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Kinderarmut ist kein Randphänomen

Im Wortlaut von Jörn Wunderlich,

 

Von Jörn Wunderlich, familienpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE

 

Die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zu den Auswirkungen von Armut auf Kinder stellt fest, dass armutsgefährdete Kinder bei Schuleingangsuntersuchungen deutlich hinter anderen Kindern zurückliegen:

  • 43 Prozent sprechen mangelhaftes Deutsch, dreimal so viel wie bei anderen Kindern;
  • 25 Prozent der Kinder aus Hartz IV haben Probleme mit der Körperkoordination, zweimal so viel wie üblich;
  • 28 Prozent haben Probleme beim Zählen, zweieinhalbmal so viel wie sonst;

Dazu heißt es in der Studie: Kinderarmut ist kein Randphänomen, sondern betrifft jedes fünfte Kind in Nordrhein-Westfalen, bundesweit jedes sechste, im Ruhrgebiet sogar jedes vierte. Die Tendenz ist steigend.

Ich möchte auf ein Zitat verweisen:

„Dauerhafte Armut zeitigt hierbei besonders schwerwiegende Folgen und gefährdet die positive Entwicklung von Kindern langfristig. Kinder, welche in Armut leben, zeigen häufiger Auffälligkeiten in ihrem Verhalten."

Weiter heißt es:

„Ebenso sind Benachteiligungen hinsichtlich sozialer Kontakte zu beobachten. Armut gefährdet nicht nur die Grundversorgung und Gesundheit von Kindern auf gefährliche Art und Weise, sondern beeinflusst ebenso in hohem Maße die Entwicklung sozialer Kompetenzen von Kindern negativ."

Dieses Zitat stammt nicht aus der aktuellen Bertelsmannstudie, aus der es allerdings stammen könnte. Nein, es stammt aus einer Großen Anfrage der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag aus dem Jahr 2007.

Die Frage ist: Was hat sich real in der Zeit getan?

Trotz aller Bemühungen meiner Fraktion, Instrumente gegen Kinderarmut anzuwenden, hat sich nicht viel getan.

Als Frau von der Leyen als Arbeitsministerin im Januar 2012 verkündete, dass die Zahl der Kinder im Hartz-IV-Bezug im Jahr 2011 im Vergleich zu 2006 um 257 000 gesunken sei und triumphierend von „sinkender Kinderarmut" und der „Ernte der Kraftanstrengungen der letzten Jahre" sprach, hat sie schlicht unterschlagen, dass in dem gleichen Zeitraum die Zahl der Kinder insgesamt um 750 000 gesunken ist. Das war also ein rein demografischer Effekt.

Vier Monate nach diesen Äußerungen veröffentlichte UNICEF ein Ranking über Kinderarmut in den reichsten Ländern der Welt. Dabei wurden 29 Nationen verglichen. Deutschland landete auf Platz 15, also im Mittelfeld.

Nach dem Index der Entbehrungen von UNICEF gilt es als besondere Mangelsituation, wenn ein Kind u.a. folgende Dinge nicht hat:

  • drei Mahlzeiten am Tag, eine warme Mahlzeit täglich,
  • altersgerechte Bücher,
  • Geld, um an Schulausflügen teilzunehmen,
  • einen ruhigen Platz für Hausaufgaben,
  • einige neue Kleidungsstücke, zwei Paar Schuhe,
  • Möglichkeiten, Freunde zum Spielen und zum Essen nach Hause einzuladen.

 Laut UNICEF trifft diese Mangelsituation auf knapp 9 Prozent aller Kinder in Deutschland zu: 5 Prozent müssen auf eine warme Mahlzeit verzichten, 4,4 Prozent haben keinen Platz um ihre Hausaufgaben zu erledigen, 3 Prozent erhalten nie neue Kleidung, sondern nur getragene Sachen, und knapp 4 Prozent besitzen höchstens ein Paar Schuhe.

Bedeutung frühkindlicher Bildung

In der Presse zur aktuellen Bertelsmannstudie kann man lesen: „Ein früher Kita-Besuch kann negative Folgen von Kinderarmut verringern".

Dann müssen aber auch die Zahl der Plätze und die Qualität stimmen. Außenminister Steinmeier hat im Rahmen einer aktuellen Stunde im Plenum behauptet, dass sich seit dem Ausbau der Kitas die Qualität nicht verschlechtert hat. In den Nachrichten der ARD wurde er allerdings der Falschaussage überführt. Denn dort wurde festgestellt, dass jede vierte Erzieherin entweder keine pädagogische Ausbildung oder nur einen Crashkurs erhalten hat. Gute Kinderbetreuung gibt es nur mit gut bezahlter Arbeit, deshalb unterstützen wir die streikenden Erzieherinnen und Erzieher.

Derzeitige Familienpolitik wird den Problemen nicht gerecht

Wir haben ein Programm machbarer Alternativen für eine solidarische Gesellschaft, in der Reichtum von oben nach unten, von privat nach öffentlich verteilt und damit eine gerechtere sozialere Gesellschaft geschaffen werden kann. Jeder muss von seiner Erwerbstätigkeit leben können. 
Bunt und verlässlich treten wir für eine Familienpolitik ein, in der die Menschen im Mittelpunkt stehen. Die derzeit praktizierte Familienpolitik in Deutschland wird den vielfältigen Arten und Problemen von Familien nicht gerecht. Eine Orientierung am klassischen Familienbild spiegelt die gesellschaftliche Vielfalt der Familienmodelle nicht wider, zementiert eine überkommene Arbeitsteilung in der Familie und erschwert Frauen die Teilhabe an der Erwerbsarbeit. Befristete Arbeitsverträge und Leiharbeit tun ihr Übriges. 

Entschieden wende ich mich gegen die Privatisierungsabsichten von Angeboten für Familien, weil sie einen sozialen Ausschluss vieler finanziell schwacher Familien zur Folge haben und lediglich zu einem Vorteil für wenige wohlhabende Familien und deren Kindern führt. 

Familienleben kann nur innerhalb eines leistungsfähigen Sozialsystems funktionieren. Familien brauchen wieder mehr gesellschaftliche Anerkennung. 
Wir wollen Lebensbedingungen für Familien schaffen, welche ein planbares Leben ohne Zukunftsängste ermöglichen. 

Dazu brauchen wir keine neuen Studien, keine Anhörungen und keine weiteren Expertisen, denn egal welche empirischen Erhebungen  gemacht worden sind: Man kommt immer wieder zu den gleichen Erkenntnissen und die Kinderarmut reduziert sich nicht. Sie vererbt sich immer weiter. Deshalb müssen wir weiter dagegen kämpfen!

linksfraktion.de, 13. Mai 2015

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