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Foto: Flickr.com/DIE LINKE (CC BY 2.0)
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»Bildung ist der Schlüssel gegen die Besatzung in Afghanistan«

Im Wortlaut,

Heike Hänsel: Die US-Tageszeitung Washington Post hat im Dezember tausende Regierungsdokumente veröffentlicht und damit belegt, dass wechselnde US-Regierungen die Lage in Afghanistan über Jahre hinweg beschönigt haben. Hat Sie das überrascht?

Malalai Joya: Um es kurz zu sagen: Nein. Alles, was in diesen Papieren über das Leiden der afghanischen Zivilbevölkerung gesagt wird, habe ich seit 2003 immer wieder betont. Die Korruption etwa, die falsche Politik der Besatzer, ihre Verstrickung in Kriegsverbrechen. In den Washington Papers finden sich ja sogar Aussagen hochrangiger US-Beamter gegenüber dem US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau in Afghanistan, die ein Scheitern des Afghanistan-Krieges eingestehen. Auf der anderen Seite beharren US-Regierungsvertreter öffentlich auf der gegenteiligen Position, sie sagen, der Afghanistan-Krieg sei ein großer Erfolg. US-Präsident Donald Trump hat diese These bei einem Truppenbesuch in der US-Basis Bagram vor wenigen Wochen wiederholt. Nachdem er abreiste, wurde eben diese Basis Ziel eines Angriffs.

Welchen Effekt hat diese Täuschung der Öffentlichkeit?

Die Situation Afghanistans gleicht in dieser Hinsicht immer mehr der Lage während des Vietnam-Krieges, des längsten Krieges in der US-Geschichte. 1971 besaß Daniel Ellsberg den Mut, die falsche Politik der US-Regierung öffentlich zu machen. Das schlug sich damals durchaus positiv in einem Erstarken der Friedensbewegung nieder. Darauf hoffen wir heute natürlich auch wieder, denn wir fürchten, dass die Welt Afghanistan vergessen will, wie das schon zu Zeiten der Taliban-Herrschaft geschehen ist. Unsere große Hoffnung ist also, dass die Menschen im Westen gegen die falsche Politik ihrer Regierungen aufstehen. Denn eines sollte ihnen klar sein: Wenn die Taliban-Terroristen heute in Afghanistan nicht konsequent bekämpft werden, dann werden ihnen morgen Menschen im Westen zum Opfer fallen.

Weist die Enthüllung der Washington Post nicht auf ein grundlegendes Problem hin: dass im Westen über die wirkliche Lage in Ihrem Land kaum etwas bekannt ist? Dass die kriegführenden Staaten die Deutungshoheit haben?

Natürlich, denn nach 18 Jahren des sogenannten Krieges gegen den Terrorismus und der angeblichen Befreiung der afghanischen Frauen durch die USA und die Nato, nachdem Abermilliarden US-Dollar in diesen Krieg geflossen sind, findet sich unser Land noch immer auf den führenden Plätzen in Sachen Korruption, Analphabetismus, Menschenrechtsverletzungen, Frauenunterdrückung, Unsicherheit und so fort. Wir führen alle diese Statistiken mit an. Die Besatzung hat die Probleme und das Leid nur vergrößert. Wer heute in Afghanistan sein Haus verlässt, weiß nicht, ob er wieder gesund oder lebendig zurückkehren wird. Selbstmordattacken sind an der Tagesordnung. Wenn Sie in die Krankenhäuser gehen, sehen Sie überfüllte Stationen. Und wenn Sie mit den Menschen reden, werden Sie feststellen, dass nur Hersteller von Särgen gute Geschäfte machen.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 18 Jahren Krieg?

Der sogenannte Krieg gegen den Terrorismus sollte in „Krieg gegen unschuldige Menschen in Afghanistan“ umbenannt werden. Sehen Sie, vor 2001 haben wir in Afghanistan einen Feind gehabt: die Taliban. Heute sehen wir uns den Taliban gegenüber, Warlords, den Besatzungsmächten und nun auch noch dem sogenannten Islamischen Staat. Wenn die Besatzer Afghanistan verlassen, haben wir einen Gegner weniger und können uns dem Kampf gegen die Übrigen widmen.

Millionen Menschen fliehen heute vor den verschiedenen Formen der Rechtlosigkeit, Unsicherheit, Korruption und Arbeitslosigkeit. Diese Flüchtlingswelle ist ein klarer Beleg für die schlimme wirtschaftliche, soziale und politische Situation des Landes. In den westlichen Staaten, in die sie sich flüchten, erleben sie erneut Diskriminierung unterschiedlicher Art. Wenn Sie zurückkehren haben sie zwei Möglichkeiten: Sie können sich den Terroristen anschließen – tatsächlich haben wir heute amerikanische, chinesische, russische, pakistanische, indische oder andere Taliban, die in ihren Ländern unter armen, arbeitslosen Menschen angeworben werden. Das sind selbst Opfer wirtschaftlicher Katastrophen, die ein Einkommen suchen. Die andere Option ist die Flucht in Drogen. Nach Angaben der korrupten und undemokratischen Regierung sind 3,5 Millionen Menschen drogenabhängig. Aber die wirkliche Zahl ist viel höher. In den Straßen von Kabul sieht man, dass die meisten Drogenopfer Kinder sind. Auch in diesem traurigen Bereich führt Afghanistan die Statistiken an. Alle diese Krisen, Probleme und Katastrophen gehen im Kern auf die falsche Politik der westlichen Regierungen und der Extremisten in der Regierung zurück.

Haben die jüngsten Wahlprozesse daran etwas ändern können?

Die letzten Präsidentschaftswahlen haben vor gut drei  Monaten stattgefunden, aber es gab bis Ende Dezember keine Ergebnisse. Unter den Kandidaten befanden sich bekannte Warlords wie der Faschist Gulbuddin Hekmatyār, der – ebenso wie die Taliban – im Zuge des sogenannten Friedens- und Versöhnungsprozesses Amnestie erhalten hat. Die Menschen sehen und verstehen das, ebenso wie bei den vergangenen Wahlen, als (der damalige US-Außenminister) John Kerry nach Afghanistan kam, um eine Vereinbarung zwischen einem Warlord wie Abudllah Abdullah und einem Technokraten wie Aschraf Ghani auszuhandeln, einer Marionette der USA. Die Menschen habe diese Doppelspitze als Schlange mit zwei Köpfen bezeichnet. Und nun haben wir in den USA den Rassisten Donald Trump, der womöglich eine Schlange mit noch mehr Köpfen schafft. Auf jeden Fall ist mit Ghani ein Mann des Weißen Hauses inthronisiert worden. Und deswegen haben Millionen Afghanen diese Wahl boykottiert.

Mehr als 32 000 Tote Zivilisten und mehr als 60 000 Verletzte in den vergangenen zehn Jahren sind von der UN festgestellt worden. Wie lässt sich die Gewaltspirale durchbrechen?

Indem dieses Katz-und-Maus-Spiel mit den Terroristen beendet wird. Sehen Sie sich nur die immer wieder vorkommenden Selbstmordattacken in Regierungseinrichtungen an. Das Problem ist, dass die gesamte Regierung und die Sicherheitsapparate von Informanten der Terroristen durchsetzt sind. Nur so können immer wieder Anschläge in Hochsicherheitsbereichen stattfinden. Es ist allgemein bekannt, wer die Kontaktleute der Warlords sind, es wird aber nichts unternommen.

Die deutsche Regierung drängt auf eine Fortführung des Afghanistan-Einsatzes. Wie sehen Sie das?

Wir wollen, dass die ausländischen Truppen Afghanistan verlassen. Wir haben doch seit 2001 sehen und erleben müssen, wie die westlichen Regierungen die Menschen in Afghanistan betrogen haben. Unter ihrem Einfluss wurden die Taliban durch fundamentalistische Warlords ersetzt, die einen Bürgerkrieg angezettelt  haben. Die westlichen Truppen sollten Afghanistan besser heute als morgen verlassen. Die Besetzung hat mehr Risiken für die Menschen gebracht, die Warlords sind mächtiger geworden, die Opferzahlen sind gestiegen, auch aufgrund von Angriffen der Besatzungstruppen. Sie haben Bomben eingesetzt, die den Boden und die Umwelt nachhaltig vergiftet haben, sie haben Clusterbomben eingesetzt und auf die Leichen von Afghanen gepinkelt. Zuletzt wurden mehrere Terroristen im Austausch gegen zwei Gefangene – einen Australier und einen US-Amerikaner – freigelassen. Das sind Entscheidungen der Besetzer, die das Desaster in Afghanistan nur vergrößern, weil sich die freigelassenen Terroristen, unter ihnen die Faschisten Anas Haqqani und Sirajuddin Haqqani, wieder ihren Strukturen anschließen werden.

Was also tun?

In meinen Gesprächen mit progressiven Kräften, darunter der LINKEN, betone ich immer wieder die Notwendigkeit von Bildungsarbeit. Ich glaube wirklich, dass die Bildung der Menschen ein Schlüsselaspekt im Kampf gegen Fundamentalismus und die Besatzung ist. Ich habe also eine Kampagne gestartet, um Mittel für Schulen und Bildungsprogramme zu sammeln. Das ist auch nötig, weil die Regierung hunderte Schulen geschlossen hat und behauptet, es gäbe keine Gelder mehr zum Unterhalt. Wenn die Menschen ungebildet bleiben, ist es für die Besatzer und ihre Marionettenregime einfacher, sie zu kontrollieren.