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Das Leben auf einen Schlag zerstört

Im Wortlaut von Christine Buchholz,

Anlässlich der Vortragsreise von Dr. Habibe Erfan, die am 28. Oktober 2010 vor dem Kundus-Untersuchungsausschuss als Zeugin ausgesagt hat, erscheint an jedem Vortragstag ein neuer Artikel unserer Abgeordneten zum Thema Afghanistan, heute von Christine Buchholz. Sie ist friedenspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE und Mitglied im Verteidigungsausschuss. Anfang des Jahres 2010 reiste sie gemeinsam mit Jan van Aken nach Afghanistan, um mehr über das SChicksal der Opfer des Bombenangriffs von Kundus zu erfahren.

Von Christine Buchholz

„Mit der Modernisierung des Landes wird sich auch die Lage der Frauen kontinuierlich verbessern. Daran wirken wir mit.“ Diese zwei kurzen Sätze fand ich im sogenannten „Fragen- und Antworten-Katalog“ der Bundesregierung zu ihrem Afghanistaneinsatz. Und auch das, was mir Soldaten in Kundus immer wieder gesagt haben: „Wir sind doch hier um die Afghanen und die Frauen zu schützen.“

In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2009 sind 91 Frauen zu Witwen geworden, Mütter haben ihre Söhne verloren, Töchter ihre Väter, Schwestern ihre Brüder, Großmütter ihre Enkel. Auf Befehl der Bundeswehr bombardierten US-Flieger Menschen, die von zwei entführten Tanklastern Benzin abzapfen wollten – aus Not, für ihren eigenen Bedarf. Viele derer, die bei diesem Angriff den Ernährer ihrer Familie verloren haben, sind nun von Almosen abhängig. Ich konnte bei meinem Besuch in Kundus mit zwei Frauen sprechen, deren Leben so auf einen Schlag zerstört wurde.

„Wäre ich nicht arm, hätten wir kein Benzin gebraucht“, sagt Bulbul, als wir uns begegnen. Sie ist klein, ihr Gesicht ist zerfurcht, ihr Blick fest. Ein Tuch liegt locker auf Bulbuls Kopf. Oben hat es ein großes Loch. Bulbul lebt in einem Haus mit ihren Kindern und Enkeln. In der Bombennacht fragen ihre kleinen Enkel sie, ob sie auch mit raus dürfen zu den Tanklastern. Dahin, wo alle hin laufen.

Sie sagt „Nein“. Sie findet, dass ihre Enkel zu klein für so ein Abenteuer sind. Sie geben aber keine Ruhe. Schließlich schleichen sie sich heimlich aus dem Haus. Ihre Großmutter merkt nichts.

Was dann geschieht, kann Bulbul nicht sagen. In den frühen Morgenstunden kommen Nachbarn aus dem Dorf und bringen ihr die Überreste ihrer Enkel. „Ich hatte wenigstens etwas, das ich beerdigen konnte. Andere hatten nicht mal das.“ Sie hat Tränen in den Augen.

Leila war schon seit drei Jahren verwitwet und hatte schon vorher zu kämpfen. Glücklicherweise haben ihr zwei Söhne, 13 und 15 Jahre alt,  viel Arbeit abgenommen. Sie haben sich darum gekümmert, dass das Feld bestellt wurde und die Kuh, die die Familie besaß, gepflegt wurde. Der eine hat das Feld bestellt, der andere hat sich um die Kuh gekümmert. Diese Arbeit machen ihre Söhne jetzt nicht mehr. Beide sind tot. Der eine der Söhne wollte Benzin holen. Sein Bruder hat ihn begleitet. Leila weiß nicht, wie es weitergehen soll. Sie muss ihre kleinen Töchter versorgen und ist jetzt auf Gaben ihrer Verwandten angewiesen. Sie sagt zu mir: „Wenn es mittags Kartoffeln gibt, gibt es abends nur Brot“.

„Mit der Modernisierung des Landes wird sich auch die Lage der Frauen kontinuierlich verbessern. Daran wirken wir mit“, schreibt die Bundesregierung. Was denken wohl die Witwen, die Mütter, die Schwestern und Großmütter aus Kundus über diese Worte?

linksfraktion.de, 01.11.2010