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Foto: dpa

Innerdeutscher Pendelverkehr

Im Wortlaut von Susanna Karawanskij, neues deutschland,

Weil Jobs fehlen oder zu schlecht entlohnt werden, pendeln mehr als 400 000 Ostdeutsche zur Arbeit in die alten Bundesländer.

  

Von Fabian Lambeck

 

Wer an einem Sonntagnachmittag auf der A 20 in Mecklenburg unterwegs ist, dem bietet sich für gewöhnlich folgendes Bild: Während sich auf der Spur Richtung Westen viele Autos drängeln, ist die nach Osten führende Seite beinahe autofrei. Der Grund: Viele Pendler aus Mecklenburg-Vorpommern sind nach einem Wochenende zu Hause auf dem Weg zurück zu ihrem Arbeitsort in den alten Bundesländern. Etwa 70 000 Berufspendler gibt es allein im Nordosten. Die meisten von ihnen haben einen Job im Westen. Wer nahe der alten Grenze lebt, pendelt meist täglich – etwa nach Hamburg. Wer hingegen in Ostvorpommern wohnt, sieht die Familie oft nur am Wochenende.

Ein ähnliches Bild bietet sich in Sachsen-Anhalt. Die 2016 veröffentlichte Pendler-Statistik der Bundesarbeitsagentur für Arbeit vermeldete hier einen neuen Rekord. Demnach zählte man im Schnitt mehr als 141 000 sogenannte Auspendler, also Beschäftigte, die zum Arbeiten in ein anderes Bundesland fuhren – vornehmlich in ein westdeutsches. Seit Beginn der Erfassung gab es nie so viele »Frühaufsteher«, die so lange Wege zur Arbeit auf sich nehmen mussten.

Auch viele Sachsen müssen mobil sein. Von den mehr als 133 000 Auspendlern arbeiteten 2016 mehr als 68 000 in den alten Ländern. Auch in Thüringen pendeln viele Arbeitnehmer in den Westen. Hauptziel ist Bayern, wie aktuellen Zahlen des Thüringer Landesamtes für Statistik zeigen. Rund 34 000 Thüringerinnen und Thüringer pendelten 2016 nach Bayern und fast 23 000 nach Hessen. Auf den Weg in die Gegenrichtung machten sich hingegen deutlich weniger Menschen.

Ein Trend, der sich auch in den bundesweiten Zahlen widerspiegelt, die die Ost-Koordinatorin der Linksfraktion im Bundestag, Susanna Karawanskij, bei der Bundesregierung angefordert hatte. Aus der Antwort [PDF] des Bundesarbeitsministerium, die »neues deutschland« vorliegt, geht hervor, dass im Berichtsmonat 2016 »rund 404 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte von Ost- nach Westdeutschland« pendelten. Ein Stück gesamtdeutscher Normalität, könnte man meinen, wenn Karawanskij nicht auch die Anzahl der westdeutschen Pendler erfragt hätte, die Arbeit im Osten gefunden haben. Nur 158 000 Arbeitnehmer aus den alten Bundesländern machten sich demnach regelmäßig auf den Weg über die alte innerdeutsche Grenze. Somit hatte der Osten einen »Pendlerüberschuss« von 246 000 Beschäftigten. Nach Angaben der Bundesregierung waren 6,6 Prozent der mehr als sechs Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ostdeutschen im Westen beschäftigt.

»So lange die Bundesregierung die Ost-Länder ständig über den Tisch zieht – wie aktuell bei der Verteilung der Netzentgelte –, gibt es im Osten weniger und schlechtere Jobs«, kommentierte Susanna Karawanskij am Dienstag gegenüber »neues deutschland« die Zahlen. So sei es kein Wunder, dass überproportional viele Ostdeutsche ihren Feierabend auf der Autobahn verbringen müssten. »Wenn die große Koalition jetzt noch die Rentenangleichung ohne Beibehaltung der Umrechnung der niedrigeren Ost-Löhne beschließt, will doch überhaupt niemand mehr in Ostdeutschland arbeiten«, so Karawanskij.

Nun ist das Pendeln kein ostdeutsches Phänomen. Rund 17 Millionen Deutsche gelten als Berufspendler. Doch vor allem Ostdeutsche müssen dabei besonders lange Wege auf sich nehmen, auch weil das Lohnniveau zwischen Ostsee und Erzgebirge deutlich niedriger ist. Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg brachte diesen Zusammenhang schon 2010 auf die Formel: Je höher das Arbeitseinkommen im Land, »desto niedriger lag der Anteil der Pendler über 50 und mehr Kilometer«.

In vielen Berufen kann man in den alten Ländern deutlich mehr verdienen. Laut Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit kommt eine Sekretärin im Osten auf ein durchschnittliches Bruttogehalt von 2439 Euro, im Westen jedoch auf 3021 Euro. Ein Maschinenbaumechaniker erhält in Erfurt 2637 Euro, in Nürnberg jedoch 3563 Euro. Auch für Krankenschwestern, Lageristen oder KfZ-Mechaniker lohnt sich das Pendeln.

Doch diese Mobilität hat ihren Preis. Steffen Häfner, Spezialist für Verhaltensmedizin und Psychosomatik, warnt auf der Webseite der AOK vor den möglichen Folgen: »Nacken-, Schulter- und Rückenschmerzen, Müdigkeit, Gelenk- und Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Völlegefühl, Erschöpftheit, Mattigkeit und Schwindelgefühl sind die häufigsten Beschwerdekomplexe«. Hinzu komme »Schlafmangel, da Pendler meist früher aufstehen müssen. In der Folge kommt es zu Tagesmüdigkeit und Konzentrationsmangel«, so der Arzt.

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