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»Ich war ziemlich antifeministisch«

Im Wortlaut,

Anna Conrads (31) über Selbstverständnis, Frauenquote und Selbstbestimmung der Frauengeneration heute.

Anna Conrads hat die Dreißig gerade überschritten. Damit ist sie fast fünfzig Jahre jünger als die Frauenforscherin Herta Kuhrig (siehe Interview). Ein großer Altersabstand, der allerdings schmilzt. Denn in ihren Wünschen und Visionen sind die beiden so unterschiedlich sozialisierten Frauen sich sehr nahe.

Aufgewachsen ist Anna Conrads in Neuss, in der Nähe von Düsseldorf. Nach dem Abitur 1998 ging sie zum Studieren nach Duisburg und landete dort in einer politisch bunten Wohngemeinschaft. Das politische Spektrum reichte von PDS über Grün bis zur SPD. Sie studierte Sozialwissenschaften. Mit Schwerpunkt Politik.

„Anfänglich hatte ich mit Feminismus gar nichts am Hut, war sogar ziemlich antifeministisch“, erzählt Anna Conrads. „Ich hatte dieses ganze Repertoire der Feuilletons geschluckt, danach waren Feministinnen freudlos und hässlich und keiner wollte mit ihnen zu tun haben“. Damals hatte sie gerade ihr Abitur bestanden und wollte mit dem Studium beginnen. “Ich dachte, ich meistere sowieso irgendwie alles“, erinnert sie sich.

Als Studentin hat sie Statistiken gelesen und erfahren, dass Frauen in bestimmten Positionen nicht vertreten sind und fast ein Drittel weniger verdienen als Männer. Aber das waren nur Zahlen. Dahinter steckte noch keine eigene Erfahrung. Die kam nach dem Studium. Im Alltags- und Berufsleben. „Meine Generation, aufgewachsen in den 1990er Jahren, lebt in prekären Verhältnissen: Wir hangeln uns von einem befristeten Job zum anderen. Wir müssen uns alle drei Mal überlegen, ob wir eine Familie gründen oder nicht. Uns fehlt die Sicherheit für die eigene Lebensplanung“, sagt sie..

Anna Conrads steckt selbst in dieser Zwickmühle. Als Landtagsabgeordnete ist sie Politikerin nur auf Zeit. Befristet beschäftigt für eine Legislaturperiode, außerdem können jederzeit Neuwahlen vor der Tür stehen. Wer aufwächst in einer Phase permanenter Unsicherheit, der beginnt sich an Tradiertes zu klammern. „Ich erlebe, dass etliche Freundinnen plötzlich in ihrer Mutterrolle aufgehen und versuchen, sich in dieser Häuslichkeit eine andere Form von Sicherheit zu schaffen“, erzählt sie. „Doch das bedeutet am Ende zurück zum Ernährermodell. Das kann nicht gut gehen.“

Die Frauenquote ist richtig

Sie hat es hautnah bei ihrer Mutter erlebt. Diese hatte ihren Beruf aufgegeben, um sich zuhause um Annas Betreuung zu kümmern. Anschließend bekam sie nie wieder eine faire Chance auf den Arbeitsmarkt. Schließlich ließen sich die Annas Eltern scheiden. Heute lebt Annas Mutter von Hartz IV. Und ihre Tochter ahnt, dass ihre Mutter auch im Alter arm sein wird. So wie viele andere Frauen auch.

Auf ökonomisch eigenen Beinen stehen, nicht abhängig sein von einem Ernährer, Erwerbs- und Familienarbeit unter einen Hut bringen – das sind uralte Forderungen. Von Frauen in der Geschichte aufgestellt. „Wir sind gut beraten anzuerkennen, was die Frauenbewegung früher für uns getan hat“, sagt Anna Conrads. „Doch viele Fragen - wovon lebe ich morgen, wie sichere ich mich ab, sind Kinder ein Armutsrisiko? - sind noch lange nicht zufriedenstellend beantwortet.“

Anna Conrads redet schnörkellos, bricht die politischen Zusammenhänge auf den Alltag runter, erzählt plastisch und mit Leidenschaft. Manches, hatte sie geglaubt, habe sich längst erledigt. Die Frauenquote zum Beispiel. Dafür hatte sie schon in der Studienzeit gestritten. „Sie ist wichtig und richtig“, sagt Anna Conrads. Die Quote dürfe allerdings nicht Ziel, sondern nur Instrument sein. “Wenn man keine Vision von einer anderen Gesellschaft hat, wie wir miteinander umgehen, wie wir leben und arbeiten wollen, dann läuft die Diskussion in eine falsche Richtung.“ Und sie hinterfragt die Frauenquote in der Wirtschaft: Welche realen Verbesserungen bringt es für die große Mehrheit der Frauen, wenn Frauen in den Aufsichtsräten sitzen?“

Trotz dieser unbeantworteten Fragen blickt Anna Conrads hoffnungsvoll in die Zukunft. So wie viele Frauen in den Generationen vor ihr auch. Ihre Hoffnung baut auf das ziemlich gute Gefühl, dass Frauen wohl zu allen Zeiten hatten: An irgendeiner Stelle merken sie, sie müssen es selbst tun. „Wir Frauen müssen uns auch den Begriff Feminismus zurückerobern“, fordert Anna Conrads. Auch wenn es bis heute beinahe reflexartige Beißreaktionen darauf gibt. Feminismus als Befreiungsperspektive für Frauen und Männer.

Von Gisela Zimmer

 

Vorabmeldung aus dem Querblick Nr. 19 - Infoblatt für feministische Politik und Geschlechterpolitik, herausgegeben von der Fraktion DIE LINKE im Bundestag. 
 

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