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Kein Leben in Würde mit 8,84 Euro Mindestlohn

Nachricht von Klaus Ernst,

Mehr als 21 Prozent aller Beschäftigten erhalten Niedriglohn – Mindestlohn auch 2017 unter der Niedriglohnschwelle

 

Die Niedriglohnschwelle, ein nach internationalen Standards berechneter Lohn, der sich am mittleren Lohn aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer orientiert, liegt nach Auskunft der Bundesregierung für das Jahr 2014 für einen Vollzeitbeschäftigten bei monatlich 1993 Euro brutto. Umgerechnet auf die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ergibt sich ein Bruttostundenlohn von 10 Euro. Der Mindestlohn von 8,84 ab 1. Januar 2017 bleibt also deutlich unter dieser Schwelle.

“Je prekärer Menschen beschäftigt sind, umso schlechter werden sie bezahlt. Da hilft auch der Mindestlohn nur wenig, denn er ist viel zu niedrig. Die Ungleichheit in der Entlohnung zwischen Ost und West ist eine Demokratiebremse und eine hohe Hürde für die deutsche Einheit. Von Arbeit muss man in Würde leben können. Das ist in diesem reichen Land leider nicht garantiert. DIE LINKE fordert einen Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde”, kommentiert Klaus Ernst die Antwort der Bundesregierung auf seine Kleine Anfrage.

Niedriglohn ist definiert als zwei Drittel des mittleren Einkommens in einer Volkswirtschaft. Die Verteilung der Niedriglohnempfänger zeigt weitere deutliche Spaltungslinien in der Gesellschaft – zwischen Ost und West ebenso wie zwischen unbefristet Vollzeitbeschäftigten einerseits und prekären Beschäftigungsverhältnissen wie Leiharbeit oder Befristungen andererseits.

Von allen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigen erhielten 2014 10,2 Prozent einen Lohn unter 1993 Euro monatlich bzw. 10 Euro pro Stunde- im Westen 7,4 Prozent; in den neuen Ländern 26,6 Prozent. Von den Teilzeitbeschäftigten erhielten 22,8 Prozent Niedriglohn, in den alten Bundesländern einschließlich Berlin 19,8, im Osten sage und schreibe 40,1 Prozent. Noch deutlich prekärer sind die Zahlen für befristet Beschäftigte. Hier lag die Niedriglohnquote bei 33,9 Prozent für ganz Deutschland, im Osten bei knapp der Hälfte mit 47,5 Prozent, im Westen immerhin bei 31,9 Prozent. Auch eine abgeschlossene Berufsausbildung schützt viele Beschäftigten im Osten nicht vor sehr schlechter Bezahlung.

Fast durchgängig ist der Anteil der Frauen im Niedriglohnbereich deutlich höher als der der Männer. Über alle Beschäftigungsarten und Wirtschaftszweige erhalten 27,2 Prozent der Frauen und 22,5 Prozent der Männer einen Niedriglohn.

Die Ergebnisse im Detail
Niedriglohnland Ost: Liegt die Niedriglohnquote in ganz Deutschland für alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei 21,4 Prozent, so ist an der früheren binnendeutschen Grenze nach wie vor ein scharfer Riss auszumachen: im Westen einschließlich Berlin liegt die Quote bei 19,3 Prozent, im Osten bei 34,5 Prozent. Die niedrigste Niedriglohnquote hat Hamburg mit 15,5 Prozent, die höchste Mecklenburg-Vorpommern mit 35,5 Prozent, dicht gefolgt von Sachsen (35,4 Prozent) und den weiteren ostdeutschen Bundesländern (Frage 2, Tabelle 2.1)

Allerdings gilt für den Westen: der Anteil der Niedriglohnempfänger steigt. In Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten im produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich lag der Anteil der Niedriglohnempfänger 2006 noch bei 16,4 Prozent, im Jahr 2014 liegt er bei 18,4 Prozent. Im Osten: 2006 bei 33,9 Prozent stieg der Anteil im Jahr 2010 auf enorme 36,8 Prozent, um bis 2014 auf 34,6 Prozent zurückzugehen (Frage 2, Tabelle 2.2).

Der Bildungshintergrund ist zwar wichtig bei der Frage nach dem Gehalt, aber auch hier ist die Trennung zwischen Ost und West nach wie vor deutlich: von den Beschäftigten mit Hochschulabschluss müssen im Westen 4,1 Prozent mit Niedriglohn zurechtkommen, im Osten ist der Anteil mit 7,4 Prozent erheblich höher. Am schärfsten sind die Differenzen bei den Erwerbstätigten mit anerkannter Berufsausbildung: 17,6 Proeznt im Westen und 38,8 Proeznt im Osten erhalten einen Lohn unter 10 Euro pro Stunde. Die Beschäftigen ohne anerkannte Ausbildung werden fast gleich schlecht bezahlt: 45,7 Prozent im Westen, 58,8 Prozent im Osten erhalten lediglich Niedriglohn (Frage 5, Tabelle 5.1 bis 5.3)

Frauen fast durchgängig öfter im Niedriglohnsektor

Frauen sind in fast allen Bereichen deutlich häufiger von Niedriglohn betroffen als Männer. Von den befristet beschäftigten Frauen erhalten 38,8 Prozent Niedriglohn, bei den befristet beschäftigten Männern 34,2 Proeznt (Tabelle 5.1). Von den sozialversicherungspflichtigen vollzeitbeschäftigten Frauen erhalten 14,4 Prozent Niedriglohn, von den Männern 10,1 Prozent (Tabelle 3). Auch ein anerkannter Berufsabschluss macht kaum einen Unterschied: hier beziehen 26,9 Prozent der Frauen und 20,9 Prozent der Männer einen Niedriglohn (Tabelle 6.2, 26,9) Ausnahme sind die Akademikerinnen und Akademiker: dort liegt die Niedriglohnquote der Frauen bei 6,0 Prozent, die der Männer bei 5,9 Prozent (Tabelle 6.3).

Die Branchen mit dem höchsten Anteil an Niedriglöhnen haben sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. 2006 lagen Frisör- und Kosmetiksalons vorne mit 85 Prozent, gefolgt vom Taxigewerbe (82 Prozent) und Arbeitnehmerüberlassung/Leiharbeit (77 Prozent). 2010 Taxigewerbe (87 Prozent), Frisör- und Kosmetiksalons (86 Prozent), Gebäudereinigung (82 Prozent) und 2016 Taxigewerbe (84 Prozent), Einzelhandel auf Märkten (84 Prozent), Videotheken (81 Prozent) (Tabellen 15.1. bis 15.3).

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