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Die Zukunft in die Hand genommen

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Von Gisela Zimmer

Die Linke Woche der Zukunft vom 23. bis 26. April war ein Mammutprogramm. Über 80 Veranstaltungen an vier Tagen: Podiumsdiskussionen, Werkstätten, Foren zum Austausch, Vorträge. Vieles davon parallel - und davor, dazwischen oder danach immer wieder viel Musik, Literatur, Performance, Installation, Ausstellung. Witziges war dabei, Erstaunliches ohnehin, dazu viel Anregendes, Neues und quer Gedachtes. Serviert von Frauen und Männern aus der Wissenschaft, Praxis und Politik, Künstlerinnen und Künstler und durch die unzähligen Besucher selbst mit ihren reichlich gestellten Fragen und Anmerkungen.

Insgesamt hatten sich knapp tausend Interessierte aus der ganzen Bundesrepublik angemeldet. Und aus Berlin und Brandenburg – weil die Woche der Zukunft sozusagen vor der eigenen Haustür stattfand - kamen die meisten unangemeldet, einfach so. Immer neugierig auf Zukunft! Die jedoch, so Volker Braun, der brillante Wortkünstler, sei „gar nicht so leicht, denn sie steht voller Gerümpel“. Der Schriftsteller, Jahrgang 1939, weiß wovon er redet. Zu oft gab es die Verheißung Zukunft, auch in seinem Leben und den gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen.

Brauns literarische Zukunftsrede war eine Art Zeitreise. Darin liegt die Zukunft im Museum, in mehreren Räumen. Beispielsweise im „Dreck“, auch schon mal im „Kerker“, „hinter Gittern“, aber es gibt auch einen „Freiraum“, „einen Platz, der einzurichten“ sei, so der Dichter in seinem Text, und er fragt, „wie viel Unrat wir hinüberschleppen“ und mahnt „die eigentliche Arbeit hat noch gar nicht begonnen“.

Eine bildhafte, provokante Auflassung am Eröffnungsabend im Grünen Salon der Berliner Volksbühne. Der Salon ist voll, kein einziger Stehplatz frei, auch nicht während der kontroversen Debatte danach mit Katja Kipping, Fraktion DIE LINKE, Anke Domscheit-Berg, Unternehmerin, Publizistin und Aktivistin beim Thema digitale Gesellschaft und Geschlechtergerechtigkeit, Frigga Haug, Professorin und Verfasserin der „Sternschnuppen“-Untersuchung zu Zukunftserwartungen junger Leute und Evgeny Morozov, Journalist und Netzwerkexperte. Sie sind sich einig darin, dass der Kapitalismus kein nachhaltiges Gesellschaftskonzept ist, die Lebensgrundlagen selbst vernichtet.

Uneins sind sie sich über Auswege und Alternativen. Morozov von der Stanford Universität in Kalifornien befürchtet, dass große Konzerne wie Google, Apple, Microsoft „sich alles unter den Nagel reißen“. Profitorientiert auch im Netz arbeiten, „uns kontrollieren“ und „Dienstleistungen gegen Bezahlung zur Verfügung stellen“. Die Gegenwart scheint ihm recht zu geben. Frigga Haug und Domscheit-Berg schauen über den Tag hinaus. Stellen Lebens- und Arbeitsmodelle mit und ohne Erwerbsarbeit zur Diskussion. Stichworte wie „bedingungsloses Grundeinkommen“ fallen oder weniger Tageszeit für bezahlte Lohnarbeit, mehr Zeit für sich, die Familie, Freunde und Sorgearbeit, für die eigene Entwicklung und Zeit zum Einbringen in das Gemeinwesen. In theoretischen Debatten längst als 4in1-Perspektive bekannt und favorisiert. 

Dahinter steckt die einfache wie ewige Frage, wie wollen wir arbeiten, wie wollen wir leben? Diese Grundfrage zieht sich durch alle Foren, Gespräche, Analysen, Podiumsdiskussionen – egal ob die Schere zwischen arm und reich, der kostenlose oder preiswerte Öffentliche Personennahverkehr, die Gesundheitsversorgung, Gleichheit und Gerechtigkeit, gute Arbeit und Entlohnung oder solidarische Ökonomie das Thema ist.

In der gemeinsamen Zukunftsrede von Katja Kipping und Bernd Rixinger heißt es dazu: „Die Arbeit der Zukunft muss sich mehr um das Leben drehen – statt wie bisher das Leben um die Arbeit : Flexible Arbeits- und Lebenszeiten müssen nicht gleichbedeutend mit Prekarität sein und können zu mehr Selbstbestimmung führen.“ Die beiden Parteivorsitzenden machen Vorschläge, zeigen Wege und Möglichkeiten auf für ein anderes Europa, für ein anderes Miteinander, für eine andere Demokratie. Sozialismus 2.0 genannt, humorvoll in Anlehnung an das Netzzeitalter. Ein „Minifest“, das zu lesen Spaß macht und sich lohnt. Mit Blick auf die Zukunft heißt es zum Schluss: „Wir haben viel vor. Der Versuch mit dem business as usual auch innerhalb der gesellschaftlichen Linken zu brechen, ist nicht einfach und verlangt uns allen viel ab. Aber wir sind uns sicher, dass es sich lohnt. Denn: wie die Zukunft aussieht, entscheidet sich nicht morgen, sondern heute. Gegen die organisierte Traurigkeit des Kapitalismus wie gegen seine  reaktionäre Kritik von rechts war die linke Wette immer, dass es die Menschen selbst sind, die ihre gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen können, dass Geschichte machbar ist. Beweisen wir es. Jetzt.“

Das Jetzt hat angefangen, mit einer ersten Linken Woche der Zukunft. Sie war ein erster Schritt. Parteichef Bernd Rixinger meinte sogar, „ein großer Schritt“. Denn so viel Öffentlichkeit, so viel Zulauf, so viele junge Leute aus allen Bundesländern, so viel Interesse an Zukunft das sei „schön, überraschend und Mut machend“.

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