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Aus dem Leben einer Alleinerziehenden

Im Wortlaut,

Nach dem Ende meiner Ehe im Jahr 1992 waren meine Söhne vier und zwei Jahre alt. Zu der Zeit hatte ich eine sehr gut bezahlte Tätigkeit als Assistentin der Geschäftsleitung in einem aufstrebenden Software-Unternehmen. Ich trug Verantwortung und wurde rundum geschätzt und gebraucht. Allerdings brauchten mich auch meine Söhne nach der Scheidung. Die Lösung mit einer Kinderfrau war angesichts meiner Arbeitszeiten nicht mehr tragbar. Ich suchte mir einen neuen Job, in Wohnortnähe und einer Arbeitszeit, die mit der Kindererziehung vereinbar war.

Unmittelbar vor Beginn des neuen Jobs hatte ich einen schweren Autounfall. Er zog mich fast ein halbes Jahr aus dem Verkehr. Der neue Job war somit nach meiner Genesung passé. Um mich weiter zu qualifizieren machte ich auf Anraten meines Sachbearbeiters im Arbeitsamt eine Umschulung zur Bauzeichnerin Hochbau. Die erfolgreiche IHK-Prüfung fand im Juni 1996 statt. Danach versuchte ich erneut, eine Arbeit zu bekommen. Das gelang mir bis zum Jahr 2000 trotz zweier IHK-Ausbildungen nicht. Der mir genannte häufigste Grund: mangelnde Flexibilität als Alleinerziehende. Aus Verzweiflung entschied ich dann, eine Anstellung im Callcenter anzunehmen. Der monatliche Lohn in Vollzeit betrug
1.600 € brutto.

Kundin im Jobcenter

Dort habe ich acht Jahre gearbeitet, mit einem Burn-out-Syndrom aufgehört und mich im Rahmen einer Ich-AG selbstständig als Handelsvertreterin selbstständig gemacht. Ein Fehler, denn nach einem Jahr hörte die Förderung durch das Arbeitsamt auf, meine Geschäftsidee ging den Bach runter. Ich suchte mir wieder einen Job: in der Datenerfassung, Monatsgehalt 1.600 Euro brutto. Das sind netto  etwa 1.100 Euro, abzüglich 145 Euro für die Fahrkarte zum Job. Ein Einkommen fast auf Hartz IV-Niveau, für einen ganzen Monat stupider, entfremdeter Arbeit. Das Schlimmste war jedoch, als ich diesen Niedriglohnjob verlor, bekam ich nur etwas über 600 Euro Arbeitslosengeld I und musste dementsprechend beim Jobcenter „aufstocken“. Die Folge: Ich verlor meinen Status als „Kundin“ der Arbeitsagentur und erhielt eine bereits versprochene Weiterbildung in Zollabwicklung SAP nicht.

Stattdessen wurde ich nun direkte „Kundin“ im Jobcenter. Ich war hoch motiviert, sofort wieder in Arbeit zu kommen. Meinem Sachbearbeiter erzählte ich von der bereits geplanten Weiterbildung, die ich dringend benötigte, um wieder einen guten Job im Export zu finden. Es war vergebliche Liebesmühe. Nie habe ich eine Weiterbildung vom Jobcenter erhalten, obwohl ich hartnäckig immer wieder darum gebettelt habe. Stattdessen bekam ich zu hören: „Gehen Sie doch für 450 Euro putzen. Sie sind doch eine Frau, putzen können Sie doch wohl!“ Nach zwei Jahren hatte ich das große Glück, einen neuen Sachbearbeiter im Jobcenter zu bekommen. Er hatte ein Einsehen und organisierte mir als Langzeitarbeitslose über den Europäischen Sozialfond eine Einarbeitung im Bereich Verkehrssicherung von Baustellen. Eine interessante und gut bezahlte Beschäftigung.

Der Fehler dieser teuren Maßnahme: Sie war nur für zwei Jahre gefördert und befristet. Nach Ablauf der Befristung gab es eine Verlängerung um ein Jahr, im August 2019 lief der Vertrag endgültig aus, er hätte jetzt entfristet werden müssen. Seitdem bin ich erneut „Kundin“ der Arbeitsagentur und werde wahrscheinlich im Jahr 2020 wieder in den Genuss von Hartz IV kommen.

Mein Fazit

Hartz IV ist ein System, das darauf ausgelegt ist, Menschen entweder in Niedriglohnarbeit zu zwingen oder sie komplett fallen zu lassen. Es wird viel gefordert, jedoch nichts gefördert. Ganz besonders trifft das auf ältere ArbeitnehmerInnen und junge Erwachsene zu. Mitarbeit und Initiative werden gefordert, die rigiden Vorschriften und Regeln jedoch hindern Hartz IV-Betroffene daran, sich tagsüber in Eigenregie weiterzubilden oder Praktika zu machen, für einen neuen Einstieg. Denn man muss dem Arbeitsmarkt, der für Hartz IV-EmpfängerInnen so gar nicht existiert, voll zur Verfügung stehen. Teure Maßnahmen, die keinerlei Wirkung haben, werden an Bildungsträgern bezahlt. Sinnvolle Weiterbildungen, die zu guter Arbeit führen könnten, werden verweigert. Wenn man Zweifel äußert oder eine Maßnahme ablehnt, wird man immer noch sanktioniert. Auch 30 Prozent weniger bedeuten für mich Entzug von Nahrung. Der Regelsatz reicht schon so nicht zum Leben.

Das alles und meine miesen Aussichten bei der Rente sind der Grund, warum ich seit Jahren für die Einführung eines bedingungslosen, teilhabesichernden Grundeinkommens kämpfe. Mit der Entscheidungsfreiheit, die ein solches bedingungsloses Grundeinkommen mir damals gegeben hätte, hätte ich manche Jobs niemals annehmen müssen. Ich hätte mich weitergebildet und ohne Existenzangst nach guter Arbeit gesucht. Ich hätte nicht aus blanker Geldnot in Vollzeit gearbeitet, sondern auch mehr Zeit für die Erziehung meiner Kinder gehabt. Und ich bin sicher, ich hätte wesentlich früher zum politischen Engagement gefunden, da ich auch dafür Zeit gehabt hätte. Zeit für gesellschaftlich wichtige Themen und machbare Lösungen. Stattdessen muss und musste ich  darüber grübeln, wie ich in der letzten Woche eines Monats der Kühlschrank gefüllt werden kann und ob ich endlich wieder in Arbeit komme, von der ich leben kann.

Michaela Kerstan, 58 Jahre alt, Mutter zweier Söhne