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Im Zweifel die Gretchenfrage: Frauen und Mädchen als Opfer und Legitimation in bewaffneten Konflikten?

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Eine Betrachtung von Johanna Bussemer

In den letzten 20 Jahren ist in Deutschland die Debatte über die Situation von Frauen bereits zweimal zur Gretchenfrage des Für und Wider über das Eintreten in einen Krieg geworden. Bei der Intervention auf dem Balkan wurden die Berichte von Massenvergewaltigungen, insbesondere in den Debatten des Deutschen Bundestages, genutzt, um die deutsche Beteiligung mit zu legitimieren. Ähnlich verhielt es sich dann 2001 im Vorlauf des Afghanistan-Krieges. Die Bilder von verschleierten Frauen gingen um die Welt und halfen zu zeigen, dass der Krieg – aus Sicht der Befürworter – notwendig sei, um auch die Lage von Frauen in Afghanistan zu verbessern.

Heute beinah 20 Jahre später ist die Bilanz beider Militäreinsätze für diejenigen, die zu ihrer Legitimation herangezogen wurden, betrüblich: Das Engagement für eine Aufklärung der sexualisierten Kriegsverbrechen auf dem Balkan brach bald ab, lediglich zwölf Kriegsverbrecher wurden auf Grund dieser Vorwürfe vor Gericht gestellt. Und den Frauen in Afghanistan geht es elf Jahre nach Beginn der NATO-Intervention immer noch sehr schlecht. Das Land, in das aktuell die meisten Hilfsgelder weltweit fließen, belegt bei allen Statistiken, die sich mit Frauen und Geschlecht befassen, immer noch einen der allerletzten Plätze. Afghanische Frauenorganisationen berichten von den Folgen, die mit jahrelanger Besatzung eigentlich stets einhergehen: Zwangsprostitution von Minderjährigen für NATO-Soldaten und den Anstieg häuslicher Gewalt als Folge der jahrelangen Kampfhandlungen.

Beide Beispiele zeigen, dass militärische Interventionen kein Mittel sind, um die Situation von Frauen zu verbessern, und sie zeigen auch, was leider immer noch gilt: Der Kampf für eine verbesserte Situation von Frauen und Mädchen weltweit ist so notwendig wie eh und je. Denn die Situation ist schlecht, egal wohin man blickt: Frauen leiden auf besondere Art und Weise unter Kriegen und Konflikten, sie werden häufiger als Männer Opfer sexueller Gewalt und sie sind meistens, insbesondere vor, nach und während bewaffneter Konflikte, für die Versorgung der Familie unter schwierigsten Bedingungen zuständig. Denn in vielen Regionen herrschen patriarchale Strukturen, weswegen Ressourcen jeglicher Art zuerst Männern zugute kommen. Werden Ressourcen knapp, dann trifft das besonders Frauen und Mädchen in ihrem Alltagsleben.

Es ist ein Dilemma: Frauen werden auf besondere Art und Weise Opfer von Kriegen und Konflikten und gleichzeitig werden sie zu deren Legitimation herangezogen. Der Konflikt kann nur aufgelöst werden, wenn zum einen die gängige Zweiteilung – die Frauen als friedlich und als Opfer, die Männer hauptsächlich als Aggressoren definiert – aufhört. Denn der Blick in die Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt zeigt, dass Frauen und Männer gleichermaßen Opfer und Täter bzw. Täterinnen sind oder sein können. Das heißt aber auch, dass Frauen politische Akteurinnen für den Frieden sein können – sofern sie einen Platz am Verhandlungstisch erhalten. Und gleichzeitig bedarf es zum anderen besondere Unterstützung von Frauen und Mädchen in vielen Regionen der Welt, damit sie sich aus der ihnen zugeschriebenen Opferrolle befreien können.

Von Johanna Bussemer,  Referentin für Außenpolitik in der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

Beitrag aus LOTTA – Frauen. Leben. Links! Die dritte Ausgabe des Magazins erscheint am 19. November 2012 und beschäftigt sich mit dem Thema, was Krieg mit Frauen macht.

linksfraktion.de, 16. November 2012