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Getrennte Erfahrungen in Ost und West

Im Wortlaut von Ulla Jelpke, Gesine Lötzsch,

Was haben Sie als Kinder und Jugendliche vom Frauentag und seiner Bedeutung mitbekommen?

Ulla Jelpke (Dortmund): Als jugendliche Linke hatte ich schon bei Clara Zetkin gelesen, dass es den Frauentag gibt und dass Frauen seit 1910 end- lich auch wählen durften. Der Frauen- tag wurde damals bei uns in den 70er Jahren in Westdeutschland nur in geschlossenen Sälen gefeiert.
Gesine Lötzsch (Berlin): Insbesondere wurde natürlich in der Schule den Lehrerinnen gratuliert. Was mich aber besonders an meine Kindheit erinnert: Wir haben früh versucht, Fremdsprachen zu lernen und Briefkontakte zu pflegen. Bei mir war das in der dritten Klasse Russisch. Und da fand ich es immer sehr amüsant, dass meine gleichaltrige Briefpartnerin - wie alt ist man in der dritten Klasse? 10 Jahre? - dann immer zum Frauentag gratulierte.

Wie ist das im Westen gelaufen?

Ulla Jelpke: Erst die autonome Frauenbewegung in den 70er Jahren hat den internationalen Frauentag wieder zum Anlass genommen, für Frauenforderungen auf die Straße zu gehen. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Demonstration zum 8. März. Die wurde in Hamburg mit einem Polizeispalier begleitet, weil man uns für gefährlich hielt - Frauen mit Kinderwagen wurden als gefährliche Feministinnen betrachtet, die häufig der gewaltbereiten Szene zugerechnet wurden.

Welche Rolle hat der Frauentag in der DDR gespielt?

Gesine Lötzsch: Man muss in der Geschichte der DDR auch verschiedene Etappen anschauen. Eine sehr große Initiative gab es, Frauen in technische Berufe zu schicken. Das ist etwas, wovon wir heute eigentlich noch - oder bestimmte Frauengenerationen, die aus dem Osten kommen - profitieren. Ansonsten wurde es natürlich zum Feiern genutzt. Die Männer waren verpflichtet oder fühlten sich verpflichtet, für Kaffee und Kuchen und Ähnliches zu sorgen. Darüber hat man damals geschmunzelt. Nach der Wende war das eher eine außergewöhnliche und nette Geste und man freute sich, wenn die Männer die Tradition, die ich damals ein bisschen - na ja, jedenfalls ich aus meiner Sicht - ein bisschen komisch fand, versuchten in die Neuzeit zu retten.

Ulla Jelpke: Den Frauen im Westen ist es eindeutig schlechter ergangen, denn es gab elementare Frauenrechte in der DDR, von denen wir nur träumen konnten. Immerhin konnten sich die DDR-Frauen in den ersten drei Monaten entscheiden, ob sie ein Kind wollten oder nicht. Dieses Selbstbestimmungsrecht war uns fremd. Stattdessen erlebten wir die Kriminalisierung oder Entwürdigung bei einem Schwangerschaftsabbruch. Wir hatten bis 1975 ein absolutes Abtreibungsverbot. Erst der Kampf dagegen hat unter vielen westdeutschen Frauen ein neues Selbstbewusstsein geweckt. Für die meisten Frauen in Ost wie West haben sich die Lebensbedingungen verschlechtert, insbesondere im Osten haben die Frauen grundlegende Rechte verloren. Im Westen haben die Frauen schon immer ein Drittel weniger verdient, obwohl sie die gleiche Tätigkeit wie Männer ausübten.
Nun gibt es auch für die Frauen im Osten heute schon wieder eine Differenz von ca. 24 Prozent zu den Löhnen der Männer. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass 1979 das erste Mal in der Hamburger Bürgerschaft überhaupt das Thema: »Frauen in der Politik und Gesellschaft« auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Ich beobachte, dass die Vollbeschäftigung und die gleiche Bezahlung der Frauen oder auch die Kinderbetreuungsangebote aus der DDR im Osten noch lange nachgewirkt haben.

Wie haben Sie das denn im Osten bislang seit der Wende erlebt?

Gesine Lötzsch: Was mich persönlich betrifft, habe ich als Bundestagsabgeordnete eine privilegierte Position. In vielen Gesprächen - insbesondere mit Frauen, die eine Generation weiter sind als ich - wurde mir erzählt, wie Frauen sich gerade im Berufsleben durchsetzen mussten, zum Beispiel als Bauleiterin. Sie stießen überall auf riesiges Erstaunen, dass eine Frau als Ingenieurin oder als Bauleiterin arbeiten kann und sie bei der Anerkennung ihrer Leistungen irgendwie ins Mittelalter zurückgefallen sind. Es gibt ein großes Bedürfnis, den Frauentag zu feiern. Ich lade jedes Jahr zum 8. März Frauen in den Bundestag zu einer Veranstaltung ein. Gleich nach der Einladung in der Zeitung habe ich stapelweise Anmeldungen bekommen. Ich habe schon zwei Tage eingeplant und kann leider gar nicht allen zusagen.

Geht es da vor allem um ältere Frauen, die das aus DDR-Zeiten kennen?

Gesine Lötzsch: Also, da melden sich ganze Arbeitsgruppen an, eine Arztpraxis mit allen Arzthelferinnen usw. Aber natürlich auch Frauen, die es aus DDR-Zeiten kennen. Was ich sehr schön fand, als auch persönliche und emotionale Erlebnisse, dass sich bei meinen Veranstaltungen Frauen wieder getroffen haben, die sich erstens ewig nicht gesehen haben und zweitens auch gesagt haben: »Also jetzt haben wir fast 20 Jahre keinen Frauentag gefeiert und wir haben das Bedürfnis, über unser Leben zu sprechen.«

Auf welche Art und Weise sollte man im geeinten Deutschland den Frauen eine Würdigung angedeihen lassen?

Ulla Jelpke: Frauen sollen keine Angst vor existenzieller Not haben, ihre Kinder brauchen Bildung, Betreuung und eine Existenzsicherung. Das sind natürlich inzwischen gemeinsame Ziele, für die wir selbstverständlich auch gemeinsam kämpfen. Es findet auf vielen gesellschaftlichen Ebenen wieder eine Verschärfung gegen eine Gleichstellungspolitik statt, z. B. beim Abtreibungsrecht, aber auch im Bereich Beruf und Familie werden Frauen diskriminiert und ungleich behandelt. Das spiegelt sich natürlich auch in der Politik wieder bzw. auch in unserer Partei, da gibt es in der Frauenpolitik noch viele Defizite.

Feiern Sie als linke Abgeordnete am Frauentag auch gemeinsam?

Gesine Lötzsch: Da widme ich mich den Frauen aus meinem Wahlkreis und werde gemeinsam mit meinem Team am 8. März etwa 3000 Rosen verteilen. Und da ist es mir natürlich wichtig, vor allen Dingen dorthin zu gehen, wo Frauen auch in Frauenberufen arbeiten. Zu der Verkäuferin im Backshop, die sieben Tage in der Woche arbeitet. Wir müssen als Abgeordnete den Tag nutzen, um hinauszugehen. Gemeinsam feiern können wir bei anderen Gelegenheiten, nicht wahr, Ulla?

Ulla Jelpke: Genau, so sehe ich das auch. Eine Flasche Wein kann ich mit Gesine jederzeit trinken, aber auch ich werde am Internationalen Frauentag eher auf einer Frauenveranstaltung in Dortmund sein, als ihn privat zu verbringen.

Das Interview führte Frank Schwarz

Querblick, 8. März 2009

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