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Immer wieder im Februar

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In der Woche um den 13. Februar herrscht in Dresden seit Jahren Ausnahmezustand. Nazis versuchen zu demonstrieren, Bürger veranstalten Menschenketten, andere versuchen sich den Nazis in Blockaden entgegenzustellen. Ich bin mittendrin.


Demo Dresden Nazifrei 2013: Täterspuren suchen statt Opfermythen pflegen

Von Sophie Freikamp

Es ist Mittwoch, der 13. Februar. Ich habe mir vorgenommen, nach Dresden zu fahren. Es ist ein historisches Datum. Am 13. Februar 1945 gab es einen schrecklichen Bombenangriff auf diese Stadt voller Menschen. Eine Stadt, die das Abfackeln ihrer Synagoge, strengste 'Rassenkontrollen', Unmengen an Zwangsarbeitern und Inhaftierten gesehen und geduldet hat. In einem Land mit einer grauenvollen Nazidiktatur, die Millionen Menschen kaltblütig ermorden ließ.

Auch 2013 melden Ewiggestrige, in Kameradschaften und Naziparteien organisierte Personen, einen sogenannten "Trauermarsch" für die Opfer der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg an. Sie verdrehen die Geschichte und versuchen sich erneut am Opfermythos der "unschuldigen Stadt" Dresden. Diese Strategie funktionierte bis 2009 Jahr für Jahr – der Aufmarsch mauserte sich zur größten Nazi-Zusammenkunft Europas. 2010 wurde er zum ersten Mal durch Massenblockaden erfolgreich verhindert. Tausende Menschen verstellten den Nazis die Route und verhinderten so ihren Marsch. 2011 wurde die Strategie wiederholt und wieder: kein Durchkommen für die radikalen Rechten. 2012 wurde der große Aufmarsch am Wochenende dann sogar komplett abgesagt, lediglich am 13. Februar, der mitten in der Woche lag, wurde eine kleinere Demonstration angemeldet und ebenfalls blockiert.

Geschichten von Vertreibung, Rassenwahn, Rüstungsproduktion oder Zwangsarbeit

Die Ausgangssituation war in diesem Jahr ähnlich, wie schon 2012. Fackelmarsch und Trauerzug wurden mitten in die Woche gelegt. Für mich ist klar: Nach den großen Blockadeerfolgen in den vergangenen Jahren gilt es weiterhin aufmerksam und widerständig zu bleiben. Ich packe mich also in zehn Zwiebelschichten mit warmen Klamotten und mache mich auf den Weg. Mein erstes Ziel ist der "Täterspurenspaziergang". Ungefähr 2500 Menschen kommen zusammen und schlendern gemeinsam durch die Stadt. Immer wieder wird angehalten: Hier war eine Kartonfabrik, in der Juden sowie französische und  sowjetische Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten mussten, dort, wo jetzt das Studentenwohnheim steht, war eines der sogenannten "Judenhäuser". Eigentlich als Altenheim genutzt, diente das Henriettenstift ab 1940 als Sammlungsstelle für Jüdinnen und Juden für ihre Deportation nach Theresienstadt. Wir laufen noch an vielen Orten vorbei, an denen Geschichten von Vertreibung, Rassenwahn, Rüstungsproduktion oder Zwangsarbeit erzählt werden.

Die Nazis sammeln sich derweil am Hauptbahnhof. Einen großen Platz in der Altstadt wollen sie als Startpunkt für ihren Aufmarsch nutzen. Der Platz befindet sich fußläufig vom Endpunkt des Täterspurenspaziergang. Also spaziere ich dorthin. Es ist nicht einfach auf den Platz zu kommen, überall gibt es Polizeisperren. Irgendwann finde ich doch eine Lücke und geselle mich zu den Blockierern. Die Stimmung ist gut, es wird heiße Suppe verteilt. Wir wissen: Solange wir hier stehen, können die Nazis nicht auf ihrer Route laufen. Am Hauptbahnhof, wo schon Rechte mit Zügen angekommen sind, sitzen sie ebenfalls fest. Alles ist blockiert von mutigen Bürgerinnen und Bürgern. Antifaschisten, die Geschichtsverdrehung und falschen Opfer-Mythen in ihrer Stadt keinen Raum geben wollen, harren dort aus. Selbst als 200 Nazis es schaffen, sich vom Stadtrand Richtung Innenstadt zu bewegen, werden sie alsbald von zwei Seiten von AntifaschistInnen eingekesselt: Auch sie sitzen fest.

Es hat auch 2013 geklappt

Bis in die Nacht unterstütze ich hier und dort die Blockaden, bin durchgefroren und irgendwann erschöpft. Inzwischen ist klar: Es hat auch 2013 geklappt – kein Aufmarsch, kein Fackelzug. Dass es so war und die Nazis nun frustriert nach Hause fahren müssen, ist den Organisatoren und Organisatorinnen des Bündnisses "Dresden Nazifrei" zu verdanken – es organisiert seit Jahren die erfolgreichen Blockaden. Und ebenso den rund 4500 Gegendemonstrantinnen und Gegendemonstranten, die sich den Rechten erneut in den Weg gestellt haben, allen die Suppe gekocht, Musik abgespielt und fröhliche Stimmung verbreitet haben oder einfach nur da waren.

linksfraktion.de, 14. Februar 2013

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