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»Die NATO ist kein Verteidigungsbündnis mehr«

Im Wortlaut,

Noam Chomsky (81) ist Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology und der bekannteste Kriegsgegner in den USA. Seine politische Karriere begann mit dem Widerstand gegen den Vietnam-Krieg. Heute unterstützt Noam Chomsky die Proteste gegen die NATO, die zwischen dem 3. und 5. April in Baden-Baden und Straßburg stattfinden.

Das Interview erscheint am 9. April in »Klar«, der Zeitung der Fraktion DIE LINKE.

Weshalb beteiligen Sie sich am Protest gegen die NATO?

Prof. Chomsky: Die NATO hat ihre Funktion als Verteidigungsbündnis verloren. Es besteht die Gefahr, dass sie irgendwann nur noch dazu da ist, um US-amerikanische Interessen in der Welt durchzusetzen.

Der Kalte Krieg ist seit 20 Jahren beendet, trotzdem lebt die NATO fort. Wie hat sich dieses Militärbündnis in den letzten Jahren gewandelt?

Bevor der letzte Präsident der Sowjetunion, Gorbatschow, der deutschen Wiedervereinigung zustimmte, verabredete er mit US-Präsident Bush senior, dass die NATO nicht weiter Richtung Russland expandieren würde. Außerdem schlug er eine atomwaffenfreie Zone von der Arktis bis zum Mittelmeer vor.

Unmittelbar nach seinem Amtsantritt weitete Bushs Nachfolger Clinton die NATO nach Osten aus …

Ja, das war eine direkte Provokation gegenüber Russland, das mit Aufrüstung reagierte. Die Raketenabwehrschilde, die die USA zurzeit in Polen und Tschechien planen, sind eine erneute Provokation.

Wird der aktuelle US-Präsident einen weniger dominanten Stil innerhalb der NATO pflegen als sein Vorgänger?

Die erste Regierungszeit von Bush junior war der Höhepunkt der Alleingänge in der jüngeren amerikanischen
Geschichte. Obama befindet sich gerade in der Phase des Zuhörens: Er hört allen zu und legt sich nicht fest. Im Falle der NATO kann es sein, dass auf gemeinsame Entscheidungen mehr Wert gelegt wird. Das wird aber nicht zu einem Kurswechsel führen. Denn die Sicherheitsberater von Obama möchten die NATO nach Osten und Süden ausdehnen und zu einem Instrument machen, das weltweit Energiewege sichert.

Welche Perspektiven gibt es unter diesen Vorzeichen für Afghanistan?

Die Ausweitung des Kriegs auf die paschtunischen Gebiete in Pakistan ist eine schlimme Entwicklung. Die Aufstockung der amerikanischen Truppen wird nichts bewirken. Nur eine regionale Lösung, die Indien, China, Pakistan und auch den Iran mit einbezieht, kann Afghanistan wirklichen Frieden bringen.

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