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»Die Herrschaft über die Bilder haben jetzt die Israelis«

Im Wortlaut,

Annette Groth, Inge Höger und Norman Paech - Die ersten deutschen Augenzeugen berichten

In den Morgenstunden des 31. Mai griffen israelische Soldaten in internationalen Gewässern einen internationalen Schiffskonvoi mit Hilfsgütern für den Gazastreifen an: Es gab zahlreiche Tote, dutzende Verletzte. Die genauen Zahlen sind bis jetzt völlig unklar. Mit an Bord der angegriffenen Schiffe waren die Bundestagsabgeordneten der LINKEN Annette Groth und Inge Höger sowie Norman Paech, der bis 2009 für DIE LINKE Mitglied des Bundestages war. Erst abends kam die erlösende Nachricht: Sie leben. Heute Morgen erreichten sie den Flughafen Berlin-Schönefeld - auf www.linksfraktion.de schildern sie den Angriff auf die Schiffe, ihre Festnahme und wie sie es wieder nach Berlin schafften.

Die Unruhe auf dem Schiff „Mavi Marmara“ begann nach Aussage von Annette Groth, Inge Höger sowie Norman Paech am Sonntag-Abend gegen zirka 23 Uhr.

Orangefarbene Schwimmwesten seien angelegt worden - Hektik überall. „Ich dachte zuerst, es sei nur eine Übung“, berichtet Norman Paech. Von Deck aus habe er nur die Schiffe der Gaza-Hilfsflotte gesehen. Doch dann habe er die Information erhalten, dass sich hinter dem Konvoi schon Kriegschiffe befinden würden. Eine Stunde lang sei ein ziemliches Hin- und Her auf den Decks gewesen, berichtet Paech, und dann habe es durch die Schifflautsprecher plötzlich geheißen: „Alles zurück in die Kabinen und unter Deck. Er und seine Begleiter hätten sich dann auch schlafen gelegt.“ Auch Annette Groth und Inge Höger legten sich schlafen.

Montag gegen zirka 4.30 Uhr: „Wir wurden geweckt durch enorme Detonationen, einige Passagiere vermuteten, dass Splittergranaten und Tränengasgranaten abgeworfen wurden. Granatenhülsen, die wir gefunden hatten wurden später vom israelischen Militär konfisziert. Wir haben dann Schüsse gehört, die unmittelbar darauf folgten“, erinnert sich Norman Paech. Was dann geschah, schildert Paech so: „Es rannten Leute umher, die uns Zwiebeln gaben, damit wir etwas gegen das Tränengas haben. Wir sahen, wie Schlauchboote und Zodiacs um unser Schiff kurvten. Und dann war die Luft natürlich auch erfüllt von den Hubschraubern.“ Mein Kollege Nader al Sakka und ich konnten uns direkt vor dem Raum aufhalten, den die Passagiere als Lazarett eingerichtet hatten. Ich habe auch dort Aufnahmen gemacht, die Kamera ist mir abgenommen worden, leider ist kein Bildmaterial mehr da. Alles was wir gefilmt haben, hat die israelische Marine eingesteckt. Wir haben also keine Gegenbeweismittel. Die israelische Marine hat die absolute Bildhoheit über alles.“ Aber er beobachtete Folgendes: „Es wurden schwerverletzte Passagiere heruntergebracht. Ich habe auch einen gesehen, der später gestorben ist, im Vorraum wurde noch versucht, ihn wiederzubeleben, ihm wurden Infusionen gegeben“, so Paech. Matthias Jochheim, ebenfalls Passagier der Flottille und selbst Arzt schätzt, dass mindestens 50 Passagiere erheblich verletzt wurden bei der Aktion. „Ich selbst habe vier Menschen gesehen, die verstorben waren, v.a. durch Schusswaffen. Von der israelischen Armee wurden nicht Gummigeschosse oder ähnliches eingesetzt, sondern wirklich tödliche Geschosse. Die darüber hinaus gehende Zahl der Toten habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen, sie wurde aber glaubwürdig versichert.“ Wie Inge Höger berichtete, seien zudem mindestens 25 Passagiere vermisst worden.

Paech berichtete, dass anfangs auch drei israelische Soldaten in das provisorische Lazarett gebracht wurden, die keine Waffen mehr bei sich hatten: „Einer war leicht am Arm verletzt, bei den beiden anderen konnte man nicht erkennen, wie sie verletzt waren, jedenfalls haben sie nicht geblutet, schwere Verletzungen waren das nicht. Einer hatte wohl eine Kreislaufschwäche. Wenig später haben alle drei wieder das Lazarett verlassen.“

Der Tumult habe etwa 40 Minuten gedauert, sagt Paech. Um 5.10 Uhr sei durch Lautsprecher bekanntgegeben worden: „Die Israelis haben das Schiff übernommen, es ist aus.“

Von dem Geschehen an Deck konnten die beiden Abgeordneten Annette Groth und Inge Höger nichts sehen. Ab Beginn der Kämpfe waren sie in einem weiter unten liegenden Deck eingeschlossen, da es auf dem unter türkischer Flagge laufenden Schiff ein Deck für Frauen und eines für Männer gab. „Wer uns eingeschlossen hat, wissen wir nicht. Vielleicht hatten unsere eigenen Besatzungsmitglieder zu unserem Schutz abgeschlossen oder aber es waren die Israelis“, sagt Inge Höger.

Die Kämpfe auf dem Oberdeck habe er selbst nicht beobachten können, sagt Paech. Er habe nur Zugang zum Unterdeck gehabt, der andere Bereich sei gesperrt gewesen. Erst später habe er erfahren, dass die israelischen Soldaten sich von Hubschraubern abseilten. „Deswegen ist es wohl auch möglich gewesen, dass einzelne israelische Soldaten runtergebracht wurden“, sagt Paech.

Zu der in den Medien heiß diskutierten Frage, ob die israelischen Soldaten von Besatzungsmitgliedern angegriffen worden seien, sagt Paech Folgendes:

„Wir waren über 500 Zivilisten, eine Delegation aus dreißig Nationen, darunter Personen des öffentlichen Lebens, Parlamentsabgeordnete, Friedensnobelpreisträgerinnen und Schriftsteller. Wir haben von Anfang an gesagt und auch unterschrieben: Wir wollen keine Gewalt, wir sind eine friedliche Mission und transportieren ausschließlich zivile Güter. Wir wollten auf die Abriegelung des Gazastreifens durch Israel und die seit Jahrzehnten von der internationalen Staatengemeinschaft tolerierte menschliche Tragödie aufmerksam machen. Wir wollten den eingeschlossenen Palästinensern und Palästinenserinnen Hoffnung geben. Wir hatten damit gerechnet, dass die Israelis unser Boot abdrängen, umleiten, aber nicht, dass das israelische Militär uns so brutal überfällt.“

Weiter sagt Paech: „Es hieß, Passagiere haben versucht die Soldaten zu entwaffnen, als sie sich einzeln abgeseilt haben, dabei sind wohl Stöcke eingesetzt worden. Dagegen ist auch juristisch gar nichts zu sagen. Und das möchte ich nochmal betonen: Dies war ein absolut rechtswidriger Angriff auf eine friedliche Mission in internationalen Gewässern, gegen den man sich sogar mit den Mitteln, mit denen man angegriffen worden ist, hätte verteidigen können. Die türkische Marine hätte nach internationalem Recht sogar die Möglichkeit gehabt, ein Kriegsschiff zu entsenden, um diesem türkischen Schiff zu Hilfe zu eilen. Als wir später zurück in die Kabinen kamen, hatten israelische Soldaten alle Koffer aufgeschlitzt und alles durchwühlt, aber offensichtlich keinerlei Waffen gefunden. Von Selbstverteidigung der Israelis hier zu sprechen, ist wirklich ein Hohn. Die Blockade des Gazastreifens ist rechtswidrig. Sie wird von niemandem juristisch anerkannt, obwohl leider keine Regierung etwas dagegen macht. Das ist der Ausgangspunkt. Und jeder ist berechtigt, mit humanitären Gütern, so wie wir, zivil und gewaltfrei dort hinzufahren, er darf nicht davon abgehalten werden. Wenn das aber doch passiert, dann sind die im Unrecht, die das tun. Und das war hier nun ein ganz unverhältnismäßiger, grober Akt der Piraterie mit anschließender Entführung.

Nachdem die Israelis das Kommando übernommen hätten, seien er und seine Begleiter aufgefordert worden, sich auf ihre Plätze zu setzen und sich nicht zu bewegen. Norman Paech: „Die Bilder von Soldaten in Afghanistan und im Irak sind ja bekannt. So waren auch die israelischen Soldaten ausgerüstet: Maskiert, mit ungeheuren Gewehren und hochspezialisiertem militärischen Gerät“. Einzelne Gefangene seien nach circa einer Stunde herausgerufen worden. „Dann wurden wir alle gefilzt, alles wurde weggenommen“, sagt Paech. Alle Passagiere seien mit Kabelbindern an den Händen gefesselt worden. Nach einiger Zeit seien vor allem europäischen Passagieren die Fessel abgenommen oder gelockert worden. Die palästinensischen Passagiere und die türkische Besatzung blieben gefesselt. Nach einer Weile habe man ihn dann wohl wegen seines Alters bei den Frauen auf einer Bank niedersetzen lassen.

Annette Groth sagt: „Ich musste meine Bauchtasche öffnen, zeigte meinen Diplomatenpass. Mein Bleistift und mein Kuli wurden auf den Boden geschmissen, alles andere (Portemonnaie, MP3-Player, Diplomatenpass) konnte ich behalten. Mir wurden auf dem Rücken mit Kabelbinder meine Hände gefesselt, ich durfte auf einer Bank Platz nehmen. Ca. 10 Min. später wurden die Kabelbinder durchschnitten. Zweimal habe ich den MP3-Player benutzt, hörte Musik, um mich zu abzulenken. Ein älterer Mann, gegenüber auf der Bank, wollte zum WC. Es wurde nicht erlaubt, er hat mehrmals darum gebeten. Ich habe das auch einem Soldaten gesagt, dass er den Mann doch gehen lassen soll. Antwort: No. Später hat der Mann in seine Hose uriniert. Bei einigen Männern wurden Kabelbinder gelockert oder sogar weggenommen, nachdem Frauen insbesondere auf Schmerzen durch die Kabelbinder hingewiesen haben. Beim 3. Mal, als ich meinen MP3-Player benutzen wollte, ist er mir von einem Soldaten in schwarzer Uniform weggenommen worden.“

Inge Höger sagt: „Während des ganzen Vormittags landeten und starteten Hubschrauber mit großem Lärm auf dem Oberdeck. Wir konnten nur vermuten, dass Verletzte abtransportiert wurden. Es kamen aber auch immer neue Soldaten aufs Schiff, die dann in die unteren Decks rannten. Andere haben uns die ganze Zeit mit Maschinenpistolen im Anschlag bewacht. Ca. um 13 Uhr durften wir dann wieder in den Raum auf Deck 2, um uns mit dem dort gelagerten Vorräten an Essen und Trinken zu versorgen. Bis dahin gab es nichts zu Essen und nur auf Protest ein wenig Wasser. Auch hier wieder haben die Soldaten uns bewacht, in voller Ausrüstung und mit Finger am Abzug. Auch beim Gang auf die Toilette kam immer ein Soldat mit. Auf Deck konnten wir nun sehen, wie mit dem Gepäck umgegangen worden war. Koffer waren aufgeschnitten, der Inhalt verschüttet und alles in einer Ecke durcheinander geworfen.“

Die Schiffe und die Passagiere wurden gekidnapped und nach Israel verschleppt. Den Hafen von Ashdod erreichten sie gegen 19 Uhr. Gegen 19.30 Uhr durften die ersten Passagiere von Bord. „Gegen 20.30 Uhr ging ich zu einem Soldaten und sagte ihm, dass ich Kontakt mit unserem Konsulat haben möchte und dass ich Abgeordnete bin“, sagt Annette Groth. Als nach einer halben Stunde immer noch nichts passiert sei, habe sie erneut Kontakt zu dem Soldaten gesucht.

Danach habe man sie aufgefordert, ein Papier zu unterzeichnen, in dem sie ihrer Deportation zustimmten. „Wer das nicht unterschreiben wollte, der hörte, man könne gleich in den Knast gehen“, sagt Annette Groth. „Ich sagte aber, wir fliegen nur zurück nach Deutschland, wenn unsere Begleiter Norman Paech, Matthias Jochheim und Nader el Sakka, die ja keinen Schutz als Abgeordnete hatten, mit uns kommen.“. Dieser Forderung habe man dann von israelischer Seite stattgegeben. Wenig später sei man dann zusammen mit den drei Männern von Tel Aviv nach Berlin geflogen. Allerdings wurde ihnen alles bis auf ihren Pass, die Hose und das T-Shirt, das sie trugen, abgenommen. Norman Paech dazu: „Wir sind im Grunde unter die Räuber gefallen.“ Inge Höger betonte, es sei äußerst wichtig, nun auf die Freilassung der restlichen Passagiere zu drängen. Denn diese wurden in ein Gefängnis gebracht, der Verbleib einiger Passagiere ist bis heute nicht klar. Insbesondere arabische Passagiere des Bootes sind gefährdet, für längere Zeit und unter Gewaltanwendung in israelische Gefängnissen festgehalten zu werden. Der Presse wurde verboten, die Bedingungen in den Gefängnissen zu dokumentieren. Annette Groth betonte: „Wir sind in absoluter Solidarität mit unseren Freundinnen und Freunden, die noch in Israel im Knast sind.“

linksfraktion.de, 1. Juni 2010