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Kontrolle weiblicher Sexualitätals als Bestandteil patriarchalischer Gesellschaften

Im Wortlaut von Yvonne Ploetz,

Von Yvonne Ploetz, Mitglied des Vorstandes der Fraktion und frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, und Irina Modrow, Referentin im Bereich Frauen- und Geschlechterpolitik

Am heutigen 6. Februar findet zum achten Mal der Internationale Tag „Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung“ statt. Eingeführt wurde dieser durch einen Beschluss des Inter-African Comitees im Jahre 2003. In der öffentlichen Wahrnehmung wird weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation = FGM) vor allem mit afrikanischen Frauen und Mädchen in Verbindung gebracht. Der Diskurs ist stark durch menschenrechtliche, religiöse und kulturrelativistische Momente geprägt. Zugleich wird weibliche Genitalverstümmelung zu einem Dritte-Welt-Problem erklärt und die gesellschaftliche Komplexität, auf der sie beruht, bleibt außen vor. Und was in der Regel gar nicht mehr Beachtung findet, ist die historische Tatsache, dass es in der westlichen Welt und den sich entwickelnden Industriestaaten des alten Europas (einschließlich der deutschen Territorien) und der USA eine eigene Praxis von weiblicher Genitalverstümmelung gab. Diese erlangte bedeutende Ausmaße und wirkte weit in das 20. Jahrhundert hinein. Eine Analyse dieses westlichen Phänomens zeigt zugleich erstaunliche Parallelen zur heutigen Praxis und deren Ursachen.

Die Propagierung der weiblichen Genitalverstümmlung war in der westlichen Welt wesentlich durch die Entwicklung der Medizin geprägt.1 Klitoridektomie wurde vorgeblich aus medizinischen Gründen angewendet und beruhte letztlich auf einer Pathologisierung des Weiblichen – oder genauer der weiblichen Sexualität.  Man ging davon aus, dass Frauen im Normalfall weniger sexuell aktiv seien und weniger von „Lüsten“ geplagt würden als Männer. Bei denjenigen Frauen, die von dieser Norm abwichen, diagnostizierten die männlichen Mediziner Hysterie, Nymphomanie oder gar Lesbianismus. Um wieder Kontrolle über die weibliche Sexualität zu erlangen, wurde die Klitoridektomie zum „Heilmittel“ (bezeichnend ist die Namensgebung der Krankheit, die Männer von vorherein ausschloss).2 Die weibliche Genitalverstümmelung ist somit keineswegs auf den afrikanischen Kontinent beschränkt, sondern war ebenso Teil eines konservativen Sexualitätsdiskurses der westlichen Gesellschaft, die diese auch praktizierte.3

Der Zugriff auf chirurgische Eingriffe wurde durch die Entwicklung der Anästesie beschleunigt. Im Jahre 1846 wurde die erste Vollnarkose mit Hilfe von Äther durchgeführt. Damit wurde u. a. die Klitoridektomie häufiger angewendet.4 Grundlage dafür war, dass die damalige Medizin davon ausging, dass „die Ursache fast jeder physischen und psychischen Krankheit in einem bestimmten Körperteil zu finden sei.“5 Daraus folgte die Rechtfertigung für die Beschneidung weiblicher Genitale: „Weibliche Hypersexualität wird zur ernsthaften und chirurgisch zu behandelnden Erkrankung. Eine hypertrophierte Klitoris wurde als ein Fehler der Natur angesehen, als Verunstaltung und als Ursache für weibliche Hypersexualität.“6

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann verstärkt die Masturbation medikalisiert und dies nicht nur bezüglich auf Jungen oder Männer, sondern ebenso im Bezug auf Frauen. Schon lange wurde „die Masturbation von der Gesellschaft als Sünde, krankmachend und kräftezehrend angesehen.“7  Jetzt wurde diese Ursache für Prostitution, weißen Ausfluss, Hysterie, Schwachsinn u.v.a.m.8 Das Ätzen der Schamlippen oder die Beschneidung der Klitoris wurden eine gängige Behandlungsmethode.9

Vergleicht man diese Methoden und ihre Begründung mit heutigen Untersuchungen zu weiblichen Genitalverstümmelungen im afrikanischen Raum, so sind die Parallelen nicht zu übersehen. Auch hier wird die Genitalverstümmelung u. a. in einen Zusammenhang mit dem sexuellen Verhalten von Frauen gebracht. Die weibliche Sexualität soll kontrolliert werden und die männliche Angst, die Frau nicht befriedigen zu können, so gebannt werden.10 Natürlich spielen auch Faktoren wie Tradition, soziale Vernetzung u. a.m. eine Rolle. Aber die Kontrolle weiblicher Sexualität bleibt ein entscheidender Faktor.

So schließt sich der Kreis zur Entwicklung in Europa und den USA. Hier galt im 19. und bis ins 20. Jahrundert weit verbreitet die Auffassung, dass Frauen im „Normalfall“ sexuell inaktiver als Männer seien. Denjenigen, die davon abwichen, wurden die genannten Frauenkrankheiten bescheinigt und sie wurden zu Opfern der Klitoridektomie. Im afrikanischen Raum werden die Frauen in der Regel „als das wesentlich sexuelleres Geschlecht (angesehen), welches stärkerer äußerer und innerer Kontrollen bedarf als Männer.“11  Letztlich scheint der Versuch,  anhand der Kontrolle über die weibliche Sexualität auch die generelle Kontrolle über die Frauen zu gewinnen, „kulturübergreifend vorhanden… (zu sein), um eine patriarchale Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten.“12

linksfraktion.de, 6. Februar 2012

 

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1 Anna Kölling: Weibliche Genitalverstümmelung im Diskurs. Exemplarische Analysen zu Erscheinungsformen, Begründungsmuster und Bekämpfungsstrategien. Berlin 2008, S. 63
2 Ebenda, S. 64f
3 Ebenda, S.64 Kölling nimmt hier Bezug auf die Arbeit von Marion Hulverscheidt: Weibliche Genitalverstümmelung, Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahrunderts im deutschsprachigen Raum. Frankfurt am Main 2002
4 Vgl. Diplomarbeit von Lucia Marianne Hanslmaier: Die Problematik der weiblichen Genitalverstümmelung in Europa. Universität Wien 2008, S.17
5 Kölling, S.68
6 Ebenda, Zitat nach: Hanny Lightfoot-Klein: Der Beschneidungsskandal. Berlin 2003, S.21
7 Hanslmaier, S.18
8 Ebenda, S.20; nach Lightfoot-Klein, S.24ff
9 Ebenda, S.21
Noch am Beginn des 20 Jahrhunderts wurde in us-amerikanischen Nervenheilanstalten den Frauen bei Verdacht auf Masturbation die Klitoris und die Eierstöcke entfernt, um diese zu heilen. Vgl. Hulverscheidt, S.27 In der katholischen Kirche wurde diese Behandlung bis 1940 in einem Leifaden zur Therapie der Masturbation empfohlen. Vgl. Hanslmaier, S.28
10 Kölling, S.23
11 Ebenda, S.65; Zitat nach Lightfoot-Klein, S.67
12 Ebenda
Zu den neueren Erscheinungen in der westlichen Welt gehören Beschneidungen weiblicher Genitalien inzwischen zum Programm der Schönheitschirurgie. Hinzu kommt eine sich zunehmend entwickelnde Mädchengynäkologie. Es werden Normen für weibliche Genitalien festgelegt. Experten warnen vor den psychologischen und medizinischen Folgen. Die Selbstwahrnehmung wird eingeschränkt und die Frauen unterwerfen sich medizinischen Eingiffen an ihren reproduktiven Organen. Eine schreckliche Vorstellung und letztlich völlig absurd. Vgl. Ebenda, S.77f