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Drei Wünsche zur Heiligen Nacht von einem linken, christlichen Politiker

Im Wortlaut von Bodo Ramelow,

Aufmerksamkeit, Mut und Glauben

Kürzlich las ich eine Geschichte. Der Text beschrieb, wie ein Dorf aussähe, in dem die gesamte Weltbevölkerung auf einhundert Menschen reduziert sei. In diesem Dorf, so hieß es, lebten 57 Asiaten, 21 Europäer, 14 Amerikaner und 8 Afrikaner. Es wären 52 Frauen und 48 Männer, 30 Christen und 70 Nicht-Christen, 89 Heterosexuelle und 11 Homosexuelle. Von den 100 Menschen wären 70 Analphabeten, 50 wären unterernährt, 20 würden aus eigener Erfahrung Krieg kennen. Nur einer hätte einen Computer und auch nur einer hätte einen akademischen Abschluss. Am Ende des Artikels wurde der Leser direkt angesprochen: „Falls sich in Ihrem Kühlschrank Essen befindet, Sie ein Dach über dem Kopf haben, sind Sie reicher als 75 Prozent der Einwohner dieser Welt.“

Die Geschichte ist nicht ganz richtig, aber doch wahr. Nicht ganz richtig ist sie, weil die statistischen Angaben nicht hundertprozentig stimmen. Das ist aber egal, denn wahr ist sie trotzdem. Erich Kästner hat gesagt, wahr ist eine Geschichte dann, wenn sie genau so, wie sie berichtet wird, wirklich hätte passieren können. Und darauf kommt es an, denn die Essenz des Textes ist wahr: Uns, also Ihnen und mir, geht es daran gemessen gut! Dieser Tatsache sollten wir uns bewusst sein.

Deshalb ist mein erster Wunsch zur Heiligen Nacht mehr Aufmerksamkeit für uns und für Andere. Die Ungerechtigkeit ist leider nicht nur global, sondern auch hier vor Ort, auch bei uns ist der Reichtum einseitig verteilt. In Deutschland gibt es eine stetig wachsende Kinderarmut. Mittlerweile gibt es in der Bundesrepublik zwei Millionen Kinder in Familien, die in Hartz-IV leben müssen. Ich sage bewusst, dass sie nicht von Hartz-IV leben, sondern die Menschen leben in Hartz-IV. Es ist unsere große Verantwortung für das Jahr 2008 diese Entwicklung noch ernster zu nehmen.

Weil Weihnachten ein christliches Fest ist, habe ich auch einen Wunsch an die Christen in Deutschland: Seid mutig und seid tolerant. Im Berliner Dom wurde vor kurzem die Aufführung einer Oper verboten, die von dem englischen Musiker Karl Jenkins als Friedensmesse komponiert worden war. Das Problem an der Oper sind genau zwei Minuten. Zwei Minuten lang ertönt in diesem Werk der Gebetsruf eines islamischen Muezzins. Dem Domkirchenkollegium erschien es nicht akzeptabel, dass das Glaubensbekenntnis des Islam in einer Kirche laut wird - egal, ob dies durch einen Vorbeter oder vom Tonband geschieht. Die Unterschiede zwischen Christentum und Islam seien einfach zu groß. An Weihnachten, dem „populärsten“ christlichen Fest der Welt, würde es mich freuen, wenn evangelische und katholische Kirche in Deutschland so viel Selbstvertrauen hätten, mehr Toleranz gegenüber Nicht- und Andersgläubigen zu zeigen.

Schließlich wünsche ich mir ein bisschen mehr Glauben. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will niemanden bekehren. Ich möchte nicht für einen bestimmten Glauben werben, sondern ich bin vielmehr gegen den Unglauben. Nehmen Sie den Weihnachtsmann. Heutzutage wird den Kindern weisgemacht, der Weihnachtsmann käme mit einem Truck von Coca-Cola. Das ist schon schwierig, noch viel schlimmer finde ich aber, dass den Erwachsenen weisgemacht wird, Weihnachten müsste so sein, mit viel Werbung und viel Kommerz. Da fehlt mir der Glaube, der Glaube daran, dass wir zu mehr auf der Welt sind als nur zum Geld verdienen und Geld ausgeben. Und mir fehlt die Hoffnung auf das Gute. Das Gute als Glück, das von Menschen gemacht über einen kommt und das man selbst anderen Menschen bringen kann. Das Gute passiert ganz oft ohne blinkende Lichter und ohne Sonderangebote. Dieses Glück, das wir uns bereiten können, ist unbezahlbar. Wir erhalten es nur, wenn wir daran glauben.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, ein geruhsames, besinnliches und frohes Weihnachtsfest.

Bodo Ramelow ist Fraktionsvize und Religionsbeauftragter der Linken im Bundestag sowie Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen in Thüringen.

Quelle: Märkische Allgemeine vom 20.12.2007