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»Deutschland ist kriegerisch geworden«

Im Wortlaut von Steffen Bockhahn,

Von Steffen Bockhahn

Ich hatte einen freien Tag und war endlich mal zu Hause in Rostock auf meiner Couch angekommen. Hinter mir lagen einige anstrengende Tage in meinem Job als Nachrichtenredakteur und –sprecher bei einem Radiosender. Um ein wenig zu entspannen, hatte ich den Fernseher angeschaltet. Plötzlich unterbrach die ARD das Programm, und Claus-Erich Boetzkes meldete sich mit einer Extra-Sendung der Tagesschau zu Wort. Ich ließ natürlich den Fernseher nicht mehr aus den Augen und versuchte via Internet noch mehr Informationen zu bekommen. Gegen 17 Uhr habe ich mich in der Redaktion gemeldet und nachgefragt, ob meine Hilfe gebraucht wird. Knapp zwei Stunden später war ich dort und inmitten schockierter Kollegen. Es war unheimlich, und ganz oft machte schon an dem Abend das Wort Krieg die Runde. Viel Zeit hatte ich für diese Debatten nicht, da ich für den Morgen des 12. September in die Frühschicht eingeteilt wurde. Alle 15 Minuten sollte ich auf Sendung gehen, da war einiges an Vorbereitungen nötig.

Parallel zur Arbeit am kommenden Tag begann ich, mehr und mehr das kollektive Trauern wahrzunehmen. Das war mir lange nicht aufgefallen, da Zeit zum Innehalten noch nicht gegeben war. Erst am Mittag kam ich dann etwas zu mir, und die Fassungslosigkeit über diese kaltherzige und alles Leben verachtende Grausamkeit übermannte mich. In meinem Lieblingscomputerspiel SimCity kann man Katastrophen passieren lassen. Mal kommt Godzilla, mal bricht ein Feuer aus. Auch Flugzeugabstürze kann man 'bestellen'. Das habe ich seit dem nicht mehr getan.

Seit 32 Jahren gibt es mich auf dieser Welt, und mein Leben lässt sich ganz gut in drei gleiche Teile trennen. Im ersten habe ich Frieden erlebt und die immer wiederkehrende Botschaft, dass der Frieden das Wichtigste auf Erden ist. Das Wort hatte immer einen sehr positiven Klang für mich, war nicht abgedroschen. Im zweiten Drittel begann sich das leider schon zu ändern. Immer mehr Krieg und immer öfter die Debatten, ob Deutschland dabei sein sollte. Um so klarer wurde meine Entscheidung, mich der Bundeswehr zu verweigern und radikal antimilitaristisch zu werden. Nun im dritten Drittel ist Krieg zur Normalität geworden. Deutschland führt wieder Krieg. Eine offizielle Ursache dafür ist auch der 11. September 2001. Wer heute noch Frieden sagt, wird schon schief angeguckt. Ergänzt man dann noch, dass Frieden viel mehr als die Abwesenheit von Krieg ist, fühlen sich viele schon fast belästigt. Ich finde das schlimm. Frieden gehört für mich zu den wichtigsten Dingen überhaupt.

In absehbarer Zeit kann mein Leben ganz gut in Viertel eingeteilt werden. Welch eine schöne Vorstellung, dass ich dann das vierte Viertel als eines sehen kann, in dem Frieden wieder ein positiv empfundener Begriff und am besten sogar Realität ist. Eines, in dem Deutschland sich nicht weiter an Kriegen beteiligt und die Bundeswehr, wenn es sie überhaupt noch gibt, wirklich nur der Landesverteidigung dient, nicht Angriffskriege führt und unterstützt.

Deutschland hat sich schon mit dem Einsatz auf dem Balkan vom Frieden verabschiedet. Doch der 11. September 2001 hat dazu geführt, dass es Argumente gab, die für eine Mehrheit im Bundestag und anfänglich oft auch in der Bevölkerung reichten, um Krieg zu führen. Neben den vielen Toten, die diese Terroranschläge selbst forderten, sind noch viele mehr an den Kriegen gestorben, die danach kamen. Deutschland ist kriegerisch geworden. Auch dafür verachte ich die Beteiligten der Attentate.

linksfraktion.de, 8. Spetember 2011