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Made in Bangladesh: Profit für Lidl und Co.

Im Wortlaut von Niema Movassat,

Arbeiterinnen in einer Textilfrabrik in Bangladesch

Am 21. April hat Lidl eine Unterlassungserklärung unterzeichnet, in der sich der Konzern verpflichtet, seine irreführende Werbung zurückzunehmen. Die „Kampagne für Saubere Kleidung“ (CCC - Clean Clothes Campaign) und das Europäische Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte hatten vor dem Landgericht Heilbronn moniert, Lidl achte entgegen seinen Erklärungen bei der Vergabe von Aufträgen an Textilzulieferbetrieben in Bangladesch mitnichten auf seine soziale Verantwortung. Niema Movassat, Mitglied im Entwicklungsausschuss des Bundestages, hatte vom 7. bis 12. April die Gelegenheit, in Bangladesch mit GewerkschafterInnen zu sprechen und eine Textilfabrik zu besichtigen.

Die Arbeitsrealität der TextilarbeiterInnen in Bangladesch sieht in der Regel so aus: Sie müssen täglich 12-14 Stunden arbeiten, sieben Tage die Woche. Schriftliche Arbeitsverträge gibt es selten, Überstunden werden nicht bezahlt. Wer sich weigert, so viel zu arbeiten, fliegt raus. Bei etwa 40 Prozent Arbeitslosigkeit in Bangladesch gibt es keinen Mangel an Arbeitswilligen, selbst unter sklavenähnlichen Bedingungen. Sehr kurze Vorlaufzeiten für angeforderte Produktionen tragen dazu bei, dass die ArbeiterInnen spontan und oft unbezahlt Nachtschichten einlegen müssen. Monatliche Löhne um die 30 Euro sind an der Tagesordnung. Laut dem bengalische Arbeitsforscher Khorshed Alam liegt der monatliche Mindestbedarf für eine einzelne Person schon bei etwa 50 Euro pro Monat. Trotz einer Wochenarbeitszeit von 80 bis 90 Stunden können die ArbeiterInnen von ihrem Lohn also häufig nicht einmal ihre Kinder ausreichend ernähren.

Frauen sind besonders benachteiligt. Durch fehlenden Mutterschutz verlieren sie bei Schwangerschaft automatisch ihren Arbeitsplatz. Auch können sie sich aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes gegen häufig vorkommende sexuelle Übergriffe durch Vorgesetze in keinster Weise wehren.

Die mangelnde gewerkschaftliche Organisierung leistet diesen Bedingungen Vorschub. Zwar ist die Gründung von Betriebsräten in Bangladesch rechtlich gewährleistet, die Realität sieht jedoch anders aus. In den etwa 4500 Betrieben des Landes gibt es nur rund 150 Betriebsräte. Denn wer sich gewerkschaftlich engagiert, muss mit sofortiger Kündigung oder sogar mit körperlicher Gewalt rechnen. Da faktisch kein Streikrecht besteht, kommt es ohnehin schnell zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Laut Khorshed Alam tragen europäische Konzerne die Hauptverantwortung für die katastrophalen Arbeitsbedingungen. Obwohl die Lohnkosten für die Discounter nur etwa ein Prozent des Verkaufspreises an der deutschen Ladentheke ausmachen, achten sie bei der Auftragsvergabe nicht im Geringsten auf soziale Mindeststandards. Der Druck auf die Zulieferfirmen in Bangladesh, immer billiger und immer schneller zu produzieren, wird mit Wissen der Konzerne direkt an die ArbeiterInnen weitergegeben.

Lidl, H&M, KiK und Co. schwadronieren gegenüber der deutschen Öffentlichkeit gerne über soziale Verantwortung. De facto sind sie jedoch direkt mitverantwortlich für die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt. Ohne große finanzielle Verluste wäre es europäischen Konzernen möglich, den ArbeiterInnen in den Textilfabriken Bangladeschs einen grundsichernden Lohn zu bezahlen und die Arbeitsbedingungen menschenwürdig zu gestalten. Doch ein Interesse daran besteht offenkundig nicht.

Zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen müsste die Regierung Bangladeschs endlich das bestehende Gewerkschafts- und Arbeitsrecht durchsetzen sowie eine Sozialversicherung einführen. Die Bundesregierung ist aufgefordert, von deutschen Unternehmen die Einhaltung von sozialen Mindeststandards auch im Ausland endlich verbindlich einzufordern. Selbstverpflichtungen der Industrie, das hat die Praxis in den letzten Jahren mehr als ausreichend bewiesen, führen zu keinerlei Fortschritten.

Von Niema Movassat

linksfraktion.de, 30. April 2010

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