Skip to main content

»Kriege können keine funktionierenden Gesellschaften errichten«

Im Wortlaut von Frank Tempel,

Von Frank Tempel

Am 11. September 2001 war ich mit meiner Familie auf der Rückfahrt von einem Kurzurlaub. Vom ersten Einschlag ins World Trade Center hörten wir im Radio. Ich dachte erst an einen schrecklichen Unfall. Dann kam die Nachricht vom zweiten Einschlag und mir war klar, dass es sich um einen Anschlag handeln muss. Von da an gab es kein anderes Thema mehr: Bis wir zu Hause ankamen, diskutierten wir über die möglichen Hintergründe und Drahtzieher der Terroranschläge. Dabei wechselten wir ständig die Radiosender, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Zuhause angekommen, machten wir als erstes den Fernseher an – genau in dem Moment stürzte der erste Turm des World Trade Centers ein. Ich war fassungslos und sah mit entsetzen zu. Trotz des Grauens war mir jedoch klar, dass ich als Polizeibeamter in dieser Situation so wie meine amerikanischen Kollegen meinen Dienst machen würde, um möglichst viele Menschen retten zu können. Meine Gedanken waren deshalb nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei den Rettungs- und Sicherheitskräften.

Die Ereignisse vom 11. September 2001 machten mir noch lange zu schaffen. Auch heute noch stimmt mich dieser Tag sehr nachdenklich. Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie Menschen zu einer solchen Tat fähig sind - und kann es dennoch einfach nicht begreifen. Wie sehr müssen diese islamistischen Terroristen um Osama Bin Laden den Westen gehasst haben, um dermaßen zielgerichtet den Anschlag vorzubereiten und durchzuführen?

Der bis heute anhaltende Krieg in Afghanistan, der im Namen der Terrorismusbekämpfung geführt wird, hat die weltweit agierenden Terrornetzwerke nicht aufhalten können, weitere Anschläge durchzuführen. Oftmals waren dabei nicht westliche Gesellschaften das Ziel, sondern muslimisch geprägte Staaten wie Ägypten, Tunesien oder Marokko. Dies zeigt, dass es keinen "Kampf der Kulturen" gibt, wie es sowohl Islamisten als auch islamfeindliche Bewegungen in Europa behaupten. Um die Gewalt substantiell stoppen zu können, müssen die unzähligen humanitären Missstände konsequent gelöst werden. Kriege können keine funktionierenden Gesellschaften errichten.

Soziale Sicherung, politische Partizipation, Demokratisierung, gerechte Wirtschaftspolitik, Bildungsexpansion, Frauenemanzipation – dies sind die Grundlagen, auf denen ein gewaltfreies Zusammenleben aufbaut. Nur so kann grundlegend dem religiösen Fundamentalismus der Nährboden entzogen werden. Er ist geradezu die Reaktion auf sozialen und politischen Rückschritt, wie er sich seit Jahrzehnten in den muslimisch geprägten Ländern zeigte. Auch der Westen trägt hierfür Mitschuld: Die Abhängigkeit vom Rohöl und die Zusammenarbeit mit den arabischen Autokratien haben deren Macht gestützt, anstatt auf eine umfassende Demokratisierung und soziale Öffnung zu drängen, um die Menschen in der Region aus ihrer Unmündigkeit zu befreien.

Heute – zehn Jahre nach den schrecklichen Terroranschlägen – gibt es dennoch Hoffnung auf eine bessere Welt. Die Menschen in der Region fordern ihre Rechte ein. Sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Der Arabische Frühling ist die Chance, dass der Nährboden für religiösen Fundamentalismus langfristig entzogen werden kann. Wir hier in Deutschland und Europa müssen dies unterstützen. Das ist unser Vermächtnis gegen die Gewalt – dies sind wir den Opfern des 11. Septembers schuldig.

linksfraktion.de, 5. September 2011

Auch interessant