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Lohndumping endlich stoppen!

Im Wortlaut von Michael Schlecht,

Von Michael Schlecht, Chefsvolkswirt der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Die Regierung bejubelt seit Monaten den wirtschaftlichen Aufschwung. Es ist jedoch nur ein Aufschwung für die Reichen, die Vermögenden und die Unternehmen. Die Profite steigen massiv an, seit 2000 um 35 Prozent - wohlgemerkt preisbereinigt. Ein durchschnittlich bezahlter Beschäftigter hat heute gegenüber 2000 drei Prozent weniger. Das ist Lohndumping. Und das in einem reichen Land, in dem mit immer höherer Produktivität gearbeitet wird. Ein Skandal!

In allen anderen Ländern in Europa steigen die Löhne - in Belgien plus sechs Prozent, in Frankreich wurden zehn Prozent mehr durchgesetzt und in den Niederlanden 15 Prozent. Dass die Verhältnisse Kopf stehen, spüren wohl selbst Merkel und Brüderle. Schon vor Monaten haben sie kräftigen Lohnerhöhungen das Wort geredet. Aber es reicht überhaupt nicht, die Gewerkschaften zu ermuntern, deutliche Lohnsteigerungen durchzusetzen. Das ist heuchlerisch und zynisch. Denn verantwortlich für die immer bedrückendere tarifpolitische Defensive sind SPD und Grüne sowie Union und FDP.

Besonders verheerend sind die Auswirkungen der Agenda 2010. Immer mehr Menschen arbeiten nur noch befristet, in Leiharbeit oder haben einen Minijob. In Baden-Württemberg – dem Musterländle – sind mehr als 80 Prozent aller neuen Arbeitsplätze nach 2009 Leihjobs. Mit befristet Beschäftigen, mit Leiharbeitern, mit sieben Millionen Kolleginnen und Kollegen, die in zersplitterten Minijobs arbeiten, ist es sehr schwer - zum Teil unmöglich -, Tarifauseinandersetzungen zu führen. Es herrscht Angst und Einschüchterung.

Hinzu kommen die Sanktionsmöglichkeiten von Hartz IV. Alle noch Beschäftigen wissen, das bei Verlust der Arbeitsplatzes nach einem Jahr der freie Fall in die Armut droht. Mehr noch: Es droht der Zwang, jeden Job annehmen zu müssen. Für zwei Euro Klo putzen, für drei Euro Hof kehren. Alles kann einem drohen – ohne Rücksicht auf Qualifikation und bisheriger Tätigkeit.
Hartz IV ist nicht nur unsozial, sondern despotisch. Rot-Grün, unterstützt von Union und FDP, haben damit ein Klima der Angst und Einschüchterung der Beschäftigen geschaffen. Es wirkt wie eine unsichtbare Peitsche, die zu einer erheblichen Disziplinierung führte.

So wurde in vielen Bereichen die Streikwaffe stumpf. Ohne eine kräftige Streikwaffe werden Tarifverhandlungen zum kollektiven Betteln. In vielen Wirtschaftsbereichen finden gar keine Tarifverhandlungen mehr statt. Es gibt keine Tarifverträge mehr. Nur noch die Hälfte der Beschäftigten steht heute unter dem Schutz gewerkschaftlicher Flächentarifverträge. Die Tarifbindung ist in den letzten 15 Jahren deutlich erodiert. Als Sofortmaßnahme brauchen wir den gesetzlichen Mindestlohn mit 10 Euro die Stunde.

Die gewerkschaftlichen Handlungsmöglichkeiten werden nur wieder gestärkt, es wir nur wieder höhere Lohnsteigerungen geben, wenn die Ordnung am Arbeitsmarkt wieder hergestellt wird. Und dies heißt vor allem Rückabwicklung der Agenda 2010. Befristungen dürfen nur erlaubt werden bei eng gefassten sachlichen Gründen, etwa bei einer Schwangerschaftsvertretung. Bei Leiharbeit wollen wir nicht nur die gleiche Bezahlung mit der Stammbelegschaft, sondern eine zehnprozentige Prämie. Die Leihdauer darf höchstens 3 Monate betragen und der Betriebsrat soll ein Vetorecht bekommen. Und es muss Schluss sein mit den Sanktionen bei Hartz IV. Zumutbar ist eine Arbeit nur, wenn sie die Qualifikation schützt und die vorherige Lohnhöhe berücksichtigt.

linksfraktion.de, 23. März 2011

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