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Billige Kleidung auf Kosten der Näherinnnen

Im Wortlaut von Niema Movassat,

Rundreise zweier Frauen aus Bangladesch klärte über die Missstände in der Textilindustrie auf

Von Niema Movassat, Oberhausen

Verona Pooth trägt lächelnd KiK Klamotten. So tritt die Billig-Discounterkette gerne auf: Schick, prominent – und preiswert zugleich. Doch wer zahlt den Preis dafür, dass wir unsere Kleidung so billig kaufen können? Dies war die zentrale Frage einer Rundreise zweier Näherinnen aus Bangladesch.

Arifa Akter ist heute eine aktive Gewerkschafterin in Bangladesch. Früher arbeitete sie selbst jahrelang als Näherin und produzierte dabei Hemden, Jeans und T-Shirts für den europäischen Markt. Schichten von 11 bis 13 Stunden am Tag waren für sie üblich, dazu musste sie sich um die Familie kümmern, mehr als vier bis fünf Stunden Zeit zum Schlafen blieb da nicht. In viel zu engen, heißen und stickigen Räumen musste sie Akkordarbeit leisten. Die Zielvorgaben der Aufseher sind streng. Wer krank wird, muss damit rechnen, entlassen zu werden.

Arifa Akter war zusammen mit der Näherin Jessmin Begum im November auf einer Rundreise in Deutschland, die von der Kampagne für Saubere Kleidung organisiert wurde. Begleitet wurden sie von Khorshed Alam, der Arbeitsbedingungen in den Bekleidungsfabriken in Bangladesch untersucht.

Das Schlimmste für Arifa und die zehntausenden Näherinnen: Die Löhne reichen nicht zum Überleben. Der Mindestlohn lag bis Oktober 2010 bei 17 Euro, er wurde nun auf 30 Euro erhöht. Doch auch in Bangladesch braucht es mindestens 50 Euro im Monat, um die Existenz zu sichern und die Familie zu versorgen. Aber die Discounter und Kleidungsgeschäfte – in Deutschland insbesondere Lidl, Aldi, KiK, H&M – drücken die Preise der Zulieferbetriebe und damit die Löhne. Die maximalen Löhne, die sie pro Monat zahlen, liegen für langjährige, erfahrene Mitarbeiterinnen bei 35 Euro; das sind etwa 14 Cent pro Stunde. Die Discounter wollen Profite machen, die Ware möglichst preiswert anbieten – und tun dies auf dem Rücken der Arbeiterinnen.

Die Kampagne für Saubere Kleidung wollte mit der Rundreise in Deutschland das Thema ins öffentliche Bewusstsein rücken und fordert: »Rechte für Menschen, Regeln für Unternehmen«. Sie will damit auf die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen in Bangladesch hinweisen, die geprägt sind von Armutslöhnen, unbezahlten Überstunden und sexuellen Belästigungen am Arbeitsplatz.

Der Autor dieses Artikels konnte sich im April selbst in Bangladesch ein Bild von der Textilindustrie machen und mit Gewerkschaftern reden. Deren Arbeit ist alles andere als einfach, der bangladeschische Staat braucht den Textilsektor als bedeutenden Exportfaktor und hört ungerne Kritik. Einige Bosse der Textilunternehmen sitzen direkt im Parlament. Sie verhindern so eine Gesetzgebung, welche die Rechte der Arbeiterinnen schützt. Im Sommer kam es wegen dieser Verhältnisse zu Protesten der Arbeiterbewegung. Tausende Menschen forderten einen angemessenen Lohn und streikten dafür. Die Polizei ging brutal gegen sie vor. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte.

Bei der Veranstaltung in Oberhausen waren sich die Organisatoren einig: Es muss sich grundlegend etwas ändern. Ein Vertreter der katholischen Kirche sprach sich für ein anderes Wirtschaftssystem aus. Vorerst aber müsse es darum gehen, den Konsumenten bewusst zu machen, warum unsere Klamotten so billig sein können. Der Vertreter von ver.di spannte die Brücke zu den Arbeitsbedingungen in Deutschland: Wer in Bangladesch nicht bereit sei, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vernünftig zu bezahlen, der sei auch in Deutschland nicht bereit, armutsfeste Löhne zu zahlen. Das zeigt das Beispiel KiK.

Deutlich machte die Veranstaltung, dass der Weg hin zu fairen Arbeitsbedingungen noch lang ist. Die Kampagne für Saubere Kleidung will sich weiterhin dafür einsetzen, dass gesetzliche Reglungen hier in Deutschland geschaffen werden, um deutsche Unternehmen in die Pflicht nehmen: »Freiwillige Zusagen von Unternehmen haben vor Ort in den Fabriken bisher nicht viel gebracht, sondern dienen vor allem den Marketing-Zwecken hierzulande. Sie sind oft reine Schönfärberei«, so Gisela Burckhardt von der Kampagne für Saubere Kleidung. Die Rundreise legte offen, dass deutsche Unternehmen weiterhin auf Kosten der Näherinnen in Bangladesch Mode zu Billigpreisen produzieren und sich hemmungslos an der Ausbeutung von Menschen bereichern. Ein Skandal, auf den die Politik und der Konsument reagieren muss.

Neues Deutschland, 30. November 2010

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