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Ein rührendes Angebot

Im Wortlaut von Gregor Gysi,

Gregor Gysi über seine Tante Doris Lessing

Es ist ein Vorrecht von Politikern, auf Ereignisse stolz zu sein, bei denen ihr Leistungsanteil gleich null ist. Und so bin ich auch stolz auf den Literaturnobelpreis für meine Tante Doris Lessing. Erstmals traf ich sie im Frühjahr 1988, als ich nach London reisen durfte - und war von ihr beeindruckt.

In Rhodesien hatte sie den Bruder meiner Mutter kennengelernt. Er war wegen der Nazi-Diktatur nach Großbritannien ausgereist. Ihm wurde erklärt, dass er entweder nach Kanada oder nach Südrhodesien weiterziehen müsse. Er entschied sich für Südrhodesien, ein Fehler, wie Doris Lessing heute meint.

Beim Kennenlernen imponierte ihr an ihm, dass er selbst in armen Verhältnissen hochelegant angezogen war und so auch auftrat - als Kommunist. Sie heirateten, bekamen einen Sohn, meinen Cousin Peter, und trennten sich wieder. Sehr viel später wurde mein Onkel als Botschafter der DDR in Uganda bei Unruhen ermordet.

Das Leben in Afrika hat Doris Lessing und ihr Werk geprägt. Sie kennt Kriege und ihre Begründungen und lehnt sie ab. Sie ist eine politisch engagierte Frau, hat sich aber aus politischen Bewegungen zurückgezogen, weil sie den Konflikt des Einzelnen mit der Gesellschaft thematisiert. Besonders berühmt ist "Das goldene Notizbuch", weil sie dadurch zum Inbegriff des Feminismus wurde. Ein großer Irrtum, wie sie auch mir erklärte. Sie sei nicht feministisch, sondern habe versucht, die ungeheuer schwierige Beziehung zwischen Mann und Frau literarisch zu bewältigen. Wodurch der Roman ein wichtiges Werk für die Frauenbewegung wurde.

Besonders angenehm ist mir ein Anruf von ihr zu DDR-Zeiten in Erinnerung. Im Zusammenhang mit der Nachrüstung fürchtete sie einen Krieg in Europa und meinte, dass dieser vornehmlich in Deutschland ausgetragen würde. Deshalb bot sie meiner Mutter, meiner Schwester und mir an, doch zu ihr nach London auszureisen. Wir versuchten zwar nicht, dem nachzukommen, waren aber alle durch das Angebot gerührt.

Anfang Oktober sah ich sie in Hamburg, wo sie ihr gerade in Deutschland erschienenes Buch "Die Kluft" vorstellte. Mit fast 88 Jahren schreibt sie an dem nächsten. Ihr Vater wollte immer Farmer werden, was ihm nie wirklich gelang. In dem Buch wird er es. Sie will das Leben ihrer Eltern und anderer Menschen in Europa beschreiben, wie es verlaufen wäre, wenn es nicht zum Ersten Weltkrieg, zum Nazi-Regime und dem Zweiten Weltkrieg gekommen wäre, wenn es keinen Hitler, keinen Mussolini und auch keinen Stalin gegeben hätte. Welch legitimer, schöner und sehr weiblicher Gedanke!

Mit Doris Lessing sprach ich über alles Mögliche, über Afghanistan, den Irak, Mugabe, Blair und Brown. Auch sagte ich ihr, dass ich hoffte, sie werde den Literaturnobelpreis erhalten.

Sie glaubte nicht daran.

Von Gregor Gysi

Der Spiegel, 15. Oktober 2007

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