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Ausstellungstipp: »Ohne Mut geht hier nichts!«

Kolumne,

Queeres Leben im ländlichen Raum? Eine Wanderausstellung in Potsdam erzählt davon.

Anders sein, anders fühlen, im fremden Körper stecken: Das zu bemerken, es dann auch zuzulassen und sich am Ende zu outen, ist für jeden und jede ein sehr individueller Weg. Manchmal sogar ein sehr langer, einer mit vielen Hürden. Wer in einer großen Stadt wohnt, Beratungsstellen und Gleichgesinnte vor Ort findet, ist dabei noch gut dran. Aber im ländlichen Raum? Dort lesbisch, schwul oder trans* sein? In einer kleinen Stadt oder gar auf dem Dorf lebend? An Orten, wo sich Klischees, Vorurteile und Anfeindungen einfach länger halten, weil das Thema Queer in der Tabuzone bleibt? Schwierig und doch möglich. Das jedenfalls bebildert und erzählt die Ausstellung »Ohne Mut geht hier nichts – lesbisch, schwul und trans* in Brandenburg – gestern und heute«. Sie ist großartig, berührend und erstaunlich. Zusammengestellt wurden die Geschichten über Frauen, Männer und Transsexuelle, die sich früh zu ihrem queeren Leben bekannt haben, vom  Institut für Soziale Arbeit der BTU Cottbus-Senftenberg, des Vereins Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern und der Amadeu Antonio Stiftung. Die Spurensuche beginnt früh. 

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, im Kaiserreich. Männliche Homosexualität stand da unter Strafe, wurde als krankhaft und pervers stigmatisiert. Und doch gab es erste Anfänge. Magnus Hirschfeld gründete das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee. Die erste weltweite Organisation, die sich für die Rechte homosexueller Menschen einsetzte. Lesbische Frauen allerdings wurden damals kaum bis gar nicht beteiligt. Einfach nicht gesehen. Und ab 1900 entwickelte sich dann nach und nach eine selbstbewusste lesbische, schwule und transvestitische Identität. Mit der Weimarer Republik schien sogar die Abschaffung des Paragraphen 175 möglich. Anders, bunt und mutig – ja in den Großstädten, besonders im quirligen Berlin. In der Provinz blieb schwul und lesbisch ein Makel. Und doch gründeten sich erste Ortsgruppen. Gab es Mutige, die zusammenlebten, die sich zusammen zeigten, die für Aufklärung und eine andere Offenheit standen. Das war schlagartig vorbei mit der Nazizeit. Die Forschung heute spricht von 50.000 queeren Menschen, die im Zuchthaus oder im Gefängnis landeten. Ihre einziges Vergehen: ihre Sexualität. Eingesperrt in Konzentrationslagern und gekennzeichnet mit dem rosa Winkel waren bis zu 15.000 Frauen und Männer. Häufig reichte allein die Behauptung für eine Deportation aus. 

Die Kuratoren schlagen  einen geschichtlichen Bogen vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, dem Faschismus, den beiden geteilten Deutschländern bis in die heutige Zeit hinein. Es gibt Zahlen und Fakten, und es gibt wunderbar viele persönliche Geschichten. Die Betroffenen von damals bekommen ein Gesicht, ihren Namen und ihre Lebensgeschichte zurück. Sie lebten zwischen Rüdersdorf, Forst und der Lausitz. Und es gibt die Geschichten von jetzt, hier und heute. Wie lebt es sich im Land Brandenburg als schwul, lesbisch oder trans*? Wie organisieren sich Lesben, Schwule und trans* Menschen gegenwärtig? Wie steht es um Anlaufstellen und Begegnungsräume? Jon Wilke, gerademal 33 Jahre alt, zuhause in Forst erinnert sich: »Ich hatte meine ganze Kindheit und Jugend das Gefühl, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der so fühlt.« Als Mädchen geboren, fühlte er sich nie wohl in seiner Haut. Er erzählt seine Geschichte mit großem Porträt innerhalb der Ausstellung, weil er »nicht möchte, dass es anderen so ergeht«.  Seine und alle anderen Schilderungen erzählen vom alltäglichen Mut und von Überlebensstrategien zwischen gestern und heute. Nachdem die Ausstellung in der Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam im März gerade eröffnet hatte, musste sie unmittelbar danach wegen Corona wieder schließen. Das ist vorbei. Gottseidank. Seit dem 11. Mai und noch bis Mitte August kann diese Wanderausstellung wieder besucht werden. Es lohnt sich. 

Gisela Zimmer