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Foto: Dennis Echtermann Photography
Foto: Dennis Echtermann Photography

Der Sportprofi und Politiker

Im Wortlaut, clara,

Die Stadt Iserlohn im Sauerland bezahlt allen Erstklässlern die Mitgliedschaft in einem Sportverein. Den Vorschlag hatte die Fraktion DIE LINKE im Stadtrat eingebracht, und er wurde einstimmig angenommen. In der neuesten Ausgabe des Fraktionsmagazins clara, die am 11. Juni erscheint, spricht darüber Oliver Ruhnert, Fraktionschef der LINKEN im Stadtrat Iserlohn, im Interview, das wir hier vorab veröffentlichen.

 

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist zu dick, sagen Fachleute. Auf Ihre Initiative hin haben alle Fraktionen im Stadtrat jetzt dafür gestimmt, dass Iserlohn ein Jahr lang für jedes Kind, das eingeschult wird, die Mitgliedschaft in einem Sportverein bezahlt. Wie kam es zu dieser einhelligen Zustimmung?
Oliver Ruhnert: Der Antrag zeigt, dass alle Fraktionen verstanden haben, dass in Zeiten von Ganztagsschulen und Bewegungsmangel dies ein sehr sinnvolles Mittel sein kann, den Sportvereinen Nachwuchs zuzuführen und die Kinder weg vom Computer in Bewegung zu bringen. Vorbild war ein ähnliches Vorgehen in Duisburg und ein Bericht über die zunehmende Fettleibigkeit bei Schulkindern.

Was kostet das die Stadt Iserlohn?
Maximal 45.000 Euro. In Iserlohn werden nach den Sommerferien etwa 750 Kinder in die Grundschule kommen. Wir hoffen, dass zu Projektbeginn rund 25 Prozent der Kinder von diesem Angebot Gebrauch machen. Das wäre eine schöne Sache und würde mich sehr freuen.

Übertragen auf Berlin würden sich bei zuletzt 32.000 Erstklässlern die Kosten auf knapp 2 Millionen Euro belaufen. Eine Summe, die die S-Bahn monatlich für Leerfahrten zum nicht eröffneten Flughafen BER ausgibt.
Da wäre das Geld bei den Kindern und Vereinen sicherlich besser angelegt (lacht). Aber nein, im Ernst: Die Integration von Kindern in den Vereinen bedeutet besseres Sozialverhalten, gemeinsame Werte und körperliches Engagement. Vereine leisten Sozialarbeit und eine richtig gute Gesundheitsvorsorge. Deshalb ist jeder hier investierte Cent sinnvoll angelegt.

Was sagen die Vereine zu Ihrem Vorschlag?
Das Feedback aller ist unglaublich positiv. DIE LINKE ist in Iserlohn ohnehin gut angesehen. Das haben wir uns vor Ort erarbeitet. Der Beschluss jetzt bestätigt unsere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Zumal jedes Kind willkommen ist. Alle Regeln gelten für alle, die Kinder lernen mit Erfolg und Misserfolg umzugehen. Mannschaftssport ist einfach ideal, auch um Verhaltensweisen außerhalb des Sportplatzes zu erlernen und zu verinnerlichen.

Die 90.000 Sportvereine in Deutschland leisten – überwiegend ehrenamtlich – Großartiges. Sie selbst kommen viel herum auf den Sportplätzen des Landes. Wo drückt bei den Vereinen am meisten der Schuh? Was muss die neue Bundesregierung in Angriff nehmen?
Seit vielen Jahren arbeite ich neben meiner beruflichen Tätigkeit auch in meinem Heimatfußballverein mit. In den Kommunen fehlt es oft an den notwendigen Mitteln, die Sportstätten in Betrieb zu halten. Hier ist die Instandhaltung dringend notwendig. Damit meine ich auch den Erhalt von Bolzplätzen und Freizeitsportanlagen. Zuschüsse für Übungsleiter und Ehrenämter sollten steuerlich weiter entlastet und damit diese so wertvollen Tätigkeiten zusätzlich gefördert werden. Damit könnte man schon einiges in den Vereinen erreichen und die Amateure unterstützen.

Wie sind Sie eigentlich zum Profifußball gekommen und ein sogenannter Kaderfinder geworden?
Ich habe das große Glück gehabt, mein Hobby zum Beruf machen zu können. Schon während meiner Studienzeit habe ich immer im höchsten Jugend- und Amateurbereich Teams trainiert, und das lief sehr erfolgreich. Anscheinend ist man so auf mich aufmerksam geworden, und ich bekam 2007 das Angebot aus Gelsenkirchen. Dort habe ich dann als Nachwuchssichter begonnen. Im Jahr 2012 bin ich zum Leiter, später zum Nachwuchsdirektor aufgestiegen.

Wie kommt man als Linker mit dem Profifußball in der Bundesliga zurecht, bei dem es ja zum Teil um astronomisch hohe Ablösesummen und Gagen geht?
Ich liebe Sport – und Fußball im speziellen. So wie viele Millionen Menschen in Deutschland und weltweit. Natürlich ist es teilweise unanständig, was da für Ablösen im Raum stehen, und ja, einige Spieler erhalten unfassbar viel Geld. Aber es gibt auch eine Armee von Spielern, die keineswegs solche Summen verdienen und irgendwann mit kaputten Knochen dastehen. Wichtig finde ich, dass die Top-Verdiener und die Clubs gerechte Steuern zahlen und die großen Clubs nicht den DFB beherrschen. Fußball gehört Millionen, nicht den Millionären.

Stimmt es, dass Sie den jetzigen Job beim FC Union in Berlin dem Ruf nach China vorgezogen haben?
Bei Union Berlin bin ich nun wieder zuständig im Bereich des Profikaders und versuche gemeinsam mit den anderen Verantwortlichen, eine gute Mannschaft für die nächste Saison zusammenzustellen, indem man Spieler findet, die zum Club passen und die auch Lust haben, sich für Union reinzuhauen. Angebote gab und gibt es zum Glück, und ich gebe gerne zu, dass mich auch mal ein anderes Land und eine andere Kultur reizen würden. Aber die Entscheidung pro Union habe ich keine Minute bereut.

Sie pendeln zwischen Berlin und Ihrem Zuhause, zwischen Familie und Sport. Dazu noch das politische Engagement auf kommunaler Ebene. Wie bekommen Sie das hin?
Mein Job im Fußball ist einfach traumhaft schön, auch wenn man akzeptieren muss, dass man ständig unterwegs ist und so gut wie nie ein freies Wochenende hat. Jeder in meinem Umfeld kennt das seit Jahren und weiß, dass ich das zu einhundert Prozent lebe. Klar ist man manchmal genervt, aber wer ist das in seinem Job nicht? Ich hatte ein tolles Team während meiner Zeit auf Schalke und muss sagen, dass ich von den Leuten und dem Umfeld bei Union Berlin genauso begeistert bin. Diese Traditionsvereine, die Menschen, die Fans, die diese Clubs bedingungslos leben – das ist mir Ansporn und beeindruckt mich.

Das Gespräch führte Rüdiger Göbel.

 

Oliver Ruhnert ist Sportwissenschaftler und neben seiner politischen Funktion im Stadtrat Iserlohn seit Mai 2018 Sportdirektor beim 1. FC Union Berlin.

 

 

clara,

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