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Licht im Advent

Kolumne von Raju Sharma,

Von Raju Sharma, religionspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Eigentlich ist Weihnachten ja ein christliches Fest. Trotzdem ist nicht anzunehmen, dass all diejenigen, die in diesen Tagen mit verzückten Blicken durch die Fußgängerzonen und sakral anmutenden Shoppingmalls des christlichen Abendlandes eilen, immer nur vom Heiligen Geist beseelt sind - werden doch, wie der SPIEGEL kürzlich berichtet hat, im Konsumrausch die gleichen Hirnregionen befeuert, in denen auch die religiösen Gefühle verortet werden.

Ob die Anbetung von neuen Produkten und Firmenlogos die individuelle Zufriedenheit langfristig wirklich steigert, halte ich für zweifelhaft. Unbestritten ist aber, dass ein gewisses Maß an materiellem Besitz – auch über die existentiell notwendigsten Güter hinaus – die Kultur unserer westlichen Gesellschaft prägt. Welche Kleidung wir tragen, welche Möbel in unserer Wohnung stehen und welche Kunst wir „konsumieren“, ist Ausdruck unserer Identität – wenn wir es uns leisten können. Wer jeden Cent umdrehen muss, hat kaum eine Wahl. Er ist nicht nur arm, er wird auch als arm wahrgenommen – ob er will oder nicht. Zur Weihnachtszeit wird das besonders deutlich.

Es ist zu einer religionsunabhängigen Tradition geworden, sich in der dunkelsten Jahreszeit gegenseitig zu beschenken. Eltern, die ihren Kindern nichts schenken können, leiden darunter, und die Kinder spüren, dass sie „anders“ sind. Das ist nicht Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wie sie jedem ermöglicht werden soll, sondern Ausgrenzung. Weihnachtsgeschenke aber sind im Hartz IV-Regelsatz nicht vorgesehen. Die Koalition will an dieser Situation nichts ändern, und das zeigt, dass sie dem C in ihrem Namen im Angesicht der Armen und Schwachen überhaupt nicht gerecht wird. Ich freue mich, dass der Bundesrat die Farce einer so genannten Neuberechnung der Regelsätze gekippt hat, und hoffe, dass sich der Vermittlungsausschuss weiser zeigen wird.

Vielleicht würde es bei der Wahrheitsfindung helfen, die Menschen anzuhören, die von 359 Euro im Monat leben müssen. Wie wäre es mit einer Einladung für eine Rede im Bundestag? Es könnte sein, dass die Botschaft der Armen mindestens ebenso erhellend wäre wie die des Oberhaupts der katholischen Kirche, wenn er im nächsten Jahr vor den Abgeordneten spricht.

Das heißt nicht, dass ich die Verehrung des Papstes durch die Gläubigen kritisieren will. Zur Religion, egal zu welcher, gehören Symbole und Rituale. Und manche entwickeln einen besonders starken Glanz, der auch auf Nichtgläubige eine unwiderstehlichen Reiz ausübt. Wie eben Weihnachten. Auf die Frage nach den Gründen hierfür wird man vermutlich die vielfältigsten Antworten bekommen. Ich glaube, es liegt am Licht.

Zu meinen persönlichen Highlights in der Adventszeit gehört das Lucia-Fest, das vor etwa hundert Jahren zunächst als skandinavischer Hausbrauch eingeführt wurde, sich mittlerweile aber auch in südlicheren Breiten zunehmender Beliebtheit erfreut. Und wie schon der Name der Schutzpatronin erahnen lässt, steht bei diesem Fest das Licht im Mittelpunkt. Nach schwedischer Tradition wird ein Lucia-Mädchen - zumeist die älteste Tochter der Familie - am Morgen des 13. Dezembers - dies war vor der Gregorianischen Zeitrechnung der kürzeste Tag des Jahres - in ein weißes Gewand mit rotem Taillenband gekleidet und mit einem Kerzenkranz auf dem Kopf ausgestattet. Es gibt leckeres Safrangebäck und zumeist etwas Punsch. Zusammen mit weiteren Mädchen und so genannten Sternenknaben, die allesamt Kerzen in den Händen halten, wandert die Lucia-Prozession dann singend - Lucia-Lied - durch Schulen, Kindergärten sowie Alten- und Pflegeheime, um jungen und alten Menschen eine Freude zu bereiten und etwas Licht in den Advent zu bringen.

Licht ist immer gut. Wenn es draußen ganz besonders kalt und dunkel ist, ist man für jede Funzel dankbar und gern bereit, auch den kleinsten Lichtern und größten Armleuchtern einen wärmenden Platz im eigenen Herzen einzuräumen. Mir geht es da nicht anders. Und so wie Luther die Kerzen an den christlichen Weihnachtsbaum gesteckt hat, ist es sicher kein Zufall, dass auch für die Juden das Chanukkahfest und Diwali für Hindus ganz besondere Festivitäten sind.

Was ich mir für das ganze nächste Jahr wünsche, ist, dass den weltlichen Herrschern allerorts auch das eine oder andere Licht aufgehen möge. Weil Frieden, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Toleranz immer eine gute Idee sind. Mit und ohne Gott. Und nicht nur zur Weihnachtszeit.

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