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Der Nabel der Welt

Nachricht von Gregor Gysi,

15./16. Juni: Sechster und Siebenter Tag der Israel-Palästina-Reise von Gregor Gysi

Blick vom Altar der Dominus Flevit Kirche auf die Grabeskirche, den Felsendom und die dahinter liegende Klagemauer

 

Hebron ist dicht. Während die israelische Regierung eine Nachrichtensperre verhängt hat, setzen tausend Soldaten der israelischen Armee die Absperrung im Großraum von Hebron durch, wo Ende vergangener Woche zwei israelische und ein amerikanischer Jugendlicher entführt wurden. Zumindest die letztgenannte Sperre scheint zu funktionieren, was die ohnehin eingeschränkte Bewegungsfreiheit der palästinensischen Einwohnerinnen und Einwohner schmerzlich verringert. “Ich hoffe, dass die drei Jugendlichen so schnell wie möglich gesund freikommen”, twittert Gregor Gysi.

“Der Vorfall ereignete sich in der C-Zone des Westjordanlandes, in der allein Israel die Kontrolle ausübt. Kein einziger palästinensischer Polizist ist dort zugelassen. Auch dieser Vorfall zeigt: Die Besatzung muss beendet und das Siedlungsproblem gelöst werden. Als Zwischenschritt sollte Israel wenigstens Polizeistrukturen Palästinas auch in dieser Zone zulassen, um notwendige Hilfe zur Vermeidung oder Aufklärung von Verbrechen zu erhalten. Die palästinensische Behörde – so wurde mir versichert – wäre dazu bereit”, schreibt er ausführlich auf seiner Facebookseite.

Avner Gvaryahu weiß, mit welcher Entschlossenheit israelische Soldaten – und Soldatinnen – ihre Befehle umsetzen. Er war selbst einer von ihnen. Avner wollte Gregor Gysi am Sonntag eigentlich nach Hebron begleiten, um ihm das Leben der palästinensischen Einwohner unter israelischer Besatzung zu zeigen und ihn mit Siedlern zusammenzubringen. Daraus wird aus den geschilderten Gründen nichts und die beiden treffen sich in Jerusalem. Der junge Avner spricht bedächtig, die wachen Augen durchdringend auf sein Gegenüber gerichtet. Er spricht viel. Er will viel erzählen, möglichst viel rauslassen von dem, was er als Soldat wie selbstverständlich mitgemacht hat. Avner erzählt von seiner ersten Strohwitwe. Das ist der Codename dafür, wenn Soldaten für 24 Stunden das Haus einer palästinensischen Familie besetzen und zu ihrem temporären Gefechtsstand umfunktionieren. Die Bewohner werden in ein Zimmer geschlossen. Wer sich wehrt, wird gefesselt. Das Haus wird ohne Rücksicht auf Verluste durchsucht. Nachdem die 24 Stunden um sind, klopft es an der Tür und ein Kamerad teilt mit, dass man abziehen könne.

Seine erste Strohwitwe war für Avner der Moment, als er anfing, daran zu zweifeln, dass alles, was er als Soldat tut, moralisch gerechtfertigt ist. Er erzählt von weiteren ähnlichen Einsätzen und wie er von Mal zu Mal mehr an ihnen zweifelte und innerlich unter ihnen litt. Irgendwann begann er, den Kindern bei den Einsätzen Luftballons zu schenken, weil er nicht mehr ertragen konnte, dass sie sich in die Hose machten, nur weil sie ihn sahen. Avner hat sich der Organisation »Breaking the Silence« angeschlossen, in der seit zehn Jahren ehemalige Soldaten ihr Schweigen brechen, weil sie wollen, dass die Zivilgesellschaft davon erfährt, worüber die große Mehrheit der Soldaten selbst, Armee und Politik schon gar nicht sprechen. Gerade lasen prominente Künstler und Politiker zum zehnten Jahrestag zehn Stunden lang die Berichte der Soldaten auf einem Platz in Tel Aviv vor. Avners Bruder ist Soldat und gerade in Hebron im Einsatz, aber darüber sprechen wir dann nicht mehr.

Viel zu erzählen hat auch Ulrike Wohlrab. Sie lebt seit drei Jahren mit ihrem Mann in Jerusalem, ist Pfarrerin in der Altstadt und führt Gregor Gysi in eben dieser auf die Spuren der drei großen Weltreligionen. Er war schon hier, auch in der Grabeskirche. Das Grab Jesu hat er bisher nie angesehen, weil ihn die unendlich lange Besucherschlange davor abschreckte. An diesem Tag haben er und seine Begleitung Glück. Für die Prozession armenischer Mönche wird die Kirche kurzzeitig für Besucher gesperrt. Die wenigen Verbliebenen werden Augen- und insbesondere Ohrenzeugen des wunderschönen Chorgesangs der Mönche und sind danach die ersten in der sich schnell füllenden Wartereihe am Eingang zum Grab. Ein nachdenklicher Gregor Gysi verlässt die Grabeskirche – nicht ohne zum Abschied den Nabel der Welt zu berühren, der sich nach mittelalterlich christlicher Auffassung hier befand – heute ordnungsgemäß durch eine stabile Kette und eine Vorhängeschloss fixiert.

Auf dem Weg zur Grabeskirche kommen wir bei Wajeeh Nuseibeh vorbei – ihrem aktuellen Torhüter. Er schließt an jedem Tag – unter aufmerksamer Beobachtung von Touristen – die große Kirchentür auf und zu. Nachdem König Richard Löwenherz und Sultan Saladin im Jahre 1192 eine Vereinbarung schlossen, die westlichen Pilgern den Zugang zu heiligen Stätten des Christentums in Jerusalem gewährt, wurde die Familie Nuseibeh damit betraut, über den Schlüssel zur Grabeskirche zu wachen. Wajeeh bittet Gregor Gysi, den Freunden in Ramallah beste Grüße auszurichten. Ob Gregor Gysi dieser Bitte zumindest beim Gespräch mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten am nächsten Morgen nachkommt, ist im Protokoll nicht vermerkt.

Rami Hamdallah steht der neuen Einheitsregierung Palästinas vor. In dem über einstündigen Gespräch mit dem Oppositionsführer aus Deutschland sprach er über die Gründe des Scheiterns der Friedensgespräche zwischen Israel und Palästina unter Vermittlung der USA. Er erklärte, dass es seitens der israelischen Regierung keinen wirklichen Willen zur Erzielung eines Ergebnisses gegeben habe, schon weil innerhalb der Regierung zu viele Vertreter säßen, die eher eine Annexion von Teilen des Westjordanlands anstreben. Der Bruch kam, als entgegen einem früheren Versprechen bestimmte Häftlinge von Israel nicht freigelassen wurden, die länger als 20 Jahre einsitzen. Der Ministerpräsident würdigte die Hilfe durch die EU und besonders durch Deutschland, hoffte aber auf eine noch stärkere Mitwirkung beim Friedensprozess. Die palästinensische Regierung sei auch weiterhin zur Verhandlung mit Israel bereit, wenn Israel wie versprochen bestimmte Häftlinge freiließe und den Siedlungsbau stoppe. Es gäbe nur die Zweistaatenlösung, die durch den Siedlungsbau täglich mehr gefährdet würde. Avner, der junge ehemalige israelische Soldat vom Anfang, hat einen zweiten Bruder. Dass Avner die Demütigung der Palästinenser durch die israelische Besatzung ablehnt, akzeptiert der Bruder. Er ist Siedler.


linksfraktion.de, 17. Juni 2014


Willkommen im Staat von Hani Amir - Vierter und fünfter Tag der Israel-Palästina-Reise von Gregor Gysi