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Fußball schafft Begegnung

Im Wortlaut von Katrin Kunert,


Katrin Kunert in Pjöngjang mit Fußballerinnen der nordkoreanischen Frauenfußballnationalmannschaft


Von Katrin Kunert, sportpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

»Fußball schafft Begegnung« war das viel zitierte und mein ganz persönliches Motto während der gesamten Reise Berlin-Pjöngjang-Berlin vom 31. März bis 4. April.

Wenn am 26. Juni 2011 in Berlin die erste Begegnung der FIFA-Frauen-WM zwischen Deutschland und Canada angepfiffen wird, haben das Organisationskomitee mit ihrer Präsidentin Steffi Jones und der DFB ein Mammutprogramm der Vorbereitung absolviert. Kern der Vorbereitungen war die Welcome-Tour, die durch 14 Länder führte. Alle Länder, außer Japan, aus denen sich die Mannschaften qualifiziert haben, wurden besucht und herzlich willkommen geheißen. Bevor es zur letzten Station nach Nordkorea ging, fragte der DFB- Präsident Theo Zwanziger den Ausschuss für Auswärtige Kulturpolitik, ob Bundestagsabgeordnete diese Reise unterstützen und begleiten wollten. Und sie wollten. Da meine Kollegin Luc Jochimsen zur gleichen Zeit in Peking war, durfte ich an ihrer Stelle reisen.

In Vorbereitung auf diese Reise wurden uns Abgeordneten eine Reihe von Verhaltenshinweisen gegeben, die meine Vorfreude dämpften. Und das Auswärtige Amt war nicht gerade begeistert, dass Abgeordnete mitreisen, Nordkorea könne dadurch "aufgewertet" werden. Diese Haltung finde ich falsch, denn Fußball schafft eben Begegnung. Und der Sport kann an manchen Stellen zu Gesprächen führen, wo Politik steckengeblieben ist. Die nordkoreanische Nationalmannschaft wird nach Deutschland kommen. Sie wird hier spielen, und wir haben mit unserer Delegation deutlich gemacht, dass sie herzlich willkommen ist.

Meine Erwartungen waren nicht besonders hoch angesiedelt. Schon bei der Ankunft wurde die Tristes dieses Landes deutlich. Da nun gerade erst der Winter vorbei war, gab es kein Grün. Die trockenen Grünflächen des Flugplatzes waren abgebrannt worden, weil wohl die Mähtechnik fehlt. Auch waren keine anderen Flugbewegungen zu sehen. Bis vor kurzem gab es zwei Flüge pro Woche - Montag und Freitag. Immerhin schien die Sonne und ich betrat zum ersten Mal nordkoreanischen Boden, wie übrigens die meisten meiner Mitreisenden.

Die Delegation bestand aus DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, Organisationskomitee-Präsidentin Steffi Jones, Oliver Vogt von der FIFA und den Bundestagsabgeordneten Claudia Roth von den Grünen, Johannes Pflug von der SPD, Patrik Kurth von der FDP, Thomas Feist von der CDU und mir sowie Mitarbeitern des DFB. Wir wurden auf dem Flugplatz vom Fußballverbandspräsidenten Nordkoreas empfangen, erste Höflichkeiten wurden ausgetauscht.

In 48 Stunden haben wir ein Programm mit 12 Terminen absolviert. So gab es Höflichkeitsbesuche beim Sportminister, Gespräche mit Vertretern des Außenministeriums, dem Zentralkomitee der Arbeiterpartei, dem Präsidium der obersten Volksvertretung und so weiter. Wir fuhren oft auf leeren Straßen, gesäumt von vielen Menschen, die am Straßenrand irgendwelche Arbeiten verrichteten. Jeder Quadratmeter wurde beackert, um etwas Essbares anbauen zu können. Viele Menschen sind in Nordkorea unterernährt. Die Welthungerhilfe ist vor Ort und versucht mit Projekten zu helfen.

Ich will mich auf die für mich wichtigen Termine konzentrieren. Der  Workshop der FIFA zur Entwicklung des Fußballs, insbesondere des Frauenfußball. Der Vertreter der FIFA hat in einer Präsentation die Strukturen und vielfältigen Arbeitsfelder der FIFA dargestellt. Die FIFA leistet eine umfangreiche Hilfe in den verschiedensten Ländern zur Entwicklung des Fußballs. Sie unterstützt jedes Land finanziell mit bis zu 300.000 Euro, wenn mindestens 15 Prozent der Gelder in den Frauenfußball investiert werden.

Es werden Kurse angeboten für die Ausbildung von Schiedsrichtern und Trainern, Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit, bei der Trainingsentwicklung oder für Jugendaustauschs. All das sind Bestandteile der Angebotspalette der FIFA. Zudem wurde für ein Workshop der FIFA geworben, der vom 15. bis 17. Juli 2011 in Deutschland stattfinden wird. Eingeladen sind alle 208 Mitglieder FIFA- Mitgliedsstaaten.

Auch wenn ich nicht zur "Zielgruppe" dieses Workshops zähle, definiere ich in Zukunft die FIFA nicht mehr nur über das Exekutivkomitee, welches völlig intransparent die FIFA-Weltmeisterschaften vergibt. Nach der Präsentation war den knapp 45 nordkoreanischen Zuhörerinnen und Zuhören die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen. Leider nutzten die Fragesteller diese mehr zur Eigendarstellung: Warum ist Nordkorea zum vierten Mal in einer Gruppe mit den USA? Auch hatte ich den Eindruck, dass die Fußballfreunde vor Ort ihre eigene Mannschaft längst aufgegeben haben wegen der sehr starken Gruppe mit Schweden und den USA, in der Nordkorea während des Frauenfußball-WM bei uns antreten muss.

Ein weiterer sehr schöner Termin war mit der Frauennationalmannschaft und den Mädchen vom U14-Team im Kim Il Sung Stadion. Wir konnten uns bei einem Freundschaftsspiel der U14-Fußballerinnen davon überzeugen, dass der Nachwuchs in Nordkorea sehr gut aufgestellt ist. Schließlich sind die Nordkoreanerinnen in der U17 und U20 amtierende Weltmeister. Vor dem Spiel gelang es Steffi Jones sogar, den Mädchen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Sie bekamen Paule, das Maskottchen des DFB überreicht. Dieses Lächeln war für uns wie ein kleiner Sieg. Übrigens finde ich es schon abstrus, dass Frauen in Nordkorea kein Fahrrad fahren dürfen, aber im Weltfußball mit führend sind.

Ein Höhepunkt dieser Reise, insbesondere für den DFB, war die Unterzeichnung des so genannten Memorandum of Understanding, das die künftige Zusammenarbeit im Bereich Schiedsrichter, Trainer und Nachwuchsgewinnung beinhaltet. Es sollen auch Freundschaftsspiele zwischen beiden Ländern stattfinden, wie das Testspiel am 21. Mai in Ingolstadt. Der nordkoreanische Fußball- Präsident sagte bei der Unterzeichnung, dass das Memorandum ein wichtiges Dokument der Freundschaft sei.

Überhaupt erwiesen sich alle Gesprächspartner als Kenner des deutschen Fußball. Viele gute Fußballspieler wurden mit Namen aufgezählt, ohne dass diese vorher jemand von der Partei aufgeschrieben hat. Ging es aber um heikle Fragen, wie die Atomnutzung für Waffen oder das Verhältnis zu Südkorea, gab es keine Antworten oder man zeigte sich unberührt, wie bei der Katastrophe in Japan.

Der Countdown für die Welcome Tour war nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus kultureller Sicht top. Deutschland präsentierte sich mit den Spielorten und seinen Stadien. Der nordkoreanische Nationaltrainer und die Spielerinnen wurden in die Veranstaltung einbezogen. Und da es die letzte Station der Tour war, gab es einen kleinen Rückblick über alle Stationen der Tour. Eine große Überraschung für die nordkoreanischen Fußballerinnen waren das WM-Maskottchen Cat Kate und der Originalpott, also die WM-Trophäe, der mit von der Partie war.

Am 28. Juni werden die Nordkoreanerinnen in Dresden auf US-Amerikanerinnen treffen. Weil für uns der Besuch in Nordkorea mehr als nur ein Höflichkeitsbesuch war, haben wir uns in der Delegation verabredet, zu diesem Spiel zu fahren. Die Frauen-WM in Deutschland wird ein Familienfest. Sechs Stadien sind bereits ausverkauft. 18 Prozent der verkauften Tickets gibt es zu ermäßigten Preisen, das heißt viele Kinder werden mit ihren Eltern in den Stadien sein und für eine tolle Stimmung sorgen. Und hoffentlich nehmen die nordkoreanischen Fußballerinnen ganz viel von der Stimmung, der Aufgeschlossenheit der Gastgeber hier in Deutschland und ebenso viele positive Eindrücke von möglichst vielen Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, die zur Frauenfußball-WM kommen werden.

linksfraktion.de, 9. April 2011

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