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Deutsche Schuld gegenüber Griechenland annehmen

Nachricht von Wolfgang Gehrcke, Ulla Jelpke,

Argyrios Sfountouris, der als damals Vierjähriger (Foto hinter ihm) das Massaker von Distomo überlebt, spricht am 27. April 2015 auf der Gedenkveranstaltung anlässlich der Besetzung Athens am 27. April 1941 durch die deutsche Wehrmacht

 

Margret Geitner, Referentin für Außenpolitik, berichtet von der dreitägigen Reise der Abgeordneten Wolfgang Gehrcke und Ulla Jelpke in die griechische Hauptstadt Athen, von beeindruckenden, berührenden und bewegenden Begegnungen, von historischer Erinnerung und von Wiedergutmachung

 

Am 27. April jährte sich der Jahrestag der Besetzung Athens durch die Nazis. Auf einer Gedenkveranstaltung erinnerte die griechische Regierung an diesen Tag an die Schrecken, die Gewalt und den Terror der Deutschen und ehrte die griechischen antifaschistischen Kämpferinnen und Kämpfer. Auf Einladung der griechischen Regierung reisten zu diesem Anlass auch die beiden Abgeordneten Wolfgang Gehrcke und Ulla Jelpke nach Athen.

Auf der bewegenden Gedenkfeier sprachen neben dem griechischen Verteidigungsminister Panos Kammenos, dem stellvertretende Verteidigungsminister Kostas Isychos, der Parlamentspräsidentin und Vorsitzenden des interfraktionellen parlamentarischen Ausschusses für die griechischen Entschädigungsforderungen, Zoi Konstantopoulou, und weiteren auch Wolfgang Gehrcke. Er bedankte sich im Namen der LINKEN bei den griechischen Antifaschistinnen und Antifaschisten, die mit ihrem Kampf Griechenland befreiten – aber auch Deutschland. Und er forderte die Deutschen dazu auf, sich endlich wahrhaftig der deutschen Schuld zu stellen und diese anzunehmen.

Den allergrößten Dank richteten die verschiedenen Rednerinnen und Redner an all die mittlerweile hochbetagten Kämpferinnen und Kämpfer, die an diesem Abend noch dabei sein konnten – und an Argyrios Sfountouris, der als damals Vierjähriger das Massaker von Distomo überlebt hatte. Er ist die lebendige Geschichte unseres Landes, sagte der Verteidigungsminister. In einer bewegenden Rede sprach Sfountouris selbst über all die Demütigungen, die Deutschland ihm auch nach Kriegsende zugefügt hat. Noch 1996 schrieb die deutsche Bundesregierung ihm als Antwort auf seine Forderung nach Entschädigung, dass das Massaker von Distomo eine „Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung“ gewesen sei, weshalb ihm auch keine Entschädigung zustehe. Am 10. Juni 1944 tötete eine SS-Einheit dort 218 Menschen - unter ihnen dutzende Kinder, die jünger waren als 14 Jahre.

An diesem Abend, wie auch bei den verschiedenen anderen Gesprächen der beiden Abgeordneten ging es natürlich immer wieder um die deutsche Schuld - die moralische, politische und finanzielle, die immer noch nicht bezahlt ist. Auch mit dem Generalsekretär von Alexis Tsipras wurde darüber beraten, unter anderem darüber, dass DIE LINKE drei Anträge (Drs. 18/4753, Drs. 18/4754, Drs. 18/4755) in den Deutschen Bundestag einbringen wird und darin die griechischen Forderungen nach Entschädigung der Kriegsverbrechen und –zerstörungen und Rückzahlung des Zwangskredits unterstützt. Allererste Forderung der griechischen Seite ist aktuell, dass Deutschland endlich anerkennt, dass es etwas gibt, worüber verhandelt werden muss. Es muss endlich Schluss sein mit dem Abwiegeln durch die deutschen Regierungsvertreter, forderte auch Ulla Jelpke, die schon seit vielen Jahren die Forderungen nach Entschädigungen für die Nazi-Verbrechen unterstützt.

Wir hatten das Glück hatten, gemeinsam mit Minister Isychos ein beeindruckendes Projekt besichtigen zu dürfen. Dokumente der deutschen Nazis - mehr als 400.000 Seiten Original-Briefe und Berichte von Wehrmacht und SS über die Gräuel, die sie in Griechenland anrichteten - werden aktuell im militärhistorischen Forschungsinstitut in Athen gesichtet, digitalisiert und bearbeitet. Erschütternde Details treten darin zutage. Die griechische Seite lädt Studierende und andere Interessierte auch aus Deutschland ein, diese gemeinsam zu sichten. Dem liegt die Absicht zugrunde, gemeinsamen für ein Europa der Demokratie und des Antifaschismus zu streiten.

Diese Erinnerungen müssen an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Es ist die historische, politische und moralische Pflicht von uns allen, sie zu bewahren, „und zwar nicht um Misstrauen und Hass zwischen unseren Völkern zu schüren, sondern um sich immer vor Augen zu halten, wie das Gesicht des Nationalsozialismus, wie das Gesicht des Faschismus aussieht. Damit wir uns jederzeit vor Augen halten, dass anstelle von Überlegenheitswahn und der Selbstwahrnehmung als auserkorene Schicksalsgemeinschaft, die Beziehungen der Völker zueinander von Solidarität, Freundschaft, Zusammenarbeit und Dialog geprägt sein sollten“, so hatte es jüngst Alexis Tsipras selbst formuliert.

Nikos Pappas, enger Vertrauter von Tsipras, dessen Vater zu den Mitbegründern der Europäischen Linken gehört, sprach die Bitte aus, überall in Europa noch intensiver öffentlich zu machen, unter welchen irrsinnigen Druck die zarte Pflanze der SYRIZA-Regierung gegenwärtig insbesondere durch Schäuble und Merkel steht. Auch die Ministerin für Migration, Tassia Christodoulopoulou, erklärte bei einem Gespräch, wie schwer es sei, eine andere progressive Flüchtlingspolitik in einem so hoch verschuldeten Land umzusetzen, wenn zudem die meisten anderen EU-Länder jegliche Änderung immer wieder boykottieren. So hatte etwa die griechische Regierung beabsichtigt, alle geschlossenen Lager, also alle Internierungen von Flüchtlingen, abzuschaffen. Würden sie dies machen, so die Drohung der EU, müssten sie die dafür gezahlten EU-Gelder wieder zurückzahlen, denn diese seien für Mauern und Zäune gezahlt und nicht für die offene Unterbringung.

„Wie sich die Zeiten ändern“, so empfing der Außenminister Nikos Kotzias die beiden Abgeordneten. Eine lange Freundschaft verbindet Kotzias und Gehrcke. Damit die Änderungen in Griechenland weitergehen können, damit SYRIZA seine vielen beeindruckenden Ideen und Projekte umsetzen kann, benötigt das Land, seine Menschen und die neue Regierung Zeit und Luft zum Atmen und nicht immer neue Erpressungen. Damit das passiert, muss sich viel ändern – in Deutschland. Kämpfen wir gemeinsam dafür.