiterin des Arbeitskreises Lebensweise und Wissen der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag zu den Ergebnissen der aktuellen Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerkes zu Kinderarmut

2,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von Armut betroffen. Armut in einem reichen Land bedeutet Ausgrenzung. An Erhebungen, Studien und Fachbeiträgen mangelt es nicht – sehr wohl aber an wirkungsvollen Maßnahmen.

Die Kinder-Regelsätze reichen weder für eine gesunde Ernährung noch für den Jahreszeiten angemessene Kleidung. Im Gegenteil: Kinder und Jugendliche kommen morgens oft ohne Frühstück in den Kindergarten oder die Schule. Sie sind häufig aufgrund von Fehl- und Mangelernährung krank. Völlig normale Dinge wie Kinobesuche, Friseur oder eine neue, richtig coole Hose, die mal nicht aus dem Kleiderladen der Tafeln oder von  anderen Hilfsorganisationen kommt, sind die Ausnahme, wenn sie überhaupt mal möglich sind.

Armut hat viele Gesichter. Wie fühlt sich ein 16-jähriges Mädchen, wenn sie mit einem Vordruck des Jobcenters in das Sekretariat ihrer Schule gehen muss, um sich eine Bestätigung des Schulleiters zu holen, dass ein weiterer Besuch des Gymnasiums nach der 10. Klasse aussichtsreich ist? Wie geht es dem 10-Jährigen, der die Einladung zum Geburtstag seines Freundes nicht annehmen kann, weil das Geld für das Geschenk nicht reicht? Und wie geht es der alleinerziehenden Mutter, wenn der 14-jährige Sohn traurig fragt: Mama, warum sind wir eigentlich arm?

Alltagsdinge, die überall zu sehen und zu finden sind, denen man im Supermarkt, bei Gesprächen mit Bekannten, beim Abholen der eigenen Kinder aus Kita oder Schule begegnet. Besonders Kinder aus Familien mit keinem oder wenig Erwerbseinkommen aber fühlen sich auch laut mehrerer Studien abgehängt, nicht beteiligt und beklagen mangelnde Förderung, die mit zunehmendem Alter in Resignation umschlägt.

Allen Kindern faire Startchancen zu geben, hat sich Schwarz-Rot vorgenommen. Keine gleichberechtigten wohlgemerkt und schon gar kein Recht auf gleiche Teilhabe. Genau hier erwarten aber die Bürgerinnen und Bürger mehr Engagement. Das macht eine neue Erhebung des deutschen Kinderhilfswerkes deutlich, die einen neuen Blickwinkel auf das Thema Kinderarmut aufmacht. Einen Blickwinkel, nach dem kaum eine der großen Studien bisher gefragt hat und die der Regierungspolitik der letzten 15 Jahre ein vernichtendes Urteil ausspricht.

Lernmittelfreiheit, elternbeitragsfreies Mittagessen in Kitas und Schulen und bessere Beteiligungsmöglichkeiten an Bildung, Kultur und Sport  - Schlüsselbereiche, in denen weite Teile der Befragten den Zuständigen in der Politik „eher wenig“ bis „sehr wenig“ Engagement bescheinigen. Kein Wunder: Nach den vollmundigen Wahlversprechen der SPD in Sachen Familienpolitik, „den Familienleistungsausgleich vom Kopf auf die Füße“ stellen und für eine „verlässliche Soziale Sicherung“ für Heranwachsende sorgen zu wollen, ist nicht viel übrig geblieben. Um nicht zu sagen: Nichts. Wie ernst meint die neue Regierung ihr Bekenntnis zu einem kinderfreundlichen Land, wenn sie das Wort Kinderarmut im gemeinsamen Koalitionsvertrag geflissentlich umgeht und sich an Maßnahmen wie dem Betreuungsgeld oder dem Bürokratiemonster Bildungs- und Teilhabepaket festbeißt, die das Problem Kinderarmut allesamt noch verschlimmern?

Kinderarmut muss endlich wirksam bekämpft werden, statt arme Kinder und Jugendliche auszugrenzen und Betroffene einer uferlosen restriktiven Bürokratie auszusetzen. DIE LINKE fordert einem Mindestlohn, der den Namen verdient, eine Kindergrundsicherung, die Armut verhindert, und eine gut ausgebaute soziale Infrastruktur, die allen Kindern und Jugendlichen offen steht. Forderungen, die von einem überwältigend großen Teil der Bevölkerung befürwortet werden.

linksfraktion.de, 14. Januar 2014

 

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