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Großes Kino für wohnungspolitischen Protest

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Der Film „Mietrebellen“ über Kämpfe auf dem Berliner Wohnungsmarkt hat im In- und Ausland unglaublichen Erfolg und trägt zum Widerstand gegen den Ausverkauf der Städte bei.

Filmemacher Matthias Coers über den Dächern seines Berliner Heimatbezriks Kreuzberg, in dem immer mehr Menschen wegen steigender Mietpreise aus ihren Wohnungen verdrängt werden.

 

Von Ralf Hutter

 

Der Berliner Matthias Coers ist ein viel beschäftigter Mensch. Eben erst ist er von einem einwöchigen Einsatz als Moderator bei einem Filmfestival in Osnabrück zurückgekommen, von wo er stammt. „Heute werde ich bis Mitternacht am Computer sitzen und E-Mails beantworten“, kündigt er an. Es seien wieder über 100 gekommen, etliche auf Spanisch und Französisch. Auch aus dem australischen Melbourne gebe es eine Anfrage. Coers ist freiberuflicher Dokumentarfilmer und hat mehrere Projekte laufen. Seine letzte Veröffentlichung aber hat so einen großen Erfolg, dass sie „die anderen Projekte in die Ecke drängt“, wie er sagt. Es ist der im April 2014 erschienene Film „Mietrebellen“.

Coers, Jahrgang 1969, und seine Partnerin Getrud Schulte Westenberg zeigen in dem 78-minütigen Film den Widerstand mehrerer Berliner Initiativen gegen einen immer härter werdenden Wohnungsmarkt mit enormen Mietsteigerungen, Verdrängung aus den  nachbarschaftlichen Lebenszusammenhängen und Zwangsräumungen. So schildern sie den Fall der Berliner Rentnerin Rosemarie Fließ, die im Jahr 2013 zwei Tage nach ihrer trotz Protesten und ärztlicher Bedenken erfolgten Zwangsräumung in einem Obdachlosenheim starb, sie zeigen den mehrere Monate andauernden Kampf einer Gruppe Rentnerinnen und Rentner um ihre Seniorenbegegnungsstätte und die in der Stadt langsam wachsende Solidarität einander völlig fremder Menschen. So wie im Fall der von Zwangsräumung bedrohten Familie Gülbol. Zwei Räumungstermine müssen wegen Protesten vor Ort abgesagt werden, und die Räumung kann schlussendlich nur durch eine Übermacht von fast 1 000 Polizisten durchgesetzt werden, Hubschraubereinsatz und Ausschreitungen inklusive.

Obwohl ein Film über Berlin – in immer mehr Ländern wird „Mietrebellen“ vorgeführt: in Wien, Dublin, Glasgow, Córdoba, Amsterdam, im Kosovo, in Istanbul, Moskau, Brest, Groningen –, die Berliner „Mietrebellen“ kommen beeindruckend weit herum. Sie werden mal bei  akademischen, mal bei aktivistischen Konferenzen sowie bei Film- und Kunstfestivals gezeigt, und immer mehr Anfragen aus anderen Ländern und Orten kommen hinzu.

Coers versucht, möglichst oft bei den Vorführungen dabei zu sein. Das Ganze sei für ihn vor allem ein politisches Projekt. „Mietrebellen“ sei extra kurz gehalten, um Diskussionen im Anschluss zu ermöglichen, sagt der studierte Soziologe, der über das Fotografieren und den politischen Aktivismus als Autodidakt zum Filmen kam. „Der Film soll vor Ort zu Debatten über die lokale Situation führen.“ Deshalb lädt er auch oft Initiativen oder Fachleute ein, die sich im Anschluss an den Film vorstellen beziehungsweise das Thema vertiefen. Großes Kino für wohnungs- politischen Protest Der Film „Mietrebellen“ über Kämpfe auf dem Berliner Wohnungsmarkt hat im In- und Ausland unglaublichen Erfolg und trägt zum Widerstand gegen den Ausverkauf der Städte bei. Der Filmemacher Matthias Coers über den Dächern seines Berliner Heimatbezirks Kreuzberg, in dem immer mehr Menschen wegen steigender Mietpreise aus ihren Wohnungen verdrängt werden.

In den bundesweit 21 Kinos, in denen „Mietrebellen“ schon gelaufen ist, konnte er eine unmittelbar politisierende Wirkung entfalten – was viele Menschen nicht gewohnt sind, so die Erfahrung des Filmemachers: „Die sind erstaunt, dass danach noch lange diskutiert wird. Es dauert dann zehn Minuten, bis das Publikum einsteigt, aber dann steigt es ein, und auf einmal hat man eine Debatte, die es sonst nicht gäbe. Das sind zum Teil stundenlange Diskussionen, und das Tolle ist, dass die Leute bleiben.“

Der Film lief bereits in 15 Ländern

Was in Berlin passiert, „regt in anderen Städten die Fantasie an“, weiß Coers. Oft habe er gehört, dass nach Vorführungen E-Mail-Listen erstellt wurden, um sich über das Thema weiter auszutauschen. In Gießen habe sich eine Arbeitsgruppe gebildet. In Mannheim habe eine Handvoll älterer Menschen auf dem Podium gesessen, die in Wohnblöcken wohnen, die das städtische Wohnungsunternehmen abreißen wollte; sie hätten sich vernetzt und auch gleich eine Kundgebung vor dem Büro des Unternehmens beschlossen. Häufig werde die Filmvorführung von Gruppen dazu genutzt, mit anderen politischen Akteuren ins Gespräch zu kommen, fügt Coers hinzu.

Als der Streifen kürzlich zum hundertsten Mal im Berliner Kino Moviemento lief, war eine griechische Geografin zu Gast und berichtete über den griechischen Wohnungsmarkt. Sie arbeitet an der Universität Edinburgh in Schottland und hatte „Mietrebellen“ im August in London gesehen, als der Film bei einer großen Konferenz der britischen Geografischen Gesellschaft gezeigt wurde. Für Matthias Coers hat dieses Datum besondere Bedeutung: Am selben Tag, an dem der Film in London vor dem wissenschaftlichen Publikum lief, sei der Film in Leipzig bei einem Doku-Festival und in Hamburg bei einem großen Treffen der Hausbesetzerszene in der berühmten „Roten Flora“ gezeigt worden.

330 Mal ist „Mietrebellen“ schon öffentlich gelaufen, in 40 Städten in 15 Ländern, und bei 130 Terminen war Coers dabei, so seine Zählung. Für die zweieinhalb Monate von April bis Mitte Juni waren 25 Vorführungen geplant, vor allem in Berlin, aber auch eine beim Left Forum in New York, „dem größten Kongress der undogmatischen US-amerikanischen Linken“, so Coers, wo schon im vergangenen Jahr Ausschnitte liefen. In Spanien und Frankreich spreche er derzeit Festivals an. Dass aus diesen von Zwangsräumungen gebeutelten Ländern jetzt schon Anfragen von politischen Gruppen kommen, veranschaulicht ebenfalls den geradezu unglaublichen Erfolg von „Mietrebellen“: Ohne Werbung des Filmteams hat sich das  Interesse an der Dokumentation von Berlin aus verbreitet.

Coers bekomme auf diese Weise viel von den Zuständen andernorts mit, erzählt er. So habe er sowohl aus Bukarest als auch von der Stadtplanungsfakultät in Neapel und vom Left Forum gehört, wie dankbar die Menschen dort waren zu sehen, dass es auch in Deutschland Widerstand gegen soziale Ungerechtigkeit gibt.

In Bukarest machen sich mittlerweile Freiwillige an eine Übersetzung der Untertitel, berichtet Coers. Auf Englisch, Französisch und Spanisch gibt es die schon, Griechisch und Italienisch seien fast fertig, Polnisch, Niederländisch und Russisch in Arbeit, Türkisch, Ungarisch, Portugiesisch und Albanisch in Planung, sagt der umtriebige Filmer und Aktivist, der für Anfang 2016 eine DVD des Films plant – „für die weltweite Rezeption“.

 

Dieser Artikel erscheint in der Ausgabe 36 des Fraktionsmagazins Clara.

 

linksfraktion.de, 28. Mai 2015

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