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Foto: DBT/Thomas Imo/photothek
Foto: DBT/Thomas Imo/photothek

»Ein wichtiges Signal für Osteuropa«

Im Wortlaut von Jan Korte, Märkische Oderzeitung,

In der vergangenen Woche hat der Kulturausschuss des Bundestages beschlossen, Menschen, die während der Nazi-Zeit als sogenannte "Asoziale" und "Berufsverbrecher" verfolgt wurden, als Opfergruppe anerkennen zu lassen. Noch in der Diskussion: Das Gedenken an die Opfer des Wehrmacht-Vernichtungskrieges im Osten.

Interview: André Bochow

 

Herr Korte, manche wollen ein Denkmal für die polnischen Opfer, andere eines für die der Sowjetunion. Was wollen Sie?

Jan Korte: Ich bin für einen gemeinsamen Gedenkort. Für die Opfer der sogenannten "Lebensraumpolitik im Osten". Diese Opfer des NS-Vernichtungskrieges gab es in ganz Osteuropa, die meisten davon in den ehemaligen Sowjetrepubliken. So etwas wie eine "Nationalisierung des Gedenkens" sollte es nicht geben.

Es gibt viele Gedenkorte. Brauchen wir wirklich einen weiteren?

Es handelt sich um eine der größten Opfergruppen und die wurde in der Vergangenheit, jedenfalls was das Gedenken im Land der Täter angeht, weitestgehend ignoriert. Es ist eine Schande, dass erst jetzt ernsthaft über einen Gedenkort diskutiert wird.

Warum hat es so lange gedauert?

Jedes Gedenken, jede Entschädigung, jede Anerkennung von Schuld musste erkämpft werden. Denken Sie an den Kampf so großartiger Personen wie etwa Fritz Bauer. In der alten Bundesrepublik galt zumindest der Krieg gegen die Sowjetunion als geradezu legitim. Oder denken Sie an die Debatte über die Wehrmachtsausstellung in den 90er-Jahren, in denen die Verbrechen des regulären Militärs dargestellt wurden. Das war für viele damals ein Tabubruch. Noch heute sind ja Gauland und Co. stolz auf die Wehrmacht.

Auch deswegen ein Denkmal?

Ja. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir damit vor allem ein wichtiges Signal nach Osteuropa senden. Und außerdem soll es ein Lernort werden, der vor allem jungen Deutschen und Europäern das damalige Grauen nahebringt.

2009 ist es Ihnen gelungen, parteiübergreifende Einigkeit über die Rehabilitierung der sogenannten "Kriegsverräter" herzustellen. Um wen ging es da?

Um einfache Wehrmachtssoldaten, die Juden halfen, sich gegen Hitler äußerten, einem Kriegsgefangenen ein Stück Brot zusteckten oder sich ähnlicher "Verbrechen" schuldig machten. Die wurden in der Regel zum Tode verurteilt. Dass diese Menschen vollständig rehabilitiert wurden, erfüllt mich heute noch mit großem Stolz. Die Rehabilitation musste mühsam erkämpft werden, so wie vorher bei den Wehrmachtsdeserteuren.

Immer noch gelten die sogenannten "Asozialen" und "Berufsverbrecher", die von den Nazis in die KZ gebracht und oft umgebracht wurden, als rechtmäßig verurteilt.

Und das ist durch nichts zu rechtfertigen. Niemand, der in ein KZ kam, war dort zu Recht. Und man muss im Falle der genannten Gruppen klarstellen, um wen es in der Regel ging: Die Nazis zählten zu den "Asozialen" nach eigenem Bekunden "Bettler, Landstreicher, Alkoholiker, Zigeuner, wandernde Handwerker", die sie als "Ballastexistenzen" betrachteten. Die Gruppe wurde dann noch um Tausende deutsche Juden erweitert. Es ist höchste Zeit, diese Menschen als das zu betrachten, was sie waren: Opfer des NS-Regimes.

Im Gegensatz zum Auswärtigen Amt scheint das Kanzleramt ein geringes Geschichtsinteresse zu haben.

Zumindest was den Umgang mit der Nazizeit nach 1945 betrifft. Im Kanzleramt wurde die NS-Vergangenheitspolitik gesteuert. Chef des Bundeskanzleramtes war von 1953 bis 1963 Hans Globke, ein Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze. Die Akten des Kanzleramtes müssen einer unabhängigen Untersuchung zugänglich gemacht werden. Dort wurde schließlich entschieden, dass reihenweise alte Nazis, auch solche, die schwerste Verbrechen begangen hatten, fliehen, untertauchen und in verantwortliche Positionen gelangen konnten.

Märkische Oderzeitung,