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(Aus-)Bildungsgerechtigkeit jetzt umsetzen

Nachricht von Birke Bull-Bischoff, Jutta Krellmann,

Die Digitalisierung stellt große Herausforderungen an Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitswelt, bietet aber auch enorme Chancen. Drei Jahre lang untersuchte deshalb im Bundestag die Enquête-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“, wie dieser Modernisierungsprozess von der Politik gestaltet werden kann und welche Anforderungen sich dabei für die berufliche Aus- und Weiterbildung ergeben. 

Für die Fraktion DIE LINKE arbeiteten in der Kommission unsere bildungspolitische Sprecherin Birke Bull-Bischoff und unsere Sprecherin für Arbeit und Mitbestimmung, Jutta Krellmann, mit. Am 22.06.2021 wird der Abschluss-Bericht der Kommission der Öffentlichkeit vorgestellt. Wir luden am Montag, den 14.06.2021 bereits dazu ein, Erfahrungen und Ergebnisse dieser Enquête-Kommission im Rahmen einer Online-Veranstaltung zu beleuchten und zu diskutieren.

Gut 40 Teilnehmende – Schüler*innen, Eltern, Verbandsvertreter*innen, Lehrkräften und Politiker*innen aus den Ländern – fanden sich am Montagabend zur Onlineveranstaltung ein und diskutieren lebhaft und fachlich intensiv in Arbeitsgruppen mit den Abgeordneten und Sachverständigen über die zuvor präsentierten Kurzvorträge. Dabei ging es um drei Schwerpunkte, für die sich die Fraktion DIE LINKE. im Bundestag besonders einsetzt: 

Qualitätsstandards in Schulische Berufsausbildung in Gesundheitsfachberufen und beim Beruf Erzieher/ innen, 

Frauendomänen in der schulischen Berufsausbildung in Gesundheitsfachberufen und Erzieher/innen in dieser Zeit endlich stärken, deshalb gleiche Ausbildungsstandards und Ausbildungsvergütung in der schulischen Berufsausbildung durch Bundesgesetzgebung.

Dazu gab es einen Kurzbeitrag (PDF, Klick auf Name zum Herunterladen) von Birke Bull-Bischoffbildungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, Obfrau der Enquetekommission.

Ergebnisse der Debatte in der Arbeitsgruppe:

  • Der Leidensdruck bei Azubis/Schüler:innen steigt und Erfahrungsberichte von finanziellen Belastungen der Azubis/Schüler:innen häufen sich. Deshalb ist die Ausbildungsvergütung so wichtig.
  • Bei Qualitätsstandards, Schutzrechten, Vergütung, Mitbestimmungsrechten in der Berufsausbildung sollte Analogie zu dualer Ausbildung hergestellt werden, die in einem Bundesgesetz verankert werden.
  • Die Fachschulen müssen bei den anstehenden Veränderungen sensibel mitgenommen werden.
  • Die neuen Erfahrungen mit der Ausbildungsfinanzierung über Umlagefonds wie in der Pflegeausbildung nach dem neuen Pflegeberufe-Gesetz sollten auf die schulische Berufsausbildung insgesamt übertragen werden.
  • Die Ausbildung der Heilerziehungspfleger:innen sollte in Reformprozesse der Berufe des Gesundheit-, Erziehungs-, Sozialwesens einbezogen werden, da sie bislang keiner anderen Kategorie angehören.
  • Der Beruf der Erzieher/in ist auf der Stufe 6 im Deutschen Qualifikationsrahmen angesiedelt. Diese Einordnung auf Weiterbildungsniveau muss erhalten bleiben. KMK hatte versucht die Erzieher:innen-Ausbildung zu standardisieren, ist aber wegen Qualifikationsabsenkung gescheitert.

Inklusion in der Beruflichen Bildung und Reformschritte

Risiken für individuelle Bildungswege verhindern, Sonderstrukturen abschaffen – endlich Inklusion und Ausbildungsgerechtigkeit, deshalb Abschaffung der Selektionskategorie »Ausbildungsreife« und Reform des Übergangssektors, digitale Ausstattung und digitale Grundbildung sowie Integration der Auszubildenden mit Förderbedarf ins Berufsbildungsgesetz.

Kurzbeitrag von Prof. Dr. Uschi BylinskiFH Münster Institut für Berufliche Lehrerbildung, Berufliche Bildung - Didaktik inklusiven Unterrichts, Sachverständige der Enquetekommission

Ergebnisse der Debatte in der Arbeitsgruppe:

  • Ausbildungskonzepte wie Ausbildungsbausteine, Unterstützungsinstrumente wie assistierte Ausbildung oder Coaching verweisen auf bereits bestehende und auszubauende sowie in der schulischen Berufsausbildung zu etablierende Instrumente der individuellen Förderung.
  • Die Rolle der außerbetrieblichen Ausbildung ist besonders wichtig und kann als dritter Lernort gesehen werden, an dem nicht nur Jugendliche mit Förderbedarf, sondern je nach Konjunkturlage in unserem marktgesteuerten Ausbildungssystem immer auch sog. marktbenachteiligte Jugendliche ausgebildet werden. Allerdings muss auch dieser Lernort sich entsprechend der zukünftigen Herausforderungen wandeln, insbesondere hinsichtlich der betriebsnahen Ausbildung und Kooperation mit Betrieben weiter öffnen.
  • Um inklusive Instrumente und Ausbildungskonzepte (weiter)zu entwickeln braucht es Pilotprojekte und Modellversuche. Aber ein schrittweiser Umbau des Ausbildungssystems ist zudem notwendig, denn die Ausbildung von jungen Menschen mit Förderbedarf muss ins BBiG integriert werden. Ihre Ausbildungschancen sind in den arbeitsmarktpolitischen Instrumenten der Sozialgesetzbücher SGB geringer.
  • Es gilt zukunftsträchtige Berufe auch für diese Zielgruppe zu öffnen, etwa auch die schulische vollqualifizierende Berufsausbildung in der Pflege. Die Digitalisierung erfordert von Beschäftigten eine Steuerung von digitalen Systemen. Dafür ist eine umfassende berufliche Handlungskompetenz wichtig, eine theoriereduzierte Ausbildung reicht hier nicht aus.
  • Ansatzpunkt für Veränderung sind bspw. die Lehrer/innenbildung und Good Practice, die reflektiert, verbreitet und in andere Bereiche transferiert wird.

Recht auf Ausbildung und Ausbildungsfonds mit einer Umlagefinanzierung unter Beteiligung aller Betriebe.

 Links wirkt! Ohne die Linksfraktion gäbe es im Bericht keine Empfehlung zur Umlagefinanzierung: Die Jugend braucht sofort ein klares Signal für ausreichend Ausbildungsplätze und gesellschaftliche Teilhabe, deshalb jetzt eine gesetzliche Regelung zu Ausbildungsfonds und einem Recht auf Ausbildung im Berufsbildungsgesetz.

Kurzbeitrag von Thomas ResselRessortleiter Bildungs- und Qualifizierungspolitik beim Vorstand der IG-Metall, und ein Statement von Jutta KrellmannSprecherin für Mitbestimmung und Arbeit der Linksfraktion im Bundestag, Mitglied der Enquetekommission in der Arbeitsgruppe.

Ergebnisse der Debatte in der Arbeitsgruppe:

  • Die betriebliche Ausbildung hat Vorrang und muss daher zuallererst gestärkt werden. Außerbetriebliche Angebote sind bei Ausbildungsplatzmangel als Alternative und „letzter Rettungsanker“ anzusehen. Das Problem dort ist die fehlende betriebliche Mitbestimmung z. B. durch eine Jungend- und Auszubildenden-Vertretung. Zudem ist eine mögliche Übernahme in Beschäftigung nicht gegeben. Durch die Ausbildungsumlage müssen echte Ausbildungskosten abgedeckt werden, es soll keine niedrige Pauschale geben. Ausgebildete Fachkräfte z.B. werden durch die Industrie dem Handwerk abgeworben, deshalb sind auch einige Unternehmer*innen für eine Ausbildungsumlage.
  • Eine Branchenlösung ist in der Praxis schwer umsetzbar, tarifliche Lösungen zum Ausbildungsfonds wären Bestandteil des Gesamtverteilungsrahmens und es ist fraglich ob es in den Gewerkschaften, auch der IG Metall, dafür aktuell Mehrheiten gibt. Daher ist eine gesetzliche Reglung im SGB und/oder Berufsbildungsgesetz (BBiG) notwendig, die den Sozialpartnern die Organisation von Ausbildungsfonds überantwortet.
  • Die Gewerkschaftsjugend ist gegen eine Verankerung Ausbildungsgarantie im BBiG, weil es nicht alle Ausbildungsberufe abgedeckt.  Dafür spricht jedoch, dass so die Arbeitgeber das Recht auf Ausbildung finanzieren. Eine alleinige Finanzierung durch die Beitragszahler, mit einer gesetzlichen Verankerung in den Sozialgesetzbüchern, ist zu vermeiden. Eine Lösung könnte sein, die Ausbildungsgarantie sowohl im BBiG als auch im SGB zu verankern.

Die Diskussion zeigte die wichtigen Handlungsbedarfe und stellte weitergehende Forderungen auf, um die zukünftigen politische Perspektiven abzustecken. Wir fordern: Der Enquetebericht Berufliche Bildung steht - jetzt muss umgesetzt werden! Die Politik ist jedoch gefordert, darüberhinausgehende Forderungen aufzugreifen, wie unsere Veranstaltungsergebnisse verdeutlichen.


Weitere Informationen zu Beruflicher Bildung und den Positionen und Initiativen der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag finden Sie in unserem Dossier zum Thema.